Organisation Vom Segen des Chaos

Chaotischer Schreibtisch, wirre Abläufe im Unternehmen? Dafür sollte sich keiner schämen, meint Eric Abrahamson, Koautor des Buches "Das perfekte Chaos". Der Experte verrät im Gespräch mit manager-magazin.de, warum zu viel Ordnung schadet - und wieso Unordnung optimal sein kann.

mm.de: Wir alle wären doch gerne perfekt organisiert. Wie kann ausgerechnet Ordnung Unternehmen schaden?

Abrahamson: Ganz einfach: Ordnung bringt nicht nur Nutzen, sondern hat auch Kosten; und wenn die Kosten für Ordnung größer sind als ihr Nutzen, dann sollten Sie unordentlicher werden. Viele Firmen geben viel zuviel Geld für Ordnung aus. Die Deutschen scheinen übrigens eine besondere Affinität für klar geordnete Systeme zu haben. Interessanterweise gibt es im Deutschen kein Wort, das dem englischen "messiness" exakt entsprechen würde - es hat immer alles mit Un-Ordnung zu tun.

mm.de: Gut, Ordnung mag teuer sein. Aber wie kann ein Unternehmen von Unordnung profitieren? Nimmt man die nicht höchstens billigend in Kauf?

Abrahamson: Unordnung kann großen Nutzen bringen. Wenn eine Firma sehr ordentlich strukturiert ist, sitzen alle Angestellten eines Aufgabenbereichs auf derselben Etage - die Finanzleute auf einer, das Marketing auf der nächsten und so weiter. Wenn es aber ein völliges Durcheinander gibt, wer auf welcher Etage sitzt, gibt es weit mehr Interaktion zwischen den verschiedenen Bereichen. Das bringt Menschen zusammen, die sonst nicht zusammenkämen, und das ist ein wichtiger Motor für Kreativität, die dem Unternehmen zugute kommt. Eine Mischung von Freiheit und Ordnung, Chaos und Kontrolle motiviert am besten.

Einer der größten persönlichen Vorteile von Unordnung ist übrigens, dass Sie schwerer zu feuern und schwerer zu durchschauen sind. Computerprogrammierer arbeiten manchmal so: Außer ihnen selbst findet sich niemand in ihren Programmen zurecht. Oder schauen Sie sich die Terrororganisation Al-Qaida an: Die ist ohne erkennbare logische Struktur aufgebaut und deshalb so extrem schwer zu bekämpfen.

Und ein weiterer Punkt ist Schönheit. Unordnung kann eine Quelle großer Schönheit sein. Die Gemälde von Jackson Pollock, die Gebäude von Frank O. Gehry - die haben keine klar erkennbare, regelmäßige Ordnung, aber sie sind einfach sehr schön, im Gegensatz zu einer langweiligen Reihenhaussiedlung oder einer Reihe standardisierter Büros in einer Firma. Hässlichkeit kann in jeder Hinsicht sehr demotivierend sein.

"Wollen wir Macht oder Effizienz?"

mm.de: Aber die meisten Leute leiden doch unter Unordnung - der eigenen und der anderer.

Abrahamson: Unsere Untersuchungen haben anderes ergeben. Die Leute, die ordentliche Schreibtische haben, verbringen im Schnitt zwei Drittel mehr Zeit damit, Dinge zu finden. Man glaubt immer, ordentlich zu sein, hieße, Dinge schnell finden zu können. Aber man vergisst eben auch oft, wie man die Dinge einsortiert hat.

Die Computersimulationen, mit denen ich gearbeitet habe, zeigen, dass moderate Unordnung am besten funktioniert. Wenn man die ganze Zeit aufräumt, bekommt man nichts geschafft - und wenn man gar nicht aufräumt, auch nicht. Menschen, die an perfekte Ordnung als Selbstzweck glauben, überschätzen häufig, wie ordentlich sie sein sollten. Wir sind so besessen von Ordnung, dass wir uns wegen unserer Unordnung schuldig fühlen, obwohl sie mehr nützt als schadet.

mm.de: Wie finde ich heraus, welches Maß an Unordnung optimal ist?

Abrahamson: Durch Versuch und Irrtum. Personen und Firmen, die weniger mit standardisierten Routineaufgaben zu tun haben, müssen unordentlicher sein. Sich seiner Unordnung wegen zu schämen ist falsch, denn oft hat man gerade das Optimum an Unordnung, das man braucht. Man muss gar nichts ändern.

mm.de: Aber Unordnung in der Organisationsstruktur und der Arbeitsweise eines Unternehmens - ist das nicht mit einem hohen Kontrollverlust für das Management verbunden? Mit Führungsschwäche?

Abrahamson: Ja, das ist es. Aber wenn Sie damit zugleich Ihren Angestellten den Rücken stärken, muss das überhaupt kein Problem sein. Wenn Sie die frühere DDR und Westdeutschland vergleichen: Im Osten gab es Fünfjahrespläne und perfekte Kontrolle - in Westdeutschland eine weitaus größere Bandbreite an Verhaltensweisen und Handlungsmöglichkeiten.

Die größere Kontrolle, die die DDR über ihre Ökonomie hatte, hat ihr kein Stück geholfen und keine Effizienz erzeugt. Die Frage ist doch: Wollen wir mehr Ordnung, weil wir mehr Macht wollen? Oder tolerieren wir Unordnung, weil wir mehr Effizienz wollen?

"Klarer Fall von Überorganisation"

mm.de: Selbst wenn wir verstehen, dass wir von Unordnung profitieren können, warum fällt es uns so schwer, sie zu akzeptieren?

Abrahamson: Das hat historische Gründe. Viel vom Mythos der Ordnung geht auf Leute wie den Arbeitswissenschaftler Frederick Taylor zurück, der Ingenieur war. Im Zeitalter der industriellen Revolution, im 19. Jahrhundert, sahen die Leute, dass die ganze Macht im Grunde von den Maschinen ausging.

Sie fragten sich: Wenn Maschinen, die sehr ordentlich strukturiert sind, so gut laufen, warum können wir Organisationen nicht ebenso reibungslos wie Maschinen betreiben? Warum können wir uns Angestellte nicht als Teile von Maschinen denken und Manager als Ingenieure, die diese Teile zusammensetzen?

Diese Metapher hat in der industriellen Revolution sehr gut funktioniert, und wir haben sie geerbt, aber für das Informationszeitalter taugt sie nichts mehr. Es ist im Informationszeitalter zum Beispiel sehr einfach, Dinge zu finden, obwohl das Internet völlig chaotisch aufgebaut ist.

Wir leben also heute in einer völlig anderen Welt. Aber das Gefühl, dass mehr Ordnung einfach besser ist, ist uns aus dieser Zeit geblieben. Wir müssen mit diesem Konzept der industriellen Revolution brechen; Firmen müssen heute nicht mehr wie Maschinen funktionieren.

mm.de: Welche Gefahr ist größer: Neigen große Unternehmen eher dazu, im Chaos zu versinken, oder ersticken sie in Bürokratie?

Abrahamson: Die Tendenz geht immer Richtung Chaos, wenn man die Dinge sich entwickeln lässt. Aber die meisten Firmen bekämpfen diese Entwicklung und werden dann überordentlich. Nehmen Sie IBM: Die Organisationsstruktur besitzt eine siebendimensionale Matrix, die für viele der Angestellten schlicht nicht zu begreifen ist. Ein klarer Fall von Überorganisation.

"Menschen, die Regeln brechen"

mm.de: Gibt es Firmen, die Chaos und Unordnung bewusst nutzen?

Abrahamson: Google zum Beispiel gibt nicht zu viel Geld für Ordnung aus und ist damit extrem erfolgreich. Viele Computerspieleentwickler arbeiten auch so: Dort gibt es chaotische Büros und Leute, die in einer ganz offenen Architektur auf den Fluren zufällig aufeinander treffen.

mm.de: Es gibt dieses Einstein-Zitat: "Wenn ein unordentlicher Schreibtisch auf einen unordentlichen Geist hinweist, worauf deutet dann ein leerer Schreibtisch hin?" Vielen Unternehmen gilt die "empty desk policy" ja immer noch als erstrebenswerte Hausrichtlinie.

Abrahamson: Wir haben uns intensiv mit Firmen befasst, die mit einer "empty desk policy" arbeiten. Das Ergebnis: Die Angestellten schaufeln ihr Chaos einfach in Schubladen und Schränke. Es sieht nach Ordnung aus, aber es ist keine. Der einzige Grund für absolut aufgeräumte Schreibtische ist, dass Kunden vom sichtbaren Chaos abgeschreckt werden könnten.

Wo allerdings gar kein Kundenverkehr ist, hat die "empty desk policy" überhaupt keinen Sinn. Man diskriminiert damit nur Personen, die kreativ arbeiten, die sich weniger an Regeln gebunden fühlen, die neuen Erfahrungen mögen. Menschen, die mit den Regeln brechen, können für den Erfolg eines Unternehmens ungeheuer wichtig sein.

Während Mitarbeiter ihre Schreibtische aufräumen, beschäftigen sie sich nicht mit den wichtigeren Dingen. Wenn man Mitarbeiter, die keine Routinejobs haben, zu einem perfekt aufgeräumten Schreibtisch zwingt, arbeitet man gegen ihre Natur und gegen das, was sie brauchen.

mm.de: Wie sieht Ihr Schreibtisch jetzt gerade aus?

Abrahamson: Er befindet sich in einem optimalen Zustand der Unordnung. Mehr Chaos würde meine Arbeit verlangsamen, mit weniger würde ich zu viel Zeit mit Aufräumen verschwenden. Einfach perfekt.

Bildergalerie: Chaos im Büro

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