manager-lounge Kluge Löwen und Gazellen

Die Kommunikationsgesellschaft steht vor großen Umwälzungen. Die Medienbranche erinnere derzeit an ein riesiges Labor, sagte dpa-Chef Malte von Trotha vor dem Auditorium der manager-lounge. "Online herrscht eine Informationsflut, inklusive einer netten Portion Informationsmüll", so von Trotha.
Von Karolin Köcher

Hamburg - "Halten Sie es für möglich, dass das Internet Zeitungen und Zeitschriften bald ganz verdrängen könnte?" stellte ein Manager gleich zu Beginn eine der zentralen Fragen. "Das glaube ich nicht", sagte von Trotha. "Tatsache ist allerdings, dass die Auflagen der Zeitungen in Deutschland kontinuierlich sinken."

Das Internet habe die gesamte Kommunikation verändert. "Kein Massenmedium, weder das Buch, noch die Zeitung, Hörfunk oder Fernsehen hat so uneingeschränkt die Voraussetzungen für jeden Menschen geschaffen, sich unabhängig von Vermittlern, Journalisten, Kapitalinteressen und Interessen anderer Art zu informieren und eine eigene Meinung bilden zu können und - und das ist die eigentliche Revolution - seine Meinung auch gleichzeitig anderen zur Verfügung zu stellen." Im Prinzip könne jeder Empfänger zum Sender werden. "Was aber bedeutet diese Revolution für jene, die in oder für die Massenmedien arbeiten?", fragte von Trotha.

Journalisten hätten im Prinzip ihr Monopol auf Vermittlung von Informationen und Meinungen verloren. Jeder habe einen direkten Zugang zur Öffentlichkeit. "Die bisherigen Werbekunden von Presse und Rundfunk können sich im Internet direkt an ihre Zielgruppen wenden." Das Geschäft mit den Kleinanzeigen sei bereits fast vollständig ins Internet abgewandert.

"Heute sieht man doch kaum noch jemanden, der sich auf der Suche nach einem Auto oder einer Wohnung eine Anzeige in der Zeitung anstreicht", veranschaulichte der Agenturchef und machte deutlich, dass auch die dpa als eine der weltweit größten Nachrichtenagenturen auf diese Herausforderungen reagiere. Das Berufsbild des Journalisten verändere sich immer mehr weg vom "Autor" hin zum "multimedialen Content-Produzenten".

Dabei gehe es nicht nur um die Verlagerung von Print zu Online. Derzeit erinnere vieles an ein riesiges Medienlabor, in dem jeder ausprobiere, was geht. Von Trotha: "Fest steht: keiner kann derzeit genau sagen, wo die Reise am Ende hingeht." Wahrscheinlich werde es auf eine Arbeitsteilung zwischen den klassischen Massenmedien und dem Internet hinauslaufen. Von Trotha: "Nicht ein Medium wird uns beherrschen, sondern der mehrdimensionale Wandel aller Medien."

Die Technik ermögliche und erfordere dabei nicht nur neue Organisationsformen in Redaktionen, sie verändere auch die Ansprüche an die Vermittlung und Präsentation von Informationen.

Nicht zu wenig, sondern zu viel

Nicht zu wenig, sondern zu viel

"Wir wollen daher unseren Kunden, den Journalisten bei den Print- und elektronischen Medien, nicht mehr nur isolierte Text- und Bilderdienste anbieten. Im Januar 2008 werden wir mit einem entsprechenden dpa-Portal starten", sagte von Trotha. Auch der Erfolg des seit April existierenden multimedialen dpa-Kindernachrichtendienstes zeige, dass es für die klassischen Medien diverse Chancen und Möglichkeiten gebe.

Für Journalisten biete sich eine neue Rolle an - die der "Mediatoren". Mit ihrer Kompetenz könnten sie als "Navigationssystem" im immer undurchsichtigeren Dschungel des World Wide Web Orientierung, Qualität und Sicherheit anbieten. "Online stoßen wir nicht auf ein 'Zuwenig' sondern auf ein 'Zuviel' - es herrscht eine Informationsflut inklusive einer netten Portion Informationsmüll."

Aber auch Werbetreibende verlangten nach neuen Möglichkeiten der Kundenansprache. Geschönte Werbeaussagen seien von Konsumenten immer leichter zu durchschauen, da das Internet mit seinen Blogs ein Forum der Wahrheit für Kunden geschaffen habe. Von Trotha: "Das Internet hat unsere Kommunikation revolutionär verändert. Egal, wer mit wem kommuniziert, egal in welcher Funktion, als Journalist, Produzent oder Werbestratege, wer dieser Erkenntnis nicht Rechnung trägt, wird Probleme bekommen."

Den Managern gab von Trotha eine alte afrikanische Weisheit mit auf den Weg: "Jeden Morgen, wenn über der Steppe die Sonne aufgeht, erwacht die Gazelle und weiß, sie muss heute schneller laufen als die langsamste Gazelle, wenn sie nicht gefressen werden will. - Jeden Morgen, wenn über der Steppe die Sonne aufgeht, erwacht auch der Löwe. Und er weiß, er muss heute schneller sein, als die langsamste Gazelle, wenn er nicht verhungern will. - Seien wir also kluge Löwen und Gazellen!"

Trotz dieses schönen Schlussappells wollten die Teilnehmer nicht sofort von dem Thema lassen und diskutierten angeregt weiter. Henk Knaupe, Präsident der Hamburger manager-lounge, dem exklusiven Businessclub des manager magazins, deren Mitglieder sich sowohl online auf einer eigenen Plattform austauschen als auch auf bundesweit regionalen Treffen, hatte das Medienthema nicht nur wegen seiner Aktualität und Brisanz gewählt, sondern auch wegen seines Bezugs zum Medienstandort Hamburg.

In einem Punkt schienen sich alle an diesem Abend einig: auf knisterndes Zeitungspapier will so schnell niemand verzichten. Wie eine aktuelle Emnid-Umfrage ergab, halten auch 78 Prozent der Deutschen die Tageszeitung trotz Internetkonkurrenz für unverzichtbar. "Eigentlich bin ich auf einem guten Weg", resümierte manager-lounge-Mitglied Malte Georg Lafrentz: "Für einen ersten schnellen Überblick nutze ich das Internet und zur Vertiefung Zeitungen und Zeitschriften."

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