Management Das Wetter regiert die Welt

Der Mittelmeerraum im Feuerqualm, Tausende Menschen verlieren Hab und Gut: Die wirtschaftlichen Folgen von Überschwemmungen, Stürmen und Hitzewellen haben in den vergangenen Monaten die Wirkung eines Phänomens deutlich gemacht, ohne das derzeit kaum eine Agenda auskommt: die Kraft des Wetters.
Von Susanne Theisen-Canibol

Hamburg - "Häufig sind Entwicklungs- und Schwellenländer von Naturkatastrophen betroffen", erklärte der Meteorologe Markus Aichinger kürzlich bei einer Veranstaltung des exklusiven Businessclubs manager-lounge.

Aichinger verantwortet bei der Allianz  die Strategie der Unternehmensgruppe für die Fälle, in denen ein einziges Ereignis zu einer Häufung von Schadensfällen führt, im Fachjargon: Kumulrisikomanagement. Die absoluten volkswirtschaftlichen Schäden sowie die Versicherungsschäden seien in diesen Ländern vergleichsweise gering. Betrachte man die Zerstörungen allerdings relativ, so seien sie für die Volkswirtschaften verheerend. Aichinger: "Das hat langfristig negative Folgen."

So forderte der Hurrikan "Mitch" im November 1998 in Mittelamerika nicht nur mindestens 11.000 Todesopfer und war damit der zweitblutigste Wirbelsturm, der je bekannt wurde. Vielmehr zerstörte er 70 Prozent der Wirtschaftskraft der Region und warf die betroffenen Länder in ihrer wirtschaftlichen und auch politischen Entwicklung nach Einschätzung internationaler Organisationen um Jahrzehnte zurück. Aichinger: "Die Menschen haben in diesen Regionen so gut wie keinen Versicherungsschutz. Finanzmittel und Wirtschaftskraft zum Wiederaufbau fehlen."

Anders sieht es aus, wenn Unwetter voll entwickelte Regionen treffen. In den 90er Jahren kosteten sie die Versicherungswirtschaft jährlich rund neun Milliarden Dollar. Allein "Katrina" aber verursachte versicherte Schäden in Höhe von 30 bis 40 Milliarden Dollar. Bei einem Jahrhundertsturm, vergleichbar dem Miami-Hurrikan von 1926, könnten die versicherten Schäden nach Angaben der Amerikanischen Wetterbehörde NOAA bis auf über 100 Milliarden Dollar steigen.

Die Fakten für die Versicherer lesen sich folgendermaßen: 2005 beliefen sich die volkswirtschaftlichen Schäden durch wetterbedingte Ereignisse laut einer Untersuchung der Swiss Re  auf 250 Milliarden Dollar. Langzeitstudien zeigen, dass diese Schäden zwischen 1980 und 2005 zu 35 Prozent durch Stürme, zu 27 Prozent durch Überschwemmungen und zu 25 Prozent durch Erdbeben verursacht wurden. Blickt man auch die versicherten Schäden, so entstanden 2005 insgesamt Schäden in Höhe von 75 Milliarden Dollar, davon 75 Prozent durch Sturm, 10 Prozent durch Erdbeben und nur 9 Prozent durch Überschwemmungen.

Angeheizt wird die Klimadebatte hierzulande dadurch, dass sie immer häufiger auch Regionen betreffen, in denen man die Zerstörungskraft bislang eher von Fernsehbildern her kannte - wie etwa in Mitteleuropa. Neu ist auch, dass zerstörerische Regengüsse und Dürren in der Frequenz zunehmen. In der Tat zeigt die Statistik eine Klimatrendwende, die vor rund 100 Jahren eingesetzt hat. Das Mittelmeer verzeichnet seit 20 Jahren einen kontinuierlichen Temperaturanstieg. Dagegen weist der Nordatlantik heute das gleiche Klima auf wie vor 100 Jahren. Im Vergleich zur letzten Eiszeit hat "das statistische Produkt Klima" in unseren Breiten um fünf Grad zugenommen. Für die nächsten Hundert Jahre rechnet Aichinger mit einem Anstieg um weitere 0,8 Grad.

Die Schadenssummen werden steigen

Die Schadenssummen werden steigen

Für europäische Verhältnisse ist dieses Klima allerdings nichts Neues. "Wir haben zurzeit ähnliche Konstellationen wie im Mittelalter", weiß der Meteorologe zu berichten. Auch damals gab es Sommerhochwasser und extrem milde Winter. Der "hydrologische Supergau" war das Magdalenen-Hochwasser im Juli 1342, von dem bezeugt ist, dass alle großen mitteleuropäischen Flüsse über die Ufer traten und für eine nie wieder beobachtete Flutwelle sorgten.

"Sintflutartige Regengüsse und Sommerüberschwemmungen und Hitzewellen sind der aktuelle Klimatrend", ist sich Markus Aichinger sicher. Dabei bleibt die jährliche Niederschlagsmenge gleich. Was sich ändert, ist die Volatilität: Wenige, umso heftigere Starkregen lösen den vertrauten Landregen ab. In Folge dieser Entwicklung nehmen auch die Dürren zu. Was den Versicherern zu schaffen macht: Die Schadenssummen werden aufgrund absehbarer sozioökonomischer Trends weiter steigen.

Wenn die Versicherungsnehmer sich noch teurere Autos anschaffen, noch größere Häuser bauen, die - etwa in den USA - immer noch so schlecht gebaut sind, wie die alten, Uferregionen noch dichter besiedeln. Aichinger: "Unsere Herausforderung ist es, bei den erkannten Trends Versicherbarkeit auch zukünftig zu gewährleisten. Dabei müssen Forschung, Versicherungswirtschaft, Versicherungsnehmer und öffentliche Institutionen gemeinsame Anstrengungen unternehmen."

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Frage der Prämiengestaltung zu reduzieren, würde der Bedeutung des Themas und der Verantwortung des Unternehmens in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht gerecht. "Es ist unsere Aufgabe als Versicherer, mit unseren Instrumenten ökologisch Sinnvolles in Gang zu setzen und zu unterstützen", ist Aichinger überzeugt.

Etwa, indem die Allianz Lösungen anbietet, mit denen ökologisch innovative Technologien versichert werden können. "Biogasanlagen haben beispielsweise ganz andere Risiken und damit Anforderungen an den Versicherungsschutz als herkömmliche Kraftwerke", erläutert der Experte. "Und Bohrungen nach Erdwärme wurden bisher gar nicht versichert. In solchen Bereichen eröffnen sich für uns neue Herausforderungen, die gleichzeitig unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden."

Business-Club im Netz: Direkt zur manager-lounge

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.