Rücktritt Merrill-Lynch-Chef O'Neal gibt auf

Der Chef der US-Investmentbank Merrill Lynch, Stan O'Neal, ist zurückgetreten und scheidet aus dem Unternehmen aus. Damit zieht O'Neal die Konsequenzen aus den Milliardenverlusten der Investmentbank. Ein Nachfolger soll noch bestimmt werden.

New York - Alberto Cribiore werde O'Neal in seiner Funktion als nicht am Tagesgeschäft beteiligter Vorsitzender des Direktoriums ersetzen, teilte Merrill Lynch am Dienstag weiter mit. Cribiore werde auch ein Komitee leiten, das einen Nachfolger für O'Neal als CEO suchen soll.

Die Aktie von Merrill Lynch  tendierte zu Börsenbeginn in New York bei 1,6 Prozent im Minus. Der 56-jährige O'Neal war unter Druck geraten, weil er die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise auf die Bank unterschätzt hatte. Unter seiner Ägide schrieb Merrill Lynch den größten Quartalsverlust seit der Gründung vor 93 Jahren.

Analysten zeigten sich von dem Rücktritt O'Neals nicht überrascht: "Merrill Lynch hat im Risikomanagement daneben gegriffen und einer musste jetzt den Kopf dafür hinhalten", sagte David Killian von Stoneridge Investment Partners. William Larkin von Cabot Money fügte hinzu: "Das war nur der erste Teil. Jetzt geht es darum, wie die Bank den Wechsel verkraftet."

O'Neal hatte vergangene Woche die Verantwortung für die rund acht Milliarden Dollar schweren Wertberichtigungen übernommen, die im Zuge der US-Hypothekenkrise entstanden waren. Es waren über drei Milliarden Dollar mehr, als die US-Bank erst zwei Wochen zuvor vorhergesagt hatte. Merrill musste deshalb im dritten Quartal einen Verlust von 2,3 Milliarden Dollar ausweisen - der höchste seit ihrer Gründung vor 93 Jahren. Unter Druck waren auch der Co-Präsident der Bank, Ahmass Fakahany, und der Investmentbanker Greg Fleming geraten. Wie Merrill Lynch erklärte, sollen die beiden aber weiter an Bord bleiben.

Vom Autobauer zum Investmentbanker

O'Neal ist das bislang prominenteste Opfer der Krise am US-Markt für zweitklassige Hypothekendarlehen ("Subprime"). Der ehemalige Bandarbeiter in einer Automobilfabrik war der erste Afro-Amerikaner an der Spitze einer großen US-Investmentbank. Seit seinem Amtsantritt 2002 hat er die Expansion von Merrill Lynch ins Ausland kontinuierlich vorangetrieben. Die Gewinne der Bank haben sich bis Mitte 2007 verfünffacht.

Groß geworden ist O'Neal im südlichen Bundesstaat Alabama, wo er als kleiner Junge auf der Getreide- und Baumwollfarm seines Großvaters arbeitet. Später zogen seine Eltern nach Atlanta, als sein Vater bei General Motors einen Job bekam. Auch O'Neal arbeitet dort um sich sein Studium zu finanzieren. Bei Merrill Lynch erwarb er sich den Ruf eines Sanierers, der ihn schließlich auch an die Spitze des Unternehmens brachte.

O'Neal strich im vergangenen Jahr knapp 50 Millionen Dollar an Bezügen ein. Aber auch nach seinem Ausscheiden bei Merrill Lynch dürfte er kaum unter Finanznot leiden: Laut der Zeitung "Wall Street Journal" ist sein Abfindungspaket etwa 200 Millionen Dollar schwer.

manager-magazin.de mit Material von reuters

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