Talente Süße Aussichten

Gute Absolventen sind begehrt wie lange nicht. Im Kampf um die besten Köpfe müssen die Firmen jetzt um Bewerber buhlen. Das Ranking der beliebtesten Arbeitgeber zeigt die Gewinner - und Verlierer.

Melanie Kochs Leben als Oetkerianerin begann mit einem Studentenjob im "Dessert Panel". Zweimal die Woche, für 14 Euro die Stunde, aß sie Pudding, meist Schoko, manchmal Vanille, und diskutierte ihre Geschmackserlebnisse mit anderen Testessern.

Schnell bekam sie ein eigenes Projekt, schrieb dann ihre Diplomarbeit bei Dr. Oetker. "Überall wurde ich gefördert", sagt die 28-jährige Betriebswirtin, die im Mai bei dem Konsumartikler als Trainee eingestiegen ist. "Von Anfang an fühlte ich mich, als wäre ich schon jahrelang da, fast wie in einer Familie."

Familie. Das ist bei dem Bielefelder Back- und Tiefkühlprimus nicht nur Unternehmensform, sondern Lebensstil. Dass diese Atmosphäre von Berufseinsteigern zunehmend geschätzt wird, hilft Dr. Oetker beim Kampf um den begabten Nachwuchs: Im Ranking der beliebtesten Arbeitgeber gehört die Firma mit Platz 33 bei den Wirtschaftswissenschaftlern zu den Topaufsteigern - nach Platz 55 im vergangenen Jahr.

Die Studie, für die das Berliner Beratungsinstitut Trendence mehr als 15.000 examensnahe Studierende der Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften nach ihrem Traumarbeitgeber befragt hat, ist die größte und fundierteste ihrer Art. Für die Unternehmen ist das Ranking ein entscheidendes Imagebarometer: Es zeigt ihre Position im Ringen um die wichtigste Ressource der Zukunft: die begehrten Toptalente.

"Nach der Stagnation der vergangenen Jahre ist der Kampf um die Köpfe zurückgekehrt, und zwar nicht im ICE-, sondern im Mirage-Tempo", sagt Claus-Peter Sommer von der Kölner Personalberatung Access: 671.000 Arbeitslose weniger als 2006, 650.000 offene Stellen, Ingenieure sind Mangelware. KPMG sucht 2700 Prüfer, Siemens  8000 Ingenieure und Naturwissenschaftler, in der IT-Branche fehlen 20 000 Experten. Es riecht wieder nach New Economy.

Dass der Kampf um die Köpfe seit einigen Monaten panische Züge annimmt, haben sich die Firmen selbst eingebrockt. "Den Personalbedarf nur kurzfristig an das Auftragsvolumen zu koppeln ist dilettantisch", schimpft Christian Scholz von der Uni Saarbrücken.

Gold, Silber, Bronze

Jahrelang ging die Rechnung auf. Träge konnten die Firmen aus dem Riesenpool verzweifelter Bewerber schöpfen. Damit ist Schluss. Die Gefechtslage entwickelt sich rasant zum Anbietermarkt - aus Umworbenen werden Werbende. "Die traditionellen Recruiting-Instrumente ziehen nicht mehr, auch ein großer Name allein ist zu wenig", sagt Trendence-Beraterin Manja Ledderhos. Um attraktiv für die Besten zu sein, müssen die Firmen in ihre Marke als Arbeitgeber investieren: "Employer Branding" nennen Fachleute den Trend.

Gold, Silber, Bronze: Welche Unternehmen bei den Absolventen am besten ankommen und welche nicht*

Gesamtwertung
BMW, Porsche, PwC
Frauen
BMW, Lufthansa, PwC
Männer
Porsche, BMW, Audi
High Potentials
McKinsey, BCG, BMW
Aufsteiger
UBS, HypoVereinsbank, Dr. Oetker
Absteiger
Datev, Deutsche Post, Allianz
* Nur Wirtschaftswissenschaftler
Quelle: Trendence Institut 2007:

Bei Dr. Oetker hat man beschlossen, vermeintliche Schwäche - Bielefelder Provinz, Hausmütterchenprodukte - in Stärke umzudeuten. Adrett wie ein frisch gebackener Gugelhupf liegen die roten Backsteingebäude unter der Bielefelder Morgensonne. Ein Blumensträußchen steht im Pförtnerhäuschen, ein Anzugträger schlendert mit fünf Tiefkühlpizzen im Arm herüber zur "Dr. Oetker Welt".

Dort glänzt ein übermannshoher Plastik-Vanillepudding, der auf Knopfdruck auch echten Pudding ausgibt. Eine Etage höher residiert die Versuchsküche, wo so lange mit Backzeiten und Hefemischungen experimentiert wird, bis jeder, auch der Junggeselle mit zehn Daumen an zwei linken Händen, den russischen Zupfkuchen hinkriegt. "Gelinggarantie" nennen sie das hier.

Gelinggarantie.

Ein Wort, das nach Adenauer klingt, nach pünktlichen Zügen und geordneten Verhältnissen, und das seltsam fehl am Platz wirkt in der verworrenen Globalökonomie, in der es viele Dinge im Überfluss gibt, in der es aber an einer Sache mangelt: Garantien.

Dr. Oetker ist der Versuch, das Heile und Behütete der 50er zu übertragen auf das 21. Jahrhundert. "Wir betonen bewusst die Stärken eines Familienunternehmens wie Loyalität, Sicherheit, Kollegialität", sagt Dirk Schlautmann, Chef der Personalentwicklung. Mit Erfolg: 2000 Bewerber balgen sich jährlich um 15 Trainee-Stellen. Es wirkt der diskrete Charme ostwestfälischer Provinz: Nicht Hochglanz und schnelle Aufstiege verspricht die Firma, sondern persönliche Entwicklung und frühe Verantwortung.

Juliane Tietze hatte nach dem BWL-Examen diverse Angebote von Konsumartiklern, unter anderem von British American Tobacco  - und ging zu Dr. Oetker. "In einem Konzern ist man austauschbar, hier zählt der Einzelne; man kriegt das Gefühl vermittelt 'Wir investieren in dich, weil wir an dich glauben'", sagt die 25-Jährige, die als Trainee in Brüssel das Marketing für Frischeprodukte wie den Kinderpudding Paula entwickelt.

Gewinner und Verlierer

Denn Firmensitz Bielefeld heißt nicht Job in der Provinz: Jeder zweite Dr.-Oetker-Trainee arbeitet bereits außerhalb Deutschlands. Melanie Koch suchte ein Unternehmen, "in dem man alt werden kann" - auf ihren Traum, im Ausland zu arbeiten, muss auch sie nicht verzichten: Ab Oktober testet sie in Moskau die Chancen neuer Produkte für den russischen Markt.

Dr. Oetker profitiert gleich von zwei Trends, die das Ranking widerspiegelt: Seit Jahren steigt die Attraktivität von Konsumartiklern wie Tchibo, Coca-Cola  oder Hugo Boss  - die Branche ist mittlerweile beliebter als die der Autobauer. Und: Die westfälische Verlässlichkeit strahlt besonders hell im Vergleich zu den dunklen Seiten mancher Konzerne, die mit kurzfristigen Renditezielen, Stellenabbau oder Korruptionsaffären Kredit bei den Absolventen verspielt haben.

Im Branchenvergleich sind die Wirtschaftsprüfer sowie Transport, Logistik und Tourismus im Aufwind. Seit Jahren auf dem absteigenden Ast ist dagegen der öffentliche Sektor, wo etwa die Europäische Zentralbank oder die Kreditanstalt für Wiederaufbau zu den Verlierern zählen.

Im Gesamtranking thront seit Jahren BMW  unangefochten auf Platz eins - lonely at the top, bei Ingenieuren wie Ökonomen. 60.000 Menschen bewerben sich hier jedes Jahr. "Eine Premiummarke strahlt immer auf die Attraktivität als Arbeitgeber aus", sagt Trendence-Expertin Ledderhos. Kein Wunder, dass sich neben BMW noch die Nobelautomobilisten Audi  und Porsche  in den oberen Rängen tummeln - allerdings vor allem von männlichen PS-Träumen getrieben, denn bei den Frauen belegt Lufthansa  Platz zwei und Porsche nur Platz acht.

Generell erwarten Absolventen anders als noch 2006 wieder mehr Geld als im vorigen Jahr. Eine durchaus realistische Hoffnung. Im vergangenen Jahr sind die Gehälter um 5 bis 10 Prozent gestiegen - darüber hinaus aber lassen die Unternehmen kaum mit sich handeln.

Bizarre Schlachten

Für viele Absolventen ist Gehalt lediglich ein wichtiger Hygienefaktor, aber nicht der entscheidende Hebel. In der Studie ist der Anteil derer, die den Lohn als "sehr wichtig" betrachten, zwar gegenüber 2006 gestiegen - liegt aber immer noch deutlich unter 25 Prozent. "Viel wichtiger sind interessante Aufgaben, Internationalität und persönliche Weiterentwicklung", sagt Trendence-Fachfrau Ledderhos.

Die junge Generation kennt ihren Marktwert, sie ist optimistischer geworden - und zugleich kritischer und fordernder. War ein Einsteiger vor einigen Jahren noch glücklich, es überhaupt zu Daimler  oder Deutscher Bank  geschafft zu haben, geht er heute mit konkreten Erwartungen für die weitere Laufbahn ins Bewerbungsgespräch.

Wenn sie sich nicht für ein verlässliches Familienunternehmen wie Dr. Oetker entscheiden, streben Einsteiger keinen lebenslangen Arbeitsplatz mehr an, sondern erwarten Investitionen in ihre eigene Entwicklung, ihre "Employability". Sie wissen, dass sie beim nächsten Konjunkturtief schnell wieder draußen sein können - und wollen deshalb ihre Qualifikationen perfektionieren.

Vom Wunsch nach Weiterbildung profitiert eine Branche, die schwerlich mit der Sexiness ihrer Produkte punkten kann: Die Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC), KPMG und Ernst & Young belegen bei den Ökonomen die Ränge 3 bis 5; nur Deloitte landet abgeschlagen auf Platz 21. Allein bei PwC, dem Primus unter den "Big Four", sollen im laufenden Geschäftsjahr 1500 Absolventen eingestellt werden.

Tatsächlich tobt der Krieg um die Talente - bislang zumindest - nicht überall gleich heftig. Konzerne wie BMW oder PwC mit großen Namen und Marketingmacht können ihre Stellen mit etwas Mühe ordentlich besetzen. Eng wird es im Mittelstand - und besonders an der Spitze, wo sich Topkanzleien, Investmentbanken und Beratungen brachiale bis bizarre Schlachten liefern um die 2 bis 3 Prozent der Topperformer.

Geld oder Liebe

Im Visier: Menschen wie Christopher Daniel, ein Recruiter-Traum. Abi 1,1, Bayerische Begabtenförderung plus Studienstiftung des Deutschen Volkes, BWL-Studium an der WHU (Diplom: 1,1), MBA in Lancaster, Praktika bei McKinsey, Bain und Boston Consulting, Promotion und parallel VWL-Studium.

Trotz des Mammutprogramms ist Daniel erst 29, er erhielt auf zehn Bewerbungen neun Zusagen und ist seit Herbst 2006 bei BCG, "weil mir die größere Individualität und das selbstständigere Arbeiten gefallen". Woanders hätte er 10 Prozent mehr Gehalt bekommen und eine höhere Hierarchiestufe. "Den Ausschlag gab aber, welche Kultur am besten zu mir passte. Es war eine Bauchentscheidung."

Bewerber mit solchen Profilen sind rar und heftigst umworben. Da werden leicht 10.000 Euro für Lebensläufe von Elite-Uni-Absolventen oder als Handgeld gezahlt. Da lädt McKinsey zum Segeln in die Ägäis oder zum "Eintauchen" auf Mallorca. Da locken Einstiegsgehälter nördlich von 100.000 Euro bei einigen Law-Firms oder üppige "Compensation Packages" bei den großen Unternehmensberatungen: Promovierte oder MBA-Träger starten hier gern mal mit 90.000 Euro plus rund 10 Prozent Bonus plus 15 Prozent des Jahresbruttos als Betriebsrente plus Firmenwagen plus diverse Versicherungen. Binnen fünf Jahren kann sich das Gehalt leicht verdoppeln.

Das Umwerben der jungen Talente hat für die Berater, die das Ranking innerhalb der High Potentials anführen, höchste Priorität. Von McKinsey-Chef Frank Mattern ist bekannt, dass er potenzielle Einsteiger schon mal zum Abendessen zu sich nach Hause einlädt; Konkurrent BCG wendet jährlich 20.000 Beraterstunden für das Recruiting auf. "Wir kämpfen um jeden", sagt Just Schürmann, der bei BCG für die Nachwuchssuche verantwortlich ist, "wenn wir jemandem ein Angebot machen, dann muss auch der Deutschland-Chef mal ran, um den promovierten Physiker aus Göttingen zu überzeugen."

Doch Big Money's Lockruf zieht längst nicht bei allen Talenten, zumal die Industrie mittlerweile mit lukrativen Angeboten dagegenhält und die Berater noch immer mit ihrem Cost-Cutter-Image zu kämpfen haben. In einer mit "Geld oder Liebe" betitelten Matrix hat Trendence dargestellt, bei welchen Firmen die Absolventen hohe Gehälter (Y-Achse) beziehungsweise große Kollegialität (X-Achse) erwarten. Ganz links oben steht, klar, McKinsey. Ganz rechts unten steht, seit Jahren zuverlässig auf den vorderen Rängen, 2007 auf Platz 13: Ikea.

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