Countrywide Das Ende des barmherzigen Bankers

Die größte US-Hypothekenbank Countrywide kämpft gegen den Ruin. Sie verlieh Geld an ärmere Hauskäufer, die nun vor dem Nichts stehen. Firmengründer Angelo Mozilo, Metzgersohn aus der Bronx und selbsternannter barmherziger Samariter, kassiert derweil Millionen.

New York - Sie nannten ihn "American Dream Builder", den Bauherrn des amerikanischen Traums. So pries ihn vor zwei Jahren das "NYSE Magazine", die Quartalszeitschrift der New Yorker Börse. Angelo Mozilo, 68, der Metzgersohn aus der Bronx, der 1969 die US-Hypothekenbank Countrywide  gegründet und zum Branchenführer gemacht hat. Der Jahresumsatz: zuletzt 11,4 Milliarden Dollar.

Doch die ruhmreichen Tage sind vorbei. Plötzlich trudelt Countrywide als jüngstes Opfer der US-Hypothekenkrise der Insolvenz entgegen. Am Donnerstag vergangener Woche teilte der kalifornische Konzern mit, er stecke in einer solchen Finanzklemme, dass er eine massive Kreditlinie anzapfen müsse - 11,5 Milliarden Dollar. Die Countrywide-Aktie , ohnehin im Niedergang, stürzte prompt ab. "Die große Frage ist", schreibt Analyst Paul Miller, "kann Countrywide überleben?"

Das fragen sich auch Millionen Amerikaner, die Immobilienkredite von Countrywide haben. Fast jede fünfte Hypothek in den USA lief 2006 über Countrywide. Viele Kredite wurden an Schuldner vergeben, die sich sonst kein Eigenheim leisten könnten. Countrywide rühmt sich nicht nur, die größte US-Hypothekenbank zu sein, sondern auch die mit dem größten Anteil Schwarzer und Latinos unter ihren Schuldnern. "Wir sehen es als unsere Pflicht", schrieb die Firma in ihrem Geschäftsbericht 2006 stolz, "die Hürden zum Eigenheimbesitz zu senken."

Das war auch immer schon das Motto von Firmengründer Mozilo, der bis heute CEO ist. Der dauergebräunte Manager stammt selbst aus einfachsten Verhältnissen - und hat diese Herkunft zum Geschäftsprinzip erhoben.

Die perfekte Marktlücke

"Es ist nicht nur die richtige Sache", sagte er einmal über seine bewusste Suche nach mittellosen Minderheiten-Kunden, "sondern auch ein gutes Geschäft." Was verrät, dass hinter dem Image des barmherzigen Samariters natürlich auch eine gehörige Portion Eigennutz steckt.

Mit zwölf Jahren arbeitete Mozilo in der Metzgerei des Vaters, mit 14 jobbte er als Laufbursche für, was sonst, eine Hypothekenfirma. Nach einem Gastspiel an der Jesuiten-Uni Fordham, wo er Philosophie studierte, begann er bei besagter Hypothekenfirma als Kundenvertreter. Er entpuppte sich als ein geborener Verkäufer, mit "Feuer im Bauch", wie er es beschreibt.

1969 gründete er mit seinem Kollegen David Loeb ein eigenes Unternehmen. Der Name war Programm: Countrywide - landesweit wollte man tätig werden. Das Duo startete mit 500.000 Dollar in bar und drei Angestellten, in einem kleinen Büro am Wilshire Boulevard in Los Angeles. Jahrelang zog Mozilo persönlich von Tür zu Tür, durch arme Minderheiten-Viertel, um mit den Familien dort Darlehensanträge auszufüllen.

"Niemand in diesen Familien hatte je zuvor ein eigenes Haus", erinnerte er sich später. "Es gab ein starkes Verlangen nach Eigenheimbesitz." Mozilo hatte die perfekte Marktlücke entdeckt. Doch er verklärte seinen Job lieber als Mission an den Kunden: "Ein Haus ändert ihr Leben zutiefst. Warum sollen wir ihnen nicht die Gelegenheit dazu geben?"

"Den Immobilienmarkt melken"

"Den Immobilienmarkt melken"

Countrywide eröffnete Filialen, die aussahen wie eine normale Bank. 1980 hatte das Unternehmen schon 40 Dependancen in neun Bundesstaaten. 1981 begann Mozilo, Hypotheken zu bündeln und als Sicherheit für Wertpapiere an die Wall-Street-Firmen zu verkaufen. Vier Jahre später ging Countrywide an die Börse.

Inzwischen macht Countrywide seinem Namen alle Ehre und ist die Nummer 1 auf dem Markt - noch vor dem Hypothekengeschäft von Finanzriesen wie Citigroup , Wells Fargo und Washington Mutual. Mit 900 Filialen auf drei Kontinenten konzentriert sich das Unternehmen mehr denn je auf Kunden mit schlechter Bonität, denen es vermeintlich günstige Darlehen offeriert. In der Regel haben die Kunden nur geringes Eigenkapital - oft auch gar keines.

Die Kredite kommen vor allem Countrywide zu Gute - und Mozilo, dessen Privatvermögen auf mehr als eine halbe Milliarde Dollar geschätzt wird. "Keine Bank hat es besser verstanden, den Immobilienmarkt zu melken", staunte der Analyst David Hendler im Jahr 2003.

Aber auch das Investmentgeschäft mit den sogenannten "mortgage-backed securities" (MBS) rechnete sich prima. Der Konzern stieß ins Finanz-Business vor, kaufte eine Bank. Bald betrug der reine Hypothekenverkauf nur noch etwa die Hälfte des Countrywide-Umsatzes.

Intern regierte Mozilo mit harter Hand. "Achte nicht auf deine Errungenschaften, sondern darauf, was du noch nicht errungen hast", war einer seiner berüchtigten Sprüche. Seine Mitarbeiter nannte er "Fische im Aquarium".

Eine Gruppe von Angestellten verklagte den Konzern 2003 wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen und versäumter Überstundenzahlung. Sie müssten 15-Stunden am Tag rackern, bis zu sieben Tage die Woche, ohne extra Lohn. Countrywide willigte ein, 30 Millionen Dollar nachzuzahlen.

Doch noch überwogen die positiven Nachrichten. Ebenfalls 2003 bezeichnete das Magazin "Forbes" Countrywide als die "23.000-Prozent-Aktie". Begründung: Das Unternehmen habe über 20 Jahre hinweg 23.000 Prozent Rendite erwirtschaftet. Ein brillantes Ergebnis - besser als Wal-Mart  und Berkshire Hathaway , der Konzern des Investmentgurus Warren Buffett. Voriges Jahr strich Mozilo 70 Millionen Dollar Gehalt und Bonus ein.

"Beispiellose Geschäftsstörungen"

Im Januar begann dann der Abstieg. Der Markt für Billig-Hypotheken, die "subprime loans", brach zusammen - und mit ihm der Aktienkurs von Countrywide. Seitdem hat das Unternehmen mehr als die Hälfte an Wert verloren. Gestern schloss Countrywide mit 18,95 Dollar, dem niedrigsten Wert seit vier Jahren.

Doch Mozilo selbst blieb nicht untätig: Er hat seit Januar Firmenaktien im Wert von 152 Millionen Dollar verkauft. Während die Anleger darben, sicherte sich der Chef so genügend Cash.

Auch anderswo begann das Bild zu bröckeln. Im Juli verklagte die Schwarzen-Organisation NAACP Countrywide - ausgerechnet wegen Diskriminierung. Das Unternehmen knöpfe Schwarzen für ihre Billigdarlehen höhere Gebühren ab als Weißen. "Countrywide hasst Schwarze", schrieb ein Blogger. Vom alten Geschäftsideal schien nichts mehr übrig.

Bei den Verbraucher-Hotlines gingen Notrufe von Kunden ein. Sie konnten die explodierenden Raten nicht mehr zahlen, doch vom Countrywide-Kundendienst bekamen sie nur die kalte Schulter gezeigt. Zum Verhängnis wurden ihnen die "2-and-28"-Hypotheken: Zwei Jahre lang gilt ein billiger Lockzins, danach steigt er in astronomische Höhe.

"Beispiellose Geschäftsstörungen"

Und so brach Mozilos Geschäftsmodell von unten zusammen. Die Marktlücke wurde zur Marktfalle. Kürzlich gestand Countrywide "beispiellose Geschäftsstörungen" ein: "Diese Bedingungen können weitergehen oder sich in der Zukunft noch weiter verschlechtern."

Die Nachricht vom vergangenen Donnerstag, Countrywide müsse sich von 40 Großbanken (darunter Merrill Lynch , Morgan Stanley , Citigroup  und Lehman Brothers ) 11,5 Milliarden Dollar pumpen, war ein erniedrigender Offenbarungseid für Mozilo. Der Metzgersohn ohne Wirtschaftsabschluss hatte "diese Wall-Street-Typen" wegen ihrer "Versnobtheit" immer verachtet. Zugleich war es eine Nachricht, die die Analysten beunruhigte. "Das macht den Eindruck, als hätten sie keine Alternativen mehr", erklärte Christopher Wolfe von der Ratingagentur Fitch.

Außerdem verschärfte Countrywide seine günstigen Darlehensbedingungen - die Grundlage seiner bisherigen Geschäftsphilosophie - und kündigte an, sich vorerst mit Billig-Hypotheken zurückzuhalten. Bei manchen Kunden brach Panik aus. Zu Dutzenden stürmten sie die Filialen, um ihre Konten aufzulösen. In Los Angeles servierte ein Filialleiter den Wartenden Kaffee. Countrywides Kunden-Hotline brach zusammen, ebenso die Website.

Schließlich folgte noch eine weitere Horror-Meldung: Countrywide drohe eine Sammelklage wegen Bilanzbetrugs. Das Unternehmen habe mit "wesentlichen Falschdarstellungen seinen Aktienpreis künstlich in die Höhe getrieben", erklärte die federführende Anwaltskanzlei in Oklahoma laut CNN. Ob sich die Vorwürfe bestätigen, ist nicht erwiesen. Countrywide selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Noch im April hatte Mozilo ganz auf optimistisch gemacht. "Ich glaube fest", schrieb er im Geschäftsbericht, "dass für Countrywide die besten Tage noch kommen werden." Diese Hoffnung haben die meisten mittlerweile aufgegeben.

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