Familie Blüthner Der Piano-Clan

Unternehmerfamilien sind wie Adelshäuser: Gewissen Pflichten entzieht man sich nicht. So gab Christian Blüthner-Haessler seine Arbeit als Facharzt auf, um den Klavierbauer Blüthner zu leiten. Bald fand er sich im Spannungsfeld von Tradition und Moderne wieder, wo er sich inzwischen kommod eingerichtet hat.

Das Mendelssohn-Ufer ist wieder so ein Beispiel. Der frisch eingeweihte Kanalabschnitt hat eine mehrstufige Uferböschung, die fünf Notenlinien symbolisiert. Auf den Stufen quadratische Sitzblöcke, die so verteilt sind wie die Noten in der Eröffnungssequenz des E-Moll-Violinkonzerts von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das alles im Schatten von Gründerzeit-Prachtbauten, dem Reichsgerichtsgebäude und der Bibliotheca Albertina. Die angrenzenden Bürgerhäuser, reich mit Stuck verziert und liebevoll restauriert, zählen zu den besten Wohnlagen der Stadt.

Unbestreitbar, Leipzig ist eine Stadt der Bourgeoisie und deren Hochkultur. Da darf es auch pompös zugehen, klangvoll allemal. Gewandhaus, Thomanerchor, Bachfest - klingende Namen, nicht nur für Musikfreunde.

Mit ähnlich stolzem Nachhall schwingt der Name Blüthner, Klavierbau seit 1853. Ein Familienbetrieb, patriarchalisch geführt in fünfter Generation. Die Instrumente aus der Manufaktur tragen den Schriftzug: "Made in Leipzig, Germany".

"Gestatten, Blüthner-Haessler." Der 41-jährige Geschäftsführer des Traditionsbetriebs ist hochgewachsen, fast schlaksig. Den obersten Knopf seines Hemds trägt er offen an diesem heißen Tag. Nach der förmlichen Begrüßung fläzt er sich auf einen Stuhl und lächelt ein wenig herausfordernd, wie ein Schuljunge.

Wer sich Blüthner nähert, kommt durch ein trostloses Gewerbegebiet in Großpösna. Zweckbau an Zweckbau, Ingenieurbüro an Lagerhalle. Hier, im Nirgendwo acht Kilometer vor der Stadt, fertigt einer der ältesten Pianobauer Deutschlands Instrumente, die leicht mehr kosten als ein Mittelklassewagen.

Das Blüthner-Gelände erkennt man an einer grünen Hecke. Dahinter versteckt sich der Showroom, das einzige Gebäude weit und breit, das mit seiner Holz-Glas-Konstruktion erkennbaren Wert auf Äußeres legt. Vis-à-vis ducken sich Produktionshallen und Holzlager. Baumaschinen brummen von fern, dazwischen mischen sich Tastenakkorde. Im Showroom steht ein Techniker und treibt einem dunkelbraun furnierten Pianoforte die letzten Misstöne aus. Er trägt T-Shirt und Boxershorts. Eine Klimaanlage würde zu viel Geräusche machen, hier, wo auch Kunden Instrumente ausprobieren.

Udo Jürgens' Glasflügel ist nicht standesgemäß

Asiatische Discount-Konkurrenz

"Hören Sie den Baulärm?", fragt Blüthner-Haessler. Das klingt nach Small Talk, doch schon geht es ums Geschäft. "Wir bauen eine weitere Halle, hinten auf dem Gelände." Anders sei der Nachfrage nicht nachzukommen. Er ist gut gelaunt. "In den vergangenen fünf Jahren haben wir die Produktion verdoppelt." Ein stolzes Plus in einer Zeit, in der auch iPods Musik von sich geben, in der Computerspiele einen festen Platz haben im Zeitbudget der Jugend, einen größeren meist als Klavierunterricht.

Ein Ausweis der wiederentdeckten Bürgerlichkeit, von der die Feuilletons schreiben? Eher nicht: "Der deutsche Markt ist stabil", sagt Blüthner-Haessler, keine Ausreißer nach unten, aber auch nicht nach oben. Das ist durchaus ein Erfolgsausweis, denn die deutsche Gesamtproduktion ging in den vergangenen zehn Jahren von 20.000 Flügeln und Klavieren auf 10.000 zurück.

Rund 20 Millionen Euro Umsatz verbuchte Blüthner 2006. Um Wachstum zu erzeugen, hat der junge Chef vor allem Auslandsmärkte erschlossen, mit neuen Vertriebspartnern und dem Zukauf günstiger Marken aus osteuropäischer Produktion. Er betreibt ein Joint Venture in China, um die Sehnsucht der Chinesen nach Klavieren zu stillen, langfristig ist dort ein eigenes Werk geplant. All das helfe im Kampf gegen japanische und chinesische Konkurrenten. Deren Discount-Klaviere - mehr als die Hälfte der weltweiten Klavierproduktion kommt aus Asien - stellen eine größere Bedrohung dar als iPod und Playstation.

Tradition muss man sich eben leisten können. Ein Blüthner-Flügel ist ab 32.000 Euro zu haben, die großen Modelle ab 60.000. Je nach Ausstattung fallen problemlos 100.000 Euro an, mit Sonderwünschen gibt es keine Grenze nach oben. Kein Hindernis für Freunde des weichen, gesanglichen Klangs der Instrumente, für den sich gerade Romantiker begeistern. Franz Liszt spielte Blüthner, ebenso Peter Tschaikowsky und Sergej Prokofjew. Allerdings auch Jazzpianist Dave Brubeck und sogar Stevie Wonder, der doch als Elektronik-Pionier der Soulmusik gilt. Udo Jürgens soll zwei Blüthner zu Hause stehen haben. Obwohl sein spektakulärer Plexiglas-Flügel, den er auf Tournee mitnimmt, von Schimmel ist. Traditionsbewusste Klavierbauer rümpfen über so etwas die Nase.

Betriebswirtschaftliches Anecken

Betriebswirtschaftliches Anecken

Überhaupt, das Naserümpfen. Als Blüthner-Haessler die Leitung des Unternehmens 1995 übernahm, eckte er immer wieder mal an: Ob das denn sein müsse, die billigen Klaviere, unter den Markennamen Irmler und Haessler. Auf Unterscheidbarkeit wird deshalb viel Wert gelegt. Mehr als einmal betont Blüthner-Haessler, dass nur die aufwendigen Instrumente aus der Leipziger Produktion den Familiennamen tragen dürfen.

Mancher empfand den frischen Wind des Jungspunds als kalt. Dabei blieb der Vater, Ingbert Blüthner-Haessler, beratend im Betrieb. Noch heute schaut er jeden Tag vorbei. Christians Bruder Knut leitet die Werkstätten und feilt an Klang und Mechanik der Instrumente. Klaviere sind Familiensache, jedes fertige Exemplar muss von einem der drei Männer abgesegnet werden.

Christian selbst hatte zunächst Medizin studiert und sich als Urologe niedergelassen. Für die Führungsaufgabe im väterlichen Betrieb belegte er BWL an der Fernuni Hagen und hängte den Arztkittel an den Nagel. Er organisierte die weltweiten Vertriebszentren neu - unter anderem in den USA, in Russland und Frankreich -, er stärkte das "Customer Management" und die "After Sales Services" und kümmerte sich um Franchise-Filialen in Korea, Südafrika und Australien. Das klingt sehr betriebswirtschaftelnd, obwohl er inzwischen vorsichtig geworden ist: "Manche Managementbegriffe sind schwer in Einklang zu bringen mit unserem Produkt," formuliert er zurückhaltend. Man konnte nach seinem Amtsantritt lesen, dass für ihn die Tradition der Marke nur ein Verkaufsargument unter vielen sei.

Für ihn eine absurde Behauptung. Er ist Spross dieser Klavierdynastie, kennt den gesamten Betrieb von Kindesbeinen an. "Die Firma war bei uns Tischgespräch. Erst im Schulalter erkannte ich, dass es nicht der Normalfall ist, auf einem Klavier zu spielen, auf dem der eigene Name steht."

Fachkundig führt er durch die Werkstätten, erklärt die Herkunft jedes Furniers und wie die Filze der Anschlaghämmer stundenlang mit Nadeln bearbeitet werden. In der Holzanlieferung und -vorbereitung wähnt man sich noch in einer gewöhnlichen Tischlerei. Es riecht nach Holzstaub und Leim. Die typischen grün lackierten Maschinen dröhnen selbst dann, wenn sie gerade nicht im Einsatz sind. In jedem Türdurchgang muss sich Blüthner-Haessler leicht ducken.

"Das kann keiner besser als ich!"

"Das kann keiner besser als ich!"

Faszinierend der Raum, in dem die Saiten aufgezogen und justiert werden. In das Werkstattklopfen mischt sich schräges Saitengezirpe - eine bizarre Geräuschkulisse aus Handwerkskrach und Instrumentenklang. Zwischen den Arbeitsplätzen stehen halbfertige Klaviere, die mit Samtdecken geschützt werden. In einem Nebenraum frickelt ein Techniker eine elektronische Selbstspielautomatik unter einen Flügel. Fast entschuldigend erklärt Blüthner-Haessler: "Sowas machen wir auch, auf Kundenwunsch. Ansonsten ist Elektronik tabu."

Zwischen großen Holzlagern bekommt der Flügelkorpus seine charakteristische Form, gezwungen von Dutzenden riesiger Schraubzwingen. Woanders mache man das maschinell, könne dabei aber nicht auf die Eigenarten des natürlichen Rohstoffs Holz reagieren. Solche Erklärungen klingen bei Blüthner-Haessler nicht wie wohlfeile PR-Hinweise, die darauf zielen, ein Unternehmen einzigartig erscheinen zu lassen. Von "unserem Verfahren" spricht er, als sei es ein entfernter Verwandter.

Dass sich all dies ein Außenstehender aneignen könnte - die Idee befremdet ihn. Als die Frage gestellt wurde, wer seinem Vater nachfolgen würde, war für ihn klar: "Das kann keiner besser als ich!"

So wäre die Antwort nicht immer ausgefallen. Er hatte auch die DDR-Jahre aus nächster Nähe miterlebt. Die Familie wurde 1972 enteignet, doch der Vater mit seiner Erfahrung leitete das Werk weiter. Ein merkwürdiger Spagat, im eigenen Betrieb volkseigen zu sein, kontrolliert von Genossen, die vom Klavierbau und von Musik oft wenig Ahnung hatten, die keinen Draht zur Kundschaft hatten und die Familie recht weit aus dem Unternehmen drängten. "Das Arrangement meines Vaters mit der SED war reine Schadensbegrenzung", beschreibt es Blüthner-Haessler heute. Er selbst entschied sich für ein Medizinstudium, weil er in dem Staatsbetrieb keine Zukunft für sich sah.

Exportschlager der DDR

Exportschlager der DDR

Im Vergleich zu anderen ging es dem Unternehmen gut in der DDR. Blüthner hatte die höchste Devisenrentabilität in der Republik. Das heißt, gemessen am Kosteneinsatz konnten mit dem Export die meisten Westdevisen verdient werden - ein wesentliches Ziel der dauermaroden Planwirtschaft. Die Arbeit wurde konsequent auf den Export ausgerichtet; aus einer Jahresproduktion von 500 Stück blieben oft nur zwei Flügel in der DDR.

Womöglich sicherte diese Sonderstellung den Leipziger Klavierbauern das Überleben. Um im Ausland attraktive Instrumente anbieten zu können, galten die gleichen Qualitätsmaßstäbe wie in den belieferten Marktwirtschaften. Der Rohstoffmangel, unter dem viele andere Ostbetriebe damals litten, galt für Blüthner selten, dafür sorgten die Genossen.

Die Diktatur habe man allerdings nie akzeptiert, so Blüthner-Haessler. Noch unter DDR-Recht wurde nach dem Mauerfall die Reprivatisierung beantragt. Wenige Tage vor der Deutschen Vereinigung, im Jahr 1990, bekam die Familie ihren Besitz zurück.

Die folgenden Jahre waren hart. Die Exportmärkte im Osten brachen nach der Einführung der D-Mark weg, der Schuldenstand stieg, die Hälfte des Personals wurde entlassen. Gleichzeitig sollten die Narben verheilen, die die Devisenhurerei im Auftrag des DDR-Außenhandelsbüros geschlagen hatte.

1994 war man so weit, die neue Fabrik zu bauen, die drei Jahre später fertig gestellt wurde und in der heute 120 Mitarbeiter werkeln, Kostenpunkt: zehn Millionen Euro. Das Überleben hatten bis dahin geduldige Zulieferer und Händler sowie staatliche Zuschüsse gesichert. Und der Klang des Namens Blüthner bei Musikfreunden.

Selbstverständlich hegt Christian Blüthner-Haessler die Hoffnung, dass seine Kinder sich einmal ähnlich für den Familienbetrieb begeistern werden wie er. Klar sei: "Wer die Früchte unserer Firma ernten will, muss sich auch einbringen." Aber andererseits wolle er niemanden in eine Rolle drängen. Das klingt nur scheinbar nach Laisser faire. Die Klavierstunden für die Kinder sind schon gebucht.

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