Fußball Management by Publikumsliebling

Die Clubs der Fußballbundesliga sind schon lange eigene Wirtschaftsunternehmen. Doch trotz der umgesetzten Millionenbeträge fehlt vielen Vereinen eine klare Führungsstruktur. Die Akademikerquote im Management ist gering, vielen Sportdirektoren mangelt es an beruflichen Erfahrungen abseits des Fußballs.

Hamburg - In den europäischen Wettbewerben fallen die Clubs der Fußball-Bundesliga seit Jahren zurück. Die Ligen aus Spanien, Italien, England und Frankreich sind deutlich an Deutschland vorbeigezogen - Rumänien und Russland liegen nur knapp hinter der Bundesliga. Begründet wird das damit, dass ausländischen Clubs mehr Geld zur Verfügung steht. Eine Studie beschäftigt sich nun allerdings mit der Frage, wie geeignet überhaupt die Manager im deutschen Fußball sind.

"Wir wollten wissen, ob die Führungsstrukturen oberhalb der Trainer gut aufgestellt sind und ob das Führungspersonal Anforderungen an modernes Management gerecht wird", erläutert Markus Zimmermann, Vorstandsmitglied der Freiburger Beratung Saaman Consultants. Immerhin seien die Bundesligavereine zu mittelständischen Firmen mit entsprechenden Anforderungen an Finanz- und Personalwesen, Strategie, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit gewachsen.

Die Organisation der Führung orientiere sich bei den meisten Vereinen der Fußballbundesliga nicht an einer "Best Practice". Macht- und Aufgabenverteilung im Führungszirkel seien von Verein zu Verein zum Teil so unterschiedlich wie die oft verwirrende Nomenklatur der Positionen. Zimmermann kommt zu dem Ergebnis: "Bei vielen Clubs herrscht in den Führungsstrukturen noch erhebliche organisatorische Unreife."

Zwar kristallisieren sich laut Studie über alle Clubs drei Führungsfunktionen heraus – vereinfacht gesagt ein Präsident, Geschäftsführer und Sportdirektor – das Zusammenspiel ist jedoch von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Oft weicht die Struktur auch deutlich von der Machtverteilung ab – etwa bei Bayern München, wo mit Uli Hoeneß der starke Mann lediglich einfaches Vorstandsmitglied ist. Oder bei Hannover 96, wo Eigentümer Martin Kind im Rang eines Geschäftsführers weitgehend unumschränkt das Sagen hat.

Der Eindruck dränge sich auf, als würden die Strukturen eher um Personen herum entstehen, statt eine richtige Struktur zu entwickeln und diese dann mit dem richtigen Personal zu besetzen, heißt es in der Analyse. Eine Ausnahme zu dieser Strukturkritik identifiziert die Studie allerdings: "Viele Vereine haben sich inzwischen einen hochkarätig besetzten Aufsichts- oder Beirat aufgebaut, dessen Rat und Kontakte hilfreich sind", so Zimmermann.

Mäzenatentum verbreitet

Mäzenatentum verbreitet

Die Studie weist darauf hin, dass sich derzeit mit dem VfL Wolfsburg nur ein Verein an dem sehr erfolgreichen englischen Modell versucht, bei dem die Aufgaben des Sportdirektors und Trainers in einer Person zusammengefasst sind.

"Diese Organisation hat den Vorteil, dass der für den sportlichen Erfolg direkt Verantwortliche gegenüber dem Management gestärkt wird. Damit lässt sich unser Systemdefekt besser vermeiden, dass bei sportlichem Misserfolg schnell der Trainer als Sündenbock gefeuert wird, die oft eigentlich Verantwortlichen aber im Amt bleiben", sagt Zimmerann.

Mäzenatentum ist in der Bundesliga nach wie vor weit verbreitet, obwohl eine unkalkulierbare finanzielle Abhängigkeit von einzelnen Personen oder Unternehmen kein wirklich zukunftsfähiges Konzept darstellt.

So bestimmen Michael A. Roth in Nürnberg, Martin Kind in Hannover und Walter Hellmich in Duisburg über ihre Zuwendungen auch die Geschicke des Vereins. Bei Schalke springt der Präsident schon mal mit einem Darlehen ein, bei Cottbus sorgt der Präsident für eine Bankbürgschaft bei jenem Institut, dem er hauptberuflich vorsteht.

"All dies ist natürlich nicht professionell", urteilt Zimmermann. "Eine unkontrollierte Machtentfaltung und ein Führungsstil nach Gutsherrenart lässt sich kaum vermeiden, wenn ein Club am Tropf und Goodwill einer Person hängt."

Auch bei Werksvereinen wie Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg wäre demnach schnell Feierabend, wenn sich die Geldgeber verabschiedeten. So zahlt der Konzern Bayer  jährlich nicht unerhebliche 25 Millionen Euro für die Fußballabteilung.

Ex-Profis keine Idealbesetzung

Ex-Profis keine Idealbesetzung

Auch die Lebensläufe und Qualifikationen der Funktionsträger hat die Studie untersucht. Gute Noten erhalten dabei die Klubpräsidenten, oft auch als Aufsichtsratsvorsitzende oder Vorsitzende des Verwaltungsrats bezeichnet. Die meisten haben eine herausragende Karriere außerhalb des Sports absolviert, sind finanziell unabhängig und können über ihre beruflich gewonnenen Erfahrungen und ihren Status den Verein gut repräsentieren.

Besonders positiv ist, dass über die Hälfte der Vereinspräsidenten einen starken wirtschaftlichen Hintergrund besitzt, entweder als Manager wie Erwin Staudt (Stuttgart), Bernd Schiphorst (Hertha) und Hans-Dieter Pötsch (Wolfsburg) oder als erfolgreicher Unternehmer wie Michael A. Roth (Nürnberg), Clemens Tönnies (Schalke), Werner Altegoer (Bochum) und Walter Hellmich (Duisburg).

Zu den Schwächen zählt, dass außer bei Franz Beckenbauer (Bayern München) kein Präsident je Spitzensport betrieben hat. Bei einem Durchschnittsalter von knapp 62 Jahren sind bereits vier Präsidenten über 70 Jahre. Personalexperte Zimmermann: "An diesen Stellen sollte ein Generationswechsel erfolgen." Die heute amtierenden Präsidenten sind im Schnitt seit sechs Jahren im Amt. Diese relative Kontinuität bewertet die Studie positiv, zumal auch keine "ewigen Präsidenten", die sich möglicherweise gegen Erneuerungen stellen würden, zu identifizieren sind.

Stärkere Defizite als bei den Präsidenten treten laut Studie bei den Geschäftsführern, oft auch als Vorstandsvorsitzende bezeichnet, auf. Bei diesen operativen Firmenchefs konnte nur bei zehn Personen eindeutig eine akademische Hochschulausbildung nachgewiesen werden. "Dieser Anteil ist zu niedrig", sagt Zimmermann. Immerhin sind neun Geschäftsführer Betriebswirte.

Für Ex-Fußballer an der operativen Spitze von Klubs wäre es demnach wünschenswert, wenn nach dem Ende der sportlichen Karriere ein BWL-nahes Kurzstudium absolviert werden würde. Zimmermann: "Trotz der Erfolge vom Karl-Heinz Rummenigge mit Bayern glauben wir, dass Ex-Profis keine ideale Besetzung für den Geschäftsführerposten großer Clubs sind."

Kaum Wirtschaftserfahrung

Kaum Wirtschaftserfahrung

Wenig überzeugend schneiden die Geschäftsführer bei Erfahrungen in der Wirtschaft ab. Nur etwa die Hälfte war, wie Jürgen Born (Bremen), Bernd Hoffmann (Hamburg), Roland Kentsch (Bielefeld) oder Hans-Joachim Watzke (Dortmund) vor ihrer jetzigen Tätigkeit erfolgreich in anderen Unternehmen tätig.

Gleichzeitig erscheinen der Studie zufolge die Geschäftsführer zu alt. Die Hälfte ist über 50 Jahre. Eine Verjüngung wäre nötig, um den Ansprüchen der zumeist jüngeren Zielgruppen gerecht zu werden. Mit einer durchschnittlichen Verweildauer von vier Jahren ist laut Studie auch bei den Geschäftsführern die erforderliche Kontinuität im Amt gegeben, um Konzepte und Ziele umzusetzen.

Das Profil der Sportdirektoren, in den Clubs auch als Manager oder Geschäftsführer bezeichnet, sollte anders sein als bei den Geschäftsführern. Eine langjährige und erfolgreiche Spielerkarriere sollte hier laut der Analyse sicherstellen, dass eine Arbeit nah an der Mannschaft möglich ist. Ex-Spieler verfügen in der Regel auch über die notwendigen guten Kontakte in der Szene.

Das Kriterium Ex-Spieler erfüllen denn auch 13 der aktuellen Amtsinhaber. Insgesamt vereinen sie 3761 Bundesliga- und 267 Länderspiele. Viele von ihnen waren überragende Fußballer. Weniger positiv schlägt zu Buche, so die Saaman-Studie, dass zu wenige Sportdirektoren wünschenswerte Erfahrungen auf anderen Feldern gesammelt haben. Zimmermann: "Den meisten Sportdirektoren fehlt der Blick über den Tellerrand Fußball."

Mangelware Auslandserfahrung

Mangelware Auslandserfahrung

Dass der Akademikeranteil unter Bundesliga-Sportdirektoren gering ist, spielt eine eher untergeordnete Rolle. Bei den Sportdirektoren ergibt sich ein durchschnittliches Alter von 47 Jahren. Kritisch merkt Zimmermann an, dass auch hier "eine Gruppe von sieben Amtsinhabern von über 50 Jahren existiert, die für diesen Job so eng an der Mannschaft eigentlich zu alt ist".

Fußball auf Bundesliganiveau ist mittlerweile ein äußerst internationales Gewerbe, nicht nur weil die Spieler mehrheitlich nichtdeutscher Herkunft sind. Doch gerade bei der Internationalität weist die Studie die größten Defizite auf. Es gibt in den Chefetagen der 18 Vereine keinen einzigen Ausländer.

"Die Qualifikation, nicht der Pass sollte ähnlich wie in der Wirtschaft über die Positionsbestzungen entscheiden", sagt Zimmermann. Auslandserfahrung hat nur eine Minderheit des Managements der Clubs erworben. Nur wenige Präsidenten wie Johannes Dietsch (Bayer Leverkusen), Erwin Staudt (Stuttgart) und Horst Klinkhammer (Hansa Rostock) verfügen über internationale Stationen in ihren Lebensläufen.

Dasselbe gilt für die Geschäftsführer und Sportdirektoren. Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler, die beide länger im Ausland kickten, gehören hier zu den Ausnahmen. Bei den Fremdsprachenkenntnissen konnte kein lückenloser Nachweis geführt werden. Auf Basis der verfügbaren Daten liegt jedoch die Vermutung nahe, dass eine internationale Parkettsicherheit bei der überwiegenden Mehrzahl der Personen nicht gegeben ist. Zimmermanns Fazit: "Das Management des Fußballs ist insgesamt zu deutsch."

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