Fachkräftemangel Hausgemachte Krise

Die deutsche Industrie vermisst Fachkräfte. Vor allem Ingenieure sind heiß begehrt. Bevor die Misere die Wirtschaft bremst, will man eifrig im Ausland werben. Dabei suchen fast 27.000 Ingenieure nach Arbeit. Doch die Betriebe wollen sie nicht, weil sie einem überkommenen Berufsbild nachhängen.

Hamburg/Nürnberg - Irgendwas fehlt immer. Mal ist es Arbeit, nun sind es Fachkräfte. Seit die offiziellen Arbeitslosenzahlen sinken, tritt wieder ein Problem in den Vordergrund, das sich über lange Zeit entwickelt hat: der Mangel an Fachkräften.

"Es dauert länger, geeignete Leute zu finden. Nächstes Jahr wird das die Konjunktur bremsen", sagt Steffen Henzel vom Münchener Ifo-Institut. Und auch Alexander Koch von der HypoVereinsbank stellt gegenüber der Nachrichtenagentur AP fest, dass langsam die Fachkräfte ausgehen, sodass die Unternehmen schon jetzt nicht mehr alle Aufträge annehmen.

Nicht umsonst fordert Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) politische Schritte, um ausländischen Spitzenkräften den Zugang zum Arbeitsmarkt schmackhaft zu machen, sei es durch ein Punktesystem für Einwanderer oder durch die Absenkung des Mindestgehalts, das potenzielle Zuwanderer vorweisen sollen.

Nicht wenige kritisieren das. Der DGB etwa spricht von "Bildungsimperialismus" und warnt davor, dass gerade die aufstrebenden Staaten auf der Südhalbkugel ihre klügsten Köpfe selbst brauchen, um einen Aufschwung zu organisieren.

Ist der Brain Gain, das gezielte Anwerben gut ausgebildeter Ausländer, überhaupt nötig?

Beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Nürnberger Bundesagentur für Arbeit gehört, ist man skeptisch. Zum Teil sei der Mangel an Fachkräften in Deutschland hausgemacht. Und über das Angebot bei den Ingenieuren müssten die Betriebe am allerwenigsten klagen: "Der Arbeitsmarkt ist nicht leergefegt", stellt Franziska Schreyer fest, eine Arbeitsmarktforscherin des Instituts.

Kranke Arbeitszeitkultur bei Ingenieuren

So seien im Mai knapp 27.000 Ingenieure arbeitslos gemeldet gewesen, davon 5800 Maschinenbauer und 4700 Elektrotechniker. In den Branchen, in denen das Gejammer besonders groß ist, gibt es also durchaus Potenzial.

Allerdings hat Schreyer festgestellt, dass zahlreiche dieser Ingenieure in wenigen, aber wesentlichen Punkten nicht den Vorstellungen der Betriebe entsprechen. Deren idealer Mitarbeiter ist ungebunden, jünger als 35 und männlich.

Diese Arbeitskultur findet man in vielen Bereichen der Wirtschaft, in unterschiedlichem Ausmaß. Doch bei Ingenieuren ist sie besonders ausgeprägt:

  • Sechs von sieben Ingenieuren auf Arbeitssuche sind älter als 35. Ältere Kollegen auf den neuesten technischen Stand zu bringen, zumal wenn sie länger nicht im Berufsalltag standen, kostet Geld. So bevorzugt mancher Personalchef lieber junge Hochschulabgänger.
  • Die Arbeitslosenquote unter Ingenieurinnen ist immer noch doppelt so hoch wie bei den männlichen Kollegen - auch wenn die Entwicklung in den vergangenen Jahren sehr positiv war. Bei dem bestehenden Ungleichgewicht spielen viele "weiche" Faktoren eine Rolle, die sich kaum beziffern lassen. So ist bekannt, das gerade auf Führungsebenen Frauen durch informelle Männerbündelei diskriminiert werden. Hinzu kommen verbreitete Klischees über das technische Verständnis von Frauen, auch wenn die sich mit deren Abschlussnoten an der Universität nicht belegen lassen.
  • Ein harter Faktor, der gegen Frauen spielt: Der Anteil der Teilzeitstellen liegt in Ingenieurberufen gerade mal bei 2 Prozent. Das klassische Berufsbild des Ingenieurs sieht Überstunden und permanente Erreichbarkeit vor, unvereinbar mit einem Familienleben. Schreyer: "Teilzeit ist bei Ingenieuren ein Fremdwort."

All diese Probleme sind lösbar, ohne die Politik auf den Plan zu rufen. Zwar klagen "einzelne Unternehmen völlig zu Recht über das magere Angebot am Arbeitsmarkt und über die dürftigen Abgängerzahlen in technischen Studiengängen", differenziert man beim IAB. Insgesamt aber fragen sich zu wenige Manager, was sie zur Besserung der Situation beitragen können. "Ich vermisse bei vielen Unternehmen eine kritische Selbsteinschätzung", bemängelt Schreyer.

Bekannte Gegenmaßnahmen

Die Gegenmaßnahmen liegen auf der Hand - und sind so neu nicht. Viele Lücken lassen sich mit älteren Ingenieuren schließen, wenn man sie mit ausführlicher Einarbeitung und mit Fortbildungen auf den Stand der Technik bringt. Unternehmen, die sich darauf einlassen, bekommen die Erfahrung der älteren Kollegen noch als Bonus. Und von moderner, familienfreundlicher Arbeitsorganisation mit Teilzeitangeboten und - wo möglich - Kinderbetreuung profitieren alle in den Betrieben.

Die Fehlentwicklungen in der Arbeitszeitkultur der Ingenieure ließen sich korrigieren, mit einer schnellen Verbesserung am Arbeitsmarkt. Das gilt nicht für Schäden, die manche Krise der Vergangenheit hinterlassen hat. Eine Studie der Universität Passau belegt, dass die Einstellungspolitik, wie sie in den 90er Jahren betrieben wurde, nachhaltig den Ingenieurnachwuchs verschreckt hat.

Vor allem der deutsche Maschinenbau durchschritt damals ein tiefes Tal und reagierte mit Einstellungsstopps und Entlassungswellen in kurzer Abfolge. Viele Schulabgänger mit Interesse an Technik entschieden sich damals gegen ein Maschinebaustudium. Ingenieure, die heute fehlen.

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