Brooke Astor New Yorks letzte Lady

Ihr Leben war ein Fest, ihr Tod dagegen eine traurige Fußnote. Brooke Astor, Millionenerbin, Philanthropin und Schutzheilige von New York, ist im Alter von 105 Jahren gestorben. Sie repräsentierte das "alte Geld", das Manhattan Jahrzehnte regierte. Die Verwandten stürzten sich schon vor Astors Tod wie Aasgeier auf ihr Erbe.

Vereinsamt, verloren, verdrängt. So starb vorgestern auf ihrem Anwesen hoch über dem Hudson Brooke Astor, die Millionärswitwe, Philanthropin und einstige Königin der New Yorker Society. 105 Jahre war sie alt und lange noch rüstig, bevor die Erben begannen, sich um ihren Nachlass zu zanken, als sei sie schon tot - ein undankbarer Abschied für die letzte Lady dieser Stadt, die ihr mehr verdankt als sonst einer Wohltäterin.

"Sie verließ die Welt friedlich, würdig und in ihrem eigenen Heim", sagte ihre beste Freundin Annette de la Renta, 68, die Ehefrau des Modedesigners Oscar de la Renta, die sie am Schluss betreut hatte, als gerichtlich bestellter Vormund. "Wir hätten uns nicht mehr wünschen können."

Eine pietätvolle Verklärung der Umstände: Statt von Frieden waren die Dämmerjahre der Mrs. Astor, wie sie früher jeder nannte, von bösem Streit geprägt - Streit, den sie selbst aber, gnädig umnachtet, kaum mehr wahrgenommen haben dürfte. So wie ihr Alzheimer allmählich die Erinnerung raubte, so hatte auch New York sie langsam vergessen. Wo sie doch einst seine inoffizielle First Lady war, geliebt von Arm und Reich. Nur einmal noch, im letzten Herbst, da war sie Gesprächsthema und Schlagzeilenfutter. Doch das hatte nichts mehr zu tun mit ihrem Ruhm.

Wie immer ging es ums Erbe. Sprich: um fast 200 Millionen Dollar. Darum stritten sich Astors einziger Sohn Anthony Marshall und ihr Enkel Philip. Der, auch schon 54, beschuldigte seinen Vater, 83, die Greisin abgezockt, betrogen und vernachlässigt zu haben. Von verschwundenen Kunstwerken war die Rede. Von gefälschten Testamenten, unterschlagenen Millionen, sogar Misshandlung. Es gab einen hochdramatischen Prozess. Den Misshandlungsvorwurf befand das Gericht für unbegründet, doch es entzog Astors Sohn trotzdem das Sorge- und Treuhandrecht.

Abscheu gegen die Neureichen

De la Renta, die Tochter deutscher Immigranten und Astors gesellschaftliches Ziehkind, war es schließlich, die die hilflose Dame aus der "Gefangenschaft" ihres Nobelapartments an der Park Avenue aufs Land brachte. Dort, auf ihrem Anwesen "Holy Hill" in Briarcliff Manor hoch über dem Hudson, wo sie sich einst am liebsten zum "Auftanken" verkroch, erlag Astor nun einer Lungenentzündung.

Es war der einsame Schlusspunkt eines Lebens, das sich meist im Rampenlicht abgespielt hatte. Astor war die letzte Aristokratin einer verflossenen Ära. Die "letzte Brücke zum Gilded Age", wie es die "New York Times" formulierte, jener wilden Jahre vor dem ersten Weltkrieg, als die Rockefellers, Vanderbilts, Carnegies und Astors hier ihr Vermögen scheffelten. Sie repräsentierte das "alte Geld", das Manhattan regierte, bevor die neureichen Parvenüs der Wall Street begannen, mit ihrem schnellen, so viel größeren Wohlstand um sich zu werfen.

Astor verabscheute diese "nouveaux riches", im Vergleich zu denen sie selbst sich, mit typischem Humor, stolz als "nouveau pauvre" bezeichnete. Das war nicht nur eine Frage der Generationen, sondern vor allem eine Frage des Stils: Astor protzte nicht mit ihrem Geld, sie verschenkte es, am liebsten an die Ärmsten der Stadt. In den Slums und Arbeitervierteln war sie nicht minder verehrt als in der feinen Gesellschaft, die ihre Dinner-Partys liebte.

Dabei hatte sie selbst Armut nie gekannt. Als einzige Tochter eines Generals brauchte sie sich um nichts zu sorgen. Ihre idyllische Kindheit verlebte sie größtenteils im Ausland. China, Haiti, Panama, Dominikanische Republik - wo auch immer der Vater stationiert war.

"Hab' Spaß, Pookie"

"Hab' Spaß, Pookie"

Sie war dreimal verheiratet, das erste Mal mit 17 und todunglücklich. "Die schlimmsten Jahre meines Lebens", sagte sie später über ihre Ehe mit dem reichen, republikanischen Politiker Dryden Kuser, einem Alkoholiker, Schläger und notorischen Schürzenjäger. Nach elf Jahren ließ sie sich in Reno in Nevada scheiden - ein immenser Emanzipationsakt fürs Jahr 1930.

Ihr nächster Gatte dagegen, Investmentbanker Charles Marshall, war "die Liebe meines Lebens", wie sie später bekannte. Doch Marshall verlor sein Vermögen in den vierziger Jahren und hinterließ Astor keinen Cent, als er 1952 plötzlich starb. Astor musste zum ersten Mal in ihrem Leben arbeiten gehen. Sie fand einen Job als Redakteurin beim Magazin "House & Garden".

Binnen eines Jahres heiratete sie erneut - den Mann, der ihr Namen und Reichtum geben würde. Vincent Astor, ein melancholischer Einzelgänger, war Erbe der deutschstämmigen Astor-Dynastie und damals der zwölftreichste Amerikaner. Sein Vater, der Immobilien- und Hotelmagnat John Jacob Astor IV., war beim Untergang der "Titanic" umgekommen.

Nach nur fünfeinhalb Jahren Ehe starb Vincent Astor. Er hinterließ seiner Witwe 60 Millionen Dollar zum Privatgebrauch sowie die gleiche Summe für eine Stiftung "zur Linderung des menschlichen Leidens", die sie verwalten solle. Seine letzter Wunsch: "Hab' Spaß, Pookie."

"Die quintessentielle New Yorkerin"

Und Spaß hatte Mrs. Astor. Sie verstreute ihre Stiftungsmillionen über die ganze Stadt, wie "Peter Pans" Glöckchen seinen Feenstaub. Ihr berühmtester Spruch, der sich heute wohl in jedem Nachruf finden dürfte, ist ein Zitat von Thornton Wilder: "Geld ist wie Dung - es ist nichts wert, wenn du es nicht verteilst."

Persönlich beaufsichtigte sie die Vergabe jedes Cents. Ließ sich in ihrem Mercedes kreuz und quer durch New York chauffieren, zu Kirchengruppen, Obdachlosenasylen, Waisenhäusern. Sie war sich nicht zu schade, mit den Ärmsten an einem Tisch zu sitzen und Hot Dogs mit Senf und Relish zu verspeisen. Abends dann verkehrte sie am anderen Pol der Gesellschaft, bei Kaviar und Champagner. Ihre Feste waren Legende, ihre Hüte auch. Als Gastgeberin oder Ehrengast - stets picobello gewandet - umgarnte sie die Reichen mit ihrem diabolischen Humor, mit dem sie sich oft auch über eben diese lustig machte.

Sie war die Schutzheilige von ganz New York, dem ganz oben und dem ganz unten. Sie saß in den Kuratorien des Metropolitan Museums, der Morgan Library, der Rockefeller University und der New York Public Library, die ihre Eingangshalle nach ihr benannte. Sie war, wie Bürgermeister Michael Bloomberg sie vorgestern würdigte, "die quintessentielle New Yorkerin".

Schlammschlacht um Astors Erbe

Schlammschlacht um Astors Erbe

Ihr letzter großer Auftritt war ihr 100. Geburtstag. Milliardärserbe David Rockefeller, 91, seit einem halben Jahrhundert ihr Freund, organisierte dazu an Ostern 2002 eine Gala auf seinem Familiengut Pocantico Hills im Hudson Valley. 100 Gäste waren geladen (drei sagten mit Bedauern ab). "Verdammt", juxte Astor, "ich kann mein Alter nicht länger verleugnen."

Danach begann der Abstieg ins Drama. Im Juli vorigen Jahres verklagte ihr Enkel Philip seinen Vater: Anthony Marshall, ein Ex-Diplomat und Broadway-Produzent, habe sich schamlos an Astor bereichert. Er habe ihre Kunst verscherbelt, ihre Unterschrift gefälscht, sich ihre Immobilien angeeignet. Auch habe er ihr Medikamente vorenthalten, ihre geliebten Hunde eingesperrt und Astor auf einem alten, urinverschmutzten Sofa schlafen lassen.

New York verfolgte den peinlichen Prozess mit interessierter Distanz. Für die neue High Society war Astor nur noch ein alter Name aus den Geschichtsbüchern und dem Stadtplan.

Astors Sohn Marshall stritt alles ab. Das Zivilverfahren endete mit einem Vergleich, der Marshall von den schlimmsten Vorwürfen entlastete, ihm aber das Sorgerecht und die Treuhänderschaft über Astors Vermögen abnahm. De la Renta wurde zu Astors Vormund ernannt, die Finanzverwaltung ging an die Investmentbank JP Morgan Chase.

Zum 105. Geburtstag ein Wickenstrauß

Doch damit war die Affäre nicht zu Ende. Der Oberstaatsanwalt von Manhattan, der legendäre Robert Morgenthau, leitete kürzlich strafrechtliche Ermittlungen gegen Anthony Marshall ein. Erste Zeugen sollen bereits vernommen worden sein - ein Chauffeur, eine Krankenschwester, ein Butler. Der Verdacht gegen Marshall: Testamentsfälschung.

Astors letzter Wille - verfasst 2002 und im Juni im Detail bekannt geworden - sieht vor, dass der Großteil ihres Erbes an ihren Sohn geht. Seine Frau bekommt einen Nerz, einen Chinchilla-Mantel und eine Diamanten-Kette. Rockefeller bekommt eine Buddha-Skulptur. De la Renta bekommt vier Hundegemälde.

Zu Astors 105. Geburtstag im März gab es keine große Party. Rockefeller brachte einen Wickenstrauß, de la Renta saß am Bett, Henry Kissinger ließ Grüße ausrichten. Auch Sohn Anthony bemühte sich zu einem unbehaglichen Besuch nach "Holy Hills". Roberta Brooke Astor nahm es aber offenbar kaum mehr wahr. Sie war bereits im Nebel der Demenz versunken.

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