Unternehmensnachfolge Mode im Blut

Modefirmen leben oft von ihrem Gründer, von dessen Stil und Unternehmensidee. Das kann Probleme mit sich bringen, wenn Fremde ans Ruder kommen, wie bei Jil Sander und Escada. Dass es anders geht, zeigen Strenesse oder Rena Lange. Hier muss der eigene Nachwuchs ran.

Hamburg - Eine Stelle bei Goldman Sachs zu verlassen, das ist fast so, als würde man einen Lottoschein mit sechs Richtigen in den Müll werfen. Trotzdem beschloss Valentin von Arnim vor etwa eineinhalb Jahren, seinen Posten in der Top-Investmentbank aufzugeben, aus New York nach Hamburg zurückzukehren und in die Modefirma seiner Mutter einzusteigen.

Zwar gilt die Designerin Iris von Arnim als "Kaschmir-Königin" mit weltweitem Ruf. Doch ist die Zukunft eines Modeunternehmens stets mit Risiken verbunden. Und gerade im oberen Segment riskieren es wenige, Töchter oder Söhne als Nachfolger aufzubauen.

Längst regieren Luxusgruppen und Beteiligungsgesellschaften die Textilwelt. In Deutschland gibt es sowieso nur wenige klangvolle Designernamen, wo die Option zwischen Verkauf des Labels oder Fortführung durch einen Erben zur Gretchenfrage wird.

Wolfgang Joop etwa ist längst aus dem nach ihm benannten Unternehmen ausgestiegen und hat mit "Wunderkind" eine neue Linie herausgebracht. Tochter Jette führt ihre eigene Modefirma. Und die Marke Joop! gehört nach turbulenten Jahren heute zur Strellson AG und zu Egana Goldpfeil  und wagt gerade mit einem neuen Kreativdirektor einen Neubeginn.

Mit Leib und Seele

Mit Leib und Seele

Bei Jil Sander verpflichtete man nach dem Verkauf des Labels an Prada und dem späteren Ausstieg der Modemacherin den Antwerpener Raf Simons als Chefdesigner, verkaufte dann aber im Februar 2006 an den Londoner Finanzinvestor Change Capital Partners. Der beließ Simons auf seinem Posten und meldete vor kurzem endlich wieder ein positives Geschäftsergebnis.

Auch das Münchner Unternehmen Escada ist heute in "fremden Händen". Erst kürzlich wechselte der Vorstandschef nach Problemen mit einem Großaktionär.

All diese Beispiele zeigen, dass ein Markenverkauf an Außenstehende oft problematisch ist. Manchmal erscheint da die althergebrachte Option, den eigenen Nachwuchs ins Unternehmen zu holen, als bessere Lösung. Dies belegt der Fall Rena Lange. Hier führt seit sechs Jahren Daniel Günthert die Geschäfte, Sohn von Renate und Peter Günthert, die aus der einstigen Wäschefirma ein renommiertes Couture-Haus gemacht haben.

Heute ist Günthert alleiniger Gesellschafter. "Grundsätzlich hat sich mit meiner Übernahme die Struktur geändert", meint er. "Bei meinen Eltern war es so, dass sich Leitung des Unternehmens und des Designs quasi in einer Person verbanden. Ich musste erstmal schnell ein Team aufbauen."

Der 37-Jährige sieht den Umbau des Unternehmens eigentlich als Vorteil: "Es ist immer die Frage, welche Generation leitet. Jetzt haben wir Management-Teams, die viel eigenständig entscheiden. Ich will nicht sagen, dass das eine besser oder schlechter ist. Es ist einfach anders und passt sich der Zeit an, in der wir leben." Zeitgemäß zu agieren und dennoch dem Unternehmen mit Leib und Seele verbunden zu sein, das ist der große Vorteil eines Erben. "Ich stehe ganz anders hinter dem Produkt", sagt Günthert, der früher bei Estée Lauder in New York gearbeitet hat.

"Die aufregendste Aufgabe, die es gibt"

"Die aufregendste Aufgabe, die es gibt"

Auch bei Valentin von Arnim ist geplant, dass er später die Firma führt. Nachdem er im vergangenen Jahr den Aufbau internationaler Märkte betreut hat, übernimmt er immer mehr Verantwortung im Tagesgeschäft. "Ich wollte sowieso nicht mein Leben lang Banker sein", erklärt der 28-Jährige rückblickend. Und: "Eine eigene Firma zu führen ist doch die aufregendste Aufgabe, die es gibt."

Schwierig könnte sich irgendwann die Suche nach einem neuen Designer gestalten. Doch bei Rena Lange sieht man, dass auch dies gut gelöst werden kann. Die Kooperation zwischen Kreativ-Chefin und Firmenchef scheint perfekt zu funktionieren.

Bei Strenesse gibt es mit Viktoria Strehle ebenfalls Nachwuchs im Unternehmen. Die 29-Jährige ist für die Accessoires und die eigenen Läden der Marke verantwortlich. Sie arbeitete früher bei Harrods, verfolgte also wie Günthert oder von Arnim zunächst einen eigenen Weg. Für die Entscheidung vor vier Jahren zu Strenesse zu gehen, hat sie einige Zeit gebraucht. "Letztendlich habe ich mich für Strenesse entschieden, weil hier eben mein Herz hängt und ich der festen Überzeugung war, gerade über den Einzelhandel wichtige Impulse setzen zu können."

Mit ihrer Stiefmutter Gabriele und ihrem Vater Gerd tritt sie auch nach außen als Gesicht der Marke auf. Aber: "Die "Seele" der Marke ist unbestritten Gabriele Strehle", sagt Viktoria.

Von Stefanie Schütte, dpa

Übersicht: Die Erben der Modebranche

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