Hengstenberg Das Saure-Gurken-Imperium

Essig, Kraut und eingelegte Gurken: Hengstenberg gibt 40 Ländern dieser Welt Saures. Doch prominente Kernmarken wie "Mildessa Sauerkraut" allein reichen nicht mehr zum Erfolg. Der mehr als 130 Jahre alte Familienbetrieb musste in den sauren Apfel beißen - und einiges verändern.

Esslingen - Eckart Hengstenberg thront über Esslingen. Seine Villa liegt in den Weinbergen der württembergischen Stadt, wenige Kilometer vor den Toren Stuttgarts. Von hier aus kann der 66-Jährige den herrlichen Blick über das Neckartal genießen.

Gleichzeitig wacht er über das Familienerbe. Eckart Hengstenberg war jahrzehntelang Geschäftsführer im gleichnamigen Kraut-und-Gurken-Imperium, heute leitet er den Verwaltungsrat. Zwar wird der Traditionsbetrieb seit 2005 von einem externen Manager geleitet. Doch Hengstenberg lässt keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hat: "Ich fühle mich als oberster Repräsentant des Unternehmens."

Die Villa in den Weinbergen hat sein Großvater Karl gebaut, der Sohn des Firmengründers Richard Alfried Hengstenberg. Seit 1876 stellt das Unternehmen Essig und Gewürzgurken her. Später kamen Sauerkraut, Rotkraut und Tomatenmark hinzu. Diese Produktpalette mag furchtbar bieder wirken.

Eckart Hengstenberg, passionierter Sammler zeitgenössischer Kunst, sieht das ganz anders. In den vergangenen Jahren hat die Unternehmensführung alles getan, um das sauertöpfische Hausfrauenimage abzulegen. Eine junge, gesundheitsbewusste Zielgruppe will Hengstenberg ansprechen.

Oktoberfest-Klischee im Ausland

Oktoberfest-Klischee im Ausland

Alte Produkte bekamen eine peppigere Verpackung, neue Leckereien kamen auf den Markt: Drei-Minuten-Sauerkraut im Beutel beispielsweise, oder "Knaxino"-Gürkchen mit Traubenzucker für Kinder. "Das sind Produkte, die dem heutigen Lebensstil entsprechen", glaubt Eckart Hengstenberg.

Überdies hat das schwäbische Unternehmen vergangenen Herbst auf den Bioboom reagiert. Einen Großteil der Produktpalette gibt es seither auch in der Ökovariante ("aus kontrolliert biologischem Anbau").

Inzwischen liefert Hengstenberg seine Produkte in 40 verschiedene Länder: vor allem nach Österreich, Spanien und Italien, aber auch in die USA, nach Kanada und Japan. Für das Auslandsgeschäft ist Eckart Hengstenbergs Neffe Steffen, studierter Betriebswirt, zuständig. Er will dafür sorgen, dass der Anteil des Auslandsgeschäfts am Gesamtumsatz die derzeitigen 10 Prozent bald deutlich übersteigt.

Die Esslinger sind nach eigenen Angaben erfolgreichster Exporteur des typischsten aller deutschen Nahrungsmittel - Sauerkraut. Hengstenberg verkauft den gegorenen Weißkohl auch in Asien und Amerika, in Gläsern mit weiß-blau gemustertem Etikett. Aufschrift: "Bavarian Style Sauerkraut".

"Das entspricht dem Oktoberfest-Klischee und der Wahrnehmung der deutschen Küche im Ausland", erklärt der 42-jährige Steffen Hengstenberg. Dass die Firmenzentrale eigentlich in Baden-Württemberg liegt und das Sauerkraut in Hessen fabriziert wird, dürfte nur die wenigsten Kunden aus Übersee stören. Spezialitäten aus dem Land des Bieres und der Lederhosen, das zieht.

Wer es weniger hausbacken mag, dem bietet Hengstenberg Italo-Flair - mit Produkten wie Prosecco-Essig, "Balsamico Bianco" oder Tomatenmark "Oro di Parma". Schwaben sind eben vielseitig.

Konkurrenz der Billigheimer

Konkurrenz der Billigheimer

Gigantische Erlöse hat ihnen diese Strategie bislang allerdings nicht eingebracht. "Wir haben kein rasantes, aber ein leichtes Umsatzwachstum", sagt Eckart Hengstenberg. Zuletzt lag der Umsatz bei rund 150 Millionen Euro.

Auch in Esslingen spürt man die Folgen der Globalisierung. Billiganbieter überschwemmen die Supermarktregale. Die großen Einzelhandelsketten bieten immer mehr günstige Eigenmarken an. "Es ist ein schwieriger Markt, in dem wir uns bewegen", sagt Steffen Hengstenberg.

Rationalisiert hat der Betrieb bereits in den vergangenen Jahrzehnten. Früher produzierte Hengstenberg im Schnitt rund 30 Produktpackungen pro Minute, heute sind es zehnmal so viele. Der Preis der modernen Technik: Die Zahl der Mitarbeiter hat sich seither von weit über 1000 auf rund 550 reduziert.

Hengstenberg muss Kosten minimieren, wie alle anderen Produzenten auch, will aber kein Ramschartikler werden. In Befragungen sei der Markenname Hengstenberg 90 Prozent der Deutschen bekannt, sagt der Firmenpatriarch. Die Qualität der Essiggurken beispielsweise lasse sich an der Knackigkeit und der besonderen Würzung erkennen.

Ständige Tests sollen garantieren, dass alle Kriterien erfüllt sind. Dennoch: Drastisch höhere Preise als die Billigheimer kann Hengstenberg für die Ware nicht verlangen. Im Regal des Penny-Marktes wird das Glas Gurken schon mal für 89 Cent angeboten - neben dem Billigprodukt für 59 oder 69 Cent.

Inzwischen hat Hengstenberg fast die komplette Produktion verlagert - an die beiden anderen Firmenstandorte in Bad Friedrichshall bei Heilbronn und im nordhessischen Fritzlar. Dort kann sich der Betrieb direkt von den örtlichen Landwirten mit Gurken und Kohl versorgen lassen - und spart so Transportkosten. An Billiglohnstandorten wie Polen oder Tschechien produziert Hengstenberg nicht. Zumindest noch nicht.

Die beiden Kronprinzen

Die beiden Kronprinzen

Schmerzt es nicht, wenn die Firma des Urgroßvaters sukzessive aus der Heimatstadt verschwindet? "Es wäre sehr unprofessionell, wenn wir wegen einer Sentimentalität ökonomische Notwendigkeiten missachteten", sagt Eckhart Hengstenberg, "wir brauchen Mut zur Veränderung". Schwaben sind zwar traditionsbewusste Patrioten - aber eben auch patente Geschäftsleute.

Das Klischee besagt außerdem, dass Schwaben fleißig und vorausschauend ihre Zukunft planen: Sie rackern sich jahrelang ab, um irgendwann einmal ihr eigenes Haus bauen zu können. Das bedeutet auch: Wer bereits eine schmucke Villa in den Weinbergen besitzt und ein Traditionsunternehmen verwaltet, sollte sich frühzeitig Gedanken machen, wer das Familienerbe später einmal übernimmt. Eckart Hengstenberg will die Öffentlichkeit an solchen Gedanken allerdings nicht teilhaben lassen. Wer das Sauerkraut-Reich einmal führen wird, wenn der oberste Repräsentant in den Ruhestand geht - dieses Geheimnis hütet er wie einen Familienschatz.

Derzeit lenkt Dietmar Wöhrmann, Sprecher der Geschäftsführung, das Unternehmen. Er ist nicht mit den Hengstenbergs verwandt. "Die Zusammenarbeit mit dem derzeitigen Führungskreis ist ausgezeichnet", orakelt Eckart Hengstenberg, "wir haben keinen Grund, etwas daran zu ändern."

Diesem obersten Führungskreis gehört auch Steffen Hengstenberg an, der vor seinem Eintritt ins Familienunternehmen für Schwartau arbeitete. Sein Vater Helmut, neben Eckart der zweite Patriarch im Betrieb, ist Hauptgesellschafter. Doch auch Philipp Hengstenberg, der Sohn von Eckart, gehört zum Topmanagement. Derzeit ist der Diplomingenieur für Produktentwicklung und Qualitätssicherung zuständig.

Ein Nachfolgerproblem gibt es bei den Essiggurkenkönigen aus Esslingen jedenfalls nicht. Sie haben sogar zwei potenzielle Kronprinzen.

Dass einer der beiden Jungunternehmer aus der fünften Hengstenberg-Generation dereinst auf den Thron steigt, scheint alles andere als abwegig. In Familienbetrieben wie Hengstenberg ist es guter Brauch, dass Zöglinge erst einmal Erfahrung sammeln, bevor sie die Spitze erklimmen.

Dort warten saure Herausforderungen. Hengstenberg ist zwar Marktführer bei Essig und Sauerkraut. Den größten Anteil am Markt für Gewürzgurken hat hingegen Spreewaldhof. Der scharfe Konkurrent aus Brandenburg hat längst die junge Zielgruppe entdeckt, die auch Hengstenberg gewinnen will. Vor einigen Jahren kam "Get One!" auf den Markt - Spreewaldgurken in der Weißblechdose, sozusagen im "Red Bull"-Format. Für die Esslinger bedeutet das: Der künftige König wird kämpfen müssen.

Kraut und Gurken: Hengstenberg in Bildern

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