manager-lounge Drache schlägt Tiger

Indien kann China nicht das Wasser reichen. Warum das so ist? manager-lounge befragt seine Mitglieder Clas Neumann (SAP, Indien), Martina Moesche (Siemens VDO, China) und Axel Joachim Maschka (Bosch, Indien) zu den Stärken und Schwächen beider Länder.
Von Susanne Theisen-Canibol

Noch liegt die weltgrößte Demokratie Indien wirtschaftlich gegenüber dem globalen Powerhaus China zurück. Zwar ist Indien hinter den USA und China die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Gleichwohl ist der Wirtschaftsboom des Subkontinents gefährdet. Denn die Infrastruktur Indiens ist ernsthaft überlastet.

Das hohe Wachstumstempo kann nicht aufrechterhalten werden, wenn die Entwicklung der Infrastruktur nicht schneller vorangeht und mit der Nachfrage Schritt halten kann. So lauten die Kernaussagen des ersten Länderberichts, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, in der vergangenen Woche vorlegte.

Entsprechen diese Ergebnisse den täglichen Erfahrungen deutscher Topmanager, die vor Ort leben und arbeiten? manager-lounge hinterfragte zusammen mit Clas Neumann (SAP), Martina Moesche (Siemens VDO) sowie Axel Joachim Maschka (Robert Bosch) die Stärken und Schwächen Indiens im Vergleich zu der anderen großen asiatischen Wirtschaftsmacht China.

manager-lounge: Die Boomwirtschaften Indien und China werden oft gemeinsam genannt. Ist das gerechtfertigt?

Moesche: China und Indien zählen zu den aufstrebenden Wirtschaftsnationen. Beide Volkswirtschaften sind sehr große Käufer- und Lieferantenmärkte – das macht sie interessant. Doch danach hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Die Kulturen sind vollkommen unterschiedlich, die Regierungsformen ebenfalls. Man muss sich vor Augen halten, dass eine Reise von Shanghai nach Bangalore länger dauert als von Frankfurt nach Bangalore. Allein daran kann man ermessen, dass Asien nicht gleich Asien ist.

Maschka: Indien ist eine Demokratie, da wird auch gegen Landenteignung geklagt. Dadurch braucht dort alles etwas länger als im zentralistisch regierten China. Aber Veränderungen und Errungenschaften sind dann freiheitlich und mit demokratischen Mitteln erreicht worden, etwa unter Nutzung der Pressefreiheit. Wenn Bauern gegen ein neues Tata-Produktionswerk demonstrieren, geschieht das wie in Europa mit Statements und Bildern in allen Medien.

Neumann: SAP tauscht regelmäßig Mitarbeiter zwischen Chengdu, Shanghai und Bangalore aus. Die kulturellen Unterschiede erleben wir als sehr groß. Chinesen sind in ihrem Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten bei Weitem zurückhaltender als Inder. Unsere indischen Kollegen sind oft sehr konkret und treten sehr selbstbewusst auf, insbesondere auch im Hinblick auf ihre persönliche Rolle, Verantwortung und Karriere. Dies stellt auch besondere Anforderungen an das Management.

Probleme mit "No problem"

manager-lounge: Welche Auswirkungen hat das auf die Mitarbeiterführung?

Neumann: Führung in Indien ist viel mehr von der Persönlichkeit bestimmt als in Deutschland, wo oft das Fachwissen im Vordergrund steht. Hinzu kommt, dass Führung in Indien viel enger sein muss als in Deutschland.

Nur regelmäßiges Nachfragen über den Fortschritt vermittelt dem Kollegen oder der Kollegin, dass man auch wirklich Interesse an dem Projekt hat. Meldet sich der Manager nicht mehr, erscheint für den indischen Kollegen die Aufgabe unwichtig und sinkt in der Priorität.

Bei unseren chinesischen Mitarbeitern stelle ich fest, dass sie nach wie vor sehr von einem traditionellen Gruppenverhalten geprägt sind, in dem es klare Hierarchien gibt und der Einzelne nicht unbedingt herausstechen möchte. Oft spricht nur der Teamleiter oder die Projektmanagerin. Ganz anders in Indien, wo durch die Erziehung in Schule und Universität eher der Einzelkämpfer gefördert wird, der sich von anderen abheben möchte, am besten durch herausragende Leistungen.

Maschka: Ich habe bei meinen indischen Mitarbeitern wenig Eigenständigkeit erlebt. Es gibt so gut wie keinen Widerspruch. "Yes, no problem", ist einer der Sätze, die man sehr häufig hört, selbst wenn die Aufgabe nicht verstanden wurde oder sie aus physischen oder zeitlichen Gründen gar nicht durchgeführt werden kann. Die Herausforderung der Führungskraft liegt darin, dies zu erkennen und aus den positiven Aussagen lesen zu lernen, was realistisch ist und was nicht. Andererseits erlebe ich eine sehr hohe Motivation, hohe Loyalität und Treue.

Moesche: Ganz anders als in China, wo ich die Loyalität der Mitarbeiter absolut vermisse. Jobhopping ist an der Tagesordnung. Siemens ist als Arbeitgeber sehr beliebt, vor allem als Ausgangspunkt für lukrative Jobs in der einheimischen Wirtschaft, die dann sehr viel besser zahlt.

Ohne Rücksicht auf Verluste

manager-lounge: Wie beurteilen Sie den Wirtschaftsboom?

Moesche: In China hat die Regierung die Wirtschaftsentwicklung zentral gesteuert vorangetrieben, durch Investitionen in Infrastruktur als Vorleistung für Wachstum. Das ist nicht nur die Grundlage für Investitionen ausländischer Unternehmen gewesen. Es war auch "Entwicklungsförderung" für chinesische Unternehmen. Diese Vorleistung kommt China heute zugute.

Nicht nur, weil Investoren gute Rahmenbedingungen vorfinden. Vielmehr stelle ich fest, dass die Hersteller in ihren Entwicklungen erheblich weiter sind als in Indien. Die Produkte haben eine deutlich höhere Marktreife.

Das Handeln der chinesischen Unternehmen ist zudem geprägt von einer hohen Risikobereitschaft und einer großen Umsetzungsstärke – auch ohne Rücksicht auf Verluste, etwa wenn es um dreistes Kopieren geht, wie wir es in der Automobilindustrie erleben. Allerdings dürfen wir an diesem Punkt auch nicht vergessen: Alle großen Wirtschaftsnationen haben mit Kopieren angefangen.

Neumann: Nach Einschätzung indischer Wirtschaftswissenschaftler ist die Wirtschaft in Indien hinsichtlich ihrer Größe etwa 20 Jahre hinter der chinesischen Wirtschaft zurück. Bedingt durch die Bürokratie und die langsamen Prozesse in einer nicht immer einfachen Demokratie mit vielen unterschiedlichen Interessen erfolgen Investitionen in Infrastruktur nur sehr langsam.

Der Staat hinkt in wichtigen Bereichen – etwa Energie, Verkehr und Wasser – den Anforderungen der Wirtschaft immer um einige Jahre hinterher. Das kostet Jahr für Jahr 1 bis 1,5 Prozent an möglichem Wirtschaftswachstum.

Dienstleistung oder Produktion?

manager-lounge: Ist der Eindruck zutreffend, dass der Standort China eher geeignet ist für Fertigung, und Indien das Land der "Intelligenz" im Sinne von Forschung und Entwicklung oder IT-Outsourcing ist?

Maschka: Wenn ich einfache manuelle Fertigung benötige, dann ist China in der Tat der bessere Standort. Indien hat aufgrund der jahrelangen Politik der Stärkung der Landwirtschaft und der gleichzeitig starken Regulierung der Arbeitsmärkte überraschenderweise wenig ungelernte billige Arbeitskräfte.

Der Hintergrund: Die Ungebildeten fristen Ihr Dasein unter erbärmlichen Bedingungen auf dem Land. Sie streben nicht – wie in China – in die Städte. Dies ist politisch gewollt; der Hinduismus gibt dem Nahrung durch den Glauben an die Wiedergeburt. Damit hat Indien ein für Entwicklungsländer erstaunlich hohes Lohn- und Automatisierungsniveau und keinen "Workmen Overflow".

Neumann: Der Wirtschaftsboom in Indien wird nur zu einem geringen Grad von der IT-Industrie getragen, auch wenn diese natürlich sehr stark wächst. Ein Schwerpunkt der indischen Wirtschaft ist es, den Eintritt in die globalen Dienstleistungsmärkte zu schaffen. Dort sind geringe Anfangsinvestitionen erforderlich und alle ausgebildeten Fachkräfte sprechen gutes Englisch.

In den Fertigungssektor einzudringen, erfordert hohe Investitionen. Momentan sind erst wenige indische Topunternehmen in der Lage, diese Investitionen zu tätigen. Die, die es getan haben, sind damit sehr erfolgreich, ebenso wie die wenigen multinationalen Unternehmen, die in Indien in Fertigung investiert haben.

Ein ganz anderer Aspekt ist in Deutschland wenig bekannt: Ein guter Teil des Wirtschaftsgeschehens ist vom Monsun abhängig. Denn viele Jobs – auch im Dienstleistungsgewerbe – hängen direkt oder indirekt an der Landwirtschaft.

Wenig Freiheit, wenig Wasser

Wenig Freiheit, wenig Wasser

manager-lounge: Inwiefern ist denn die Kritik der OECD an der indischen Wirtschaft gerechtfertigt?

Maschka: Die Wachstumsschmerzen sind sehr groß, bis endlich Liberalisierung und Public Private Partnerships erlaubt sind. Dort, wo etwas getan wurde, funktioniert es bestens: Universitäten, Krankenhäuser, Flughäfen und seit Neuestem Autobahnteilstrecken. Da nimmt Indien dann gleich Weltstandard an.

Problematisch sehe ich die Politik gegen die Landflucht. Irgendwann wird auch der Inder neidisch auf die reichen Städter. Gleichzeitig wird Indien diese Probleme durch seine demokratischen Strukturen auch nachhaltig lösen können – und deshalb langfristig die Versprechungen von Goldman Sachs und McKinsey erfüllen, dass Indien der am stärksten wachsende Markt in den nächsten 30 bis 50 Jahren sein wird.

Neumann: Die Wachstumsprognosen werden nur dann erfüllt werden, wenn die Infrastruktur - vor allem in den Boomtowns – nicht weiter zurückbleibt und es nicht zu sozialen Spannungen kommt. Ein ganz großes Problem bahnt sich an durch die zunehmende Verknappung natürlicher Ressourcen, insbesondere sauberen Wassers. Hier wird Raubbau betrieben, der sich bald rächen kann.

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