Stan O'Neal Merrill-Lynch-Chef geschasst

Er war der mächtigste Schwarze an der Wall Street: Stan O'Neal, Vorstandschef von Merrill Lynch, einer der größten Investmentbanken der Welt. Doch durch die Subprime-Kreditkrise geriet auch sein Milliardenkonzern in dramatische Schieflage - jetzt ist O'Neal seinen Job los.

New York - Führungswechsel an der Wall Street bahnen sich gerne übers Wochenende an. Der Ablauf ist stets ähnlich. Ein Konzern gerät in Schieflage, Verwaltungsrat und Aktionäre beginnen zu murren, pikante Interna werden den Medien zugespielt. Die Dinge schaukeln sich hoch, und dann, meist nach dem freitäglichen Börsenschluss, wird der Vorstandschef diskret zur Rechenschaft gebeten. Kurz darauf ist er seinen Job los.

So auch diesmal. Der Protagonist: Stan O'Neal, CEO von Merrill Lynch , einer der weltgrößten Investmentbanken. Der 56-Jährige geht mit sofortiger Wirkung in den Ruhestand. Das teilte die US-Investmentbank offiziell am Dienstag mit. In der schriftlichen Erklärung des Unternehmens hieß es, O'Neal und der Verwaltungsrat seien "übereingekommen, dass ein Führungswechsel der beste Weg ist, um Merrill Lynch voranzubringen". Der seit Dezember 2002 amtierende Bankenchef werde durch Alberto Cribiore abgelöst, hieß es weiter. Cribiore, der seit 2003 dem Verwaltungsrat angehöre, sei aber nur Interimschef und werde der Suche nach einem Nachfolger vorsitzen. Die Co-Präsidenten Ahmass Fakahany und Gregory Fleming sollen ihre Posten behalten.

Als aussichtsreichster O'Neal-Nachfolger - neben diversen internen Merrill-Kandidaten - gilt offenbar Larry Fink, der als eher risikoscheu bekannte Chef der Investmentfirma Blackrock, an der Merrill Lynch 49 Prozent hält. Der 54-Jährige stehe Fleming nahe, heißt es. Fleming selbst wird auch als möglicher Kandidat gehandelt. Ein Szenario ist eine Machtteilung zwischen den beiden. Weitere Kandidaten könnten John Thain sein, Chef der NYSE Euronext, sowie Bob McCann, der Chef der riesigen Merrill-Brokersparte, sein. Thain soll aber unterdessen abgewunken haben.

O'Neal war bis jetzt der mächtigste Afro-Amerikaner in der amerikanischen Finanzwelt, wenn nicht gar der mächtigste Topbanker überhaupt. Der Sohn eines Baumwollfarmers und Enkel eines Sklaven aus Alabama hatte sich über Harvard bis hin zum Wall-Street-Multimillionär hochgerackert, mit einem verglasten Chefbüro an der Südspitze Manhattans, im World Financial Center, dem Zentrum der Geldmacht. Doch nun nahm O'Neals "American-Dream"-Aufstieg ein jähes Ende, nach knapp fünf Jahren im Spitzenamt.

O'Neal ist das bisher höchstrangige und prominenteste Opfer der Subprime-Kreditkrise, die auch die großen Wall-Street-Häuser immer mehr in ihren Sog reißt. Allen voran Merrill Lynch: Vergangene Woche landete die Investmentbank abgrundtief in den roten Zahlen, mit einem Quartalsverlust von 2,24 Milliarden Dollar - dem höchsten in seiner Geschichte. Grund: Wegen seiner Verstrickung ins Geschäft mit Ramschhypotheken musste der Finanzkonzern allein 8,4 Milliarden Dollar abschreiben, wesentlich mehr, als O'Neal kalkuliert hatte.

Im Vergleich dazu sind die anderen New Yorker Investmentbanken noch glimpflich davongekommen. Lehman Brothers  und Bear Stearns  mussten wegen des Subprime-Dramas im dritten Quartal je 700 Millionen Dollar abschreiben, Morgan Stanley  940 Millionen Dollar, Goldman Sachs  1,5 Milliarden Dollar.

"Es wurden Fehler gemacht"

"Es wurden Fehler gemacht"

Noch im August hatte O'Neal sich ganz locker gegeben: Die Hypothekenkrise sei "relativ gut eingegrenzt, und es gibt keine klaren Zeichen, dass sie in andere Unterbereiche des Kreditmarktes überschwappt", sagte er damals in einem Interview. Verhängnisvolle Worte.

Als sich das Quartalsdebakel andeutete, versuchte O'Neal zurückzurudern. Dazu tat er den ungewöhnlichen Schritt, persönlich an der Zwischenbilanz-Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten teilzunehmen, um die kochenden Gemüter zu beruhigen, auch intern. "Es wurden Fehler gemacht", gab er dabei zu und erklärte, er sei für die Misere "haftbar" zu machen.

Es half ihm wenig: Die Analysten gingen ihn scharf an, die Ratingfirma Standard & Poor's stutzte Merrills Kreditwürdigkeit noch während des leidigen Telefonats von AA- auf A+, die "Fehlleistungen des Managements" monierend. Schlechtes Omen: Zweimal wurde die einstündige Konferenzschaltung unvermittelt unterbrochen - einmal von Warteschleifendudelmusik, einmal von einem Test des Feueralarmsystems.

Die Resonanz auf das Quartalsergebnis war verheerend. Der Merrill-Aktienkurs kippte. "O'Neals Glaubwürdigkeit hat einen enormen Schlag erlitten", resümierte der Wirtschaftsblog "Breakingviews" des "Wall Street Journal" und attestierte O'Neal ein "dilettantisches Risikomanagement". "Köpfe werden rollen", prophezeite auch der Börsen-Blogger Todd Sullivan. Das "New York Magazine" rief eine "Stanley-O'Neal-Totenwache" aus.

Prompt formierte sich eine Front namhafter Kritiker. "Dies war eine großartige Firma, und sie wird nicht gut geführt", erklärte etwa Win Smith, Sohn des Merrill-Mitbegründers Winthrop Smith, der seinerzeit den Machtkampf um den Chefposten gegen O'Neal verloren hatte und daraufhin unwirsch aus dem Unternehmen gekegelt worden war. "Sie braucht in Zukunft die richtige Führungskraft."

Und so machten sich die Aasgeier ans Werk. Irgendjemand - anscheinend ein Mitglied des Verwaltungsrats - lancierte am Freitag an die "New York Times", O'Neal habe, um Merrill zu retten, eine Fusion seines angeschlagenen Konzerns mit der Großbank Wachovia  sondiert. Mit anderen Worten: einen Ausverkauf des 93-jährigen Traditionshauses. Dazu habe er Wachovia-Chef Kennedy Thompson persönlich angerufen - und zwar ohne Rücksprache mit dem Merrill-Board. Dies, steckte der Informant der "NYT", sei "ein bedeutender Bruch des Firmenprotokolls".

"Mullah Omar" und die "Taliban"

"Mullah Omar" und die "Taliban"

Dies ist der Stoff schönster Wall-Street-Intrigen. Für das Board war O'Neals Unbotmäßigkeit der sprichwörtliche letzte Tropfen im übervollen Fass - und die treffliche formelle Ausrede, ihn zu schassen - nach 20 Jahren im Dienst für die Traditionsfirma

Schon länger nämlich grummeln die Verwaltungsräte und auch die Anteilseigner, dass Merrill Konkurrenten wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley hinterherhinkt. Kein Wunder, dass der 56-jährige O'Neal - der allein voriges Jahr 46,4 Millionen Dollar an Gehalt und Bonus einstrich - als Erster unter die Räder kam. Seine allseits bekannte Freude zum Investmentrisiko rächte sich bitter.

Doch noch etwas anderes ließ schon vorab Böses ahnen für O'Neal. Als der kühl kalkulierende Merrill-Veteran Ende 2002 nach internen Kämpfen zum CEO des Konzerns aufrückte, als erster Afro-Amerikaner überhaupt an die Spitze einer Wall-Street-Firma, da machte er sich mehr Feinde als Freunde. Er feuerte über ein Dutzend Topmanager und ersetzte sie durch treue Vasallen, um seine wacklige Autorität zu stützen. Bald nannten sie ihn hinter vorgehaltener Hand "Mullah Omar" und seine Riege die "Taliban".

Die Abservierten tragen ihm das bis heute nach - und standen Gewehr bei Fuß, um jetzt durch gezielte Indiskretionen und Querschüsse seinen Abgang zu befördern. Genauso war es vor zwei Jahren auch Philip Purcell gegangen, dem damaligen CEO von Morgan Stanley.

Schon vor Verkündung der Quartalszahlen hatte das Board O'Neal in die Zange genommen. Eine Sitzung am vorvergangenen Sonntag sei "sehr gereizt" verlaufen, steckte ein Teilnehmer dem "Wall Street Journal". Wortführer der Kritiker war nach Informationen der "Financial Times" Verwaltungsrat Armando Codina, der mächtigste Immobilienfürst Miamis und ein guter Freund von US-Präsident George W. Bush. Ironie der Geschichte: O'Neal hatte Codina 2005 selbst ins Board geholt. "Er bringt enorme finanzielle, betriebliche und strategische Erfahrung mit", hatte O'Neal ihn da gelobt.

O'Neal machte noch einen halbherzigen Versuch, die hausinternen Truppen auf seine Seite zu bringen. Er lud seine Topbroker zum Dinner ein, ein ungewöhnlicher Zug. Doch da kursierten die Gerüchte über seinen Rausschmiss längst. Auch O'Neal selbst hatte sich da offenbar bereits mit seinem Schicksal abgefunden: Zu Beginn des vergangenen Wochenendes habe er Freunden anvertraut, er erwarte das Aus, meldete der TV-Wirtschaftssender CNBC. Die Reaktion der Börse sagte alles: Die Merrill-Aktie schloss am vergangenen Freitag aufgrund der Rücktrittsspekulationen um 8,5 Prozent im Plus.

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