Witten-Herdecke Vorerst gerettet

Die Privatuni Witten-Herdecke kann aufatmen: Das Düsseldorfer Familienunternehmen Droege bezahlt den Schuldenberg von 12 Millionen Euro. Um weiter zu bestehen, muss sich die Hochschule neu organisieren.

Düsseldorf/Witten - Hohe und hehre Ziele hatte diese Universität schon immer. "Zur Freiheit ermutigen" und "nach Wahrheit streben" - nicht weniger sollen die Studenten in Witten-Herdecke lernen, wo man auch gerne vom Menschenrecht auf freie Bildung spricht. In den letzten Jahren aber lernten die Studenten vor allem eine Lektion, die ebenso banal wie profan daherkommt: ohne Moos nix los.

Deutschlands älteste Privatuniversität war chronisch klamm. Umso größer ist die Erleichterung, dass jetzt endlich ein neuer Finanzier gefunden ist. Das Düsseldorfer Familienunternehmen Droege International Group AG - spezialisiert auf die Sanierung mittelständischer Unternehmen - spendiert zwölf Millionen Euro und hilft der Universität damit aus der Patsche.

"Das finanzielle Engagement für die private Universität ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Verantwortung, der sich das Unternehmen stellt", verkündet Droege International. Wiederum hehre Worte - aber steckt nicht doch mehr dahinter? Als die Jacobs-Stiftung der International University Bremen half, hieß die bald "Jacobs University Bremen".

"Eine Umbenennung der Universität Witten/Herdecke wird es definitiv nicht geben", sagt nun ein Droege-Sprecher manager-magazin.de. "Es werden auch keine Banner von Droege auf dem Universitätsgelände wehen." Es gehe nicht darum, eine Universität zu kaufen und Rendite zu erzielen. Das Unternehmen wolle der Universität vielmehr "Hilfe zur Selbsthilfe" bieten.

Das klingt wie Entwicklungshilfe - und tatsächlich gilt die Privatuniversität seit längerem als Notfall unter den deutschen Hochschulen. 1995 half der Staat erstmals aus, zuletzt sollten private Sponsoren einspringen. Dazu zählte der private Klinik- und Fachhochschulbetreiber Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH), der allerdings auf großen Widerstand von Studentenvertretern stieß: Sie befürchteten einen "Ausverkauf" der Ideale und raunten von einer "feindlichen Übernahme", weil der Klinikbetreiber angeblich zu großen Einfluss nehmen wollte. Auch aus dem Engagement des Anthroposophen Peter Schnell mit seiner Stiftung Software AG wurde dann nichts.

Nicht alle Fächer sollen überleben

Nicht alle Fächer sollen überleben

Nun ist alles freundlich abgelaufen und sogar ohne eine Übernahme. "Es geht uns hier nicht um eine Beteiligung", betont Droege International. Das Geld soll es der Universität vielmehr ermöglichen, sich von einer gemeinnützigen GmbH zu einer Stiftungsuniversität zu wandeln und dadurch an Autonomie zu gewinnen. Die Miteigentümerin des Sponsors, Hedda im Brahm-Droege, wird voraussichtlich dem Kuratorium der neuen Universitäts-Stiftung angehören. Angeblich stehen bereits weitere Unternehmen und Privatpersonen bereit, die zusätzliche acht Millionen Euro aufbringen wollen.

"Wir können uns nun frei und jenseits von einzelnen Gesellschafterinteressen entwickeln", sagte Peter Kallien, kaufmännischer Geschäftsführer der Universität, manager-magazin.de. Allerdings weiß auch er: Die Arbeit geht jetzt erst los. Denn die Probleme der Universität enden nicht beim Geld. Erst im Sommer 2006 sorgte der Wissenschaftsrat mit scharfer Kritik an der medizinischen Forschung für einen Paukenschlag. Die Hochschule bekam ihre Akkreditierung, ihr universitäres Gütesiegel erst, nachdem sie erhebliche Reformen in ihrer Kerndisziplin Medizin zusicherte.

Die Universität hat nach Kalliens Worten nun große Ziele für die nächsten Jahre: Die Zahl der Studenten verdoppeln, die Gebühren fürs Studium erhöhen, neue Studiengänge anbieten und andere schließen. "Die Biochemie werden wir stark einschränken und die Musiktherapie aufgeben", sagt der Geschäftsführer.

Das dürfte auf der Linie des neuen Sponsors liegen. "Wir erwarten, dass die Gesamtorganisation verbessert wird", so der Droege-Sprecher. "Es gibt sicherlich Optimierungsbedarf hinsichtlich Struktur, Aufbau, Ablauf und Organisation." Man werde sich aber nicht in das Management der Hochschule einmischen, sondern allenfalls auf Nachfrage in einzelnen Bereichen das Know-how zur Verfügung stellen.

Die Sanierungsberater kennen sich gut aus: Die rund 2000 Mitarbeiter helfen sonst vor allem Mittelständlern in Umbruch- und Krisenzeiten, streben "eher langfristige Mehrheitsbeteiligungen an", um die Unternehmen später gewinnbringend weiterzuverkaufen. In den PR-Mitteilungen heißt es dazu: "Ziel ist letztlich eine strategische Revitalisierung des Unternehmens" - die könnte auch die Universität Witten-Herdecke gut gebrauchen.

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