Karriere "Kleinfeld hat die Zeichen nicht erkannt"

Mit Niederlagen effektiv umzugehen, ist eine Kunst. Viele Topmanager und Spitzenpolitiker beherrschen sie nicht. Wolfgang Nowak, Leiter der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, sagt bei manager-magazin.de, woran Gerhard Schröder und Siemens-Chef Klaus Kleinfeld gescheitert sind - und was man daraus lernen kann.

mm.de: Herr Nowak, Ihr heutiger Chef Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, galt lange Zeit als Reizfigur der deutschen Wirtschaft. Viele betrachteten ihn als gescheitert, Rücktrittsforderungen wurden laut. Warum ist er immer noch im Amt?

Nowak: Man kann nur aufsteigen und etwas werden, wenn man schon einmal eine Niederlage verarbeitet hat. Josef Ackermann hatte bereits als Manager bei der Credit Suisse einen Misserfolg erlitten. Dieser hat ihn so stark gemacht, dass er die Deutsche Bank jetzt zu einem weltweit erfolgreichen Institut ausgebaut hat. Ich respektiere Herrn Ackermann, weil er seinen eigenen Weg entschlossen weitergegangen ist. Er hat nicht auf Beifall oder Pfiffe um sich herum geachtet, sondern sein Ziel im Auge behalten.

Das gilt übrigens auch für Willy Brandt. Er war nur deshalb ein so großer Kanzler, weil er viele Niederlagen erlitten hat, aus denen er gestärkt hervorgegangen ist. Viele Politiker kommen heutzutage nur deshalb nach oben, weil sie Mitstreiter durch eine Art Schiffe-versenken-Spiel aus dem Weg räumen und sich von einem Amt zum nächsten hangeln. Aber nur die kantigen Typen bringen es zum langfristigen Erfolg - solche, die sich innerlich weiterentwickelt haben.

mm.de: Der spätere SPD-Kanzler Gerhard Schröder, dem Sie bis 2002 als Planungschef im Kanzleramt gedient haben, musste ebenfalls einen schweren Misserfolg einstecken. Die Wahlniederlage im September 2005 wollte er zunächst nicht anerkennen. Ein guter Umgang mit dem Scheitern?

Nowak: Gewiss nicht. Am Wahlabend zeigte Schröder, dass man auch zweimal scheitern kann. Er hatte bereits zuvor bewiesen, dass er gegen alle Prinzipien und Skrupel einen Wahlkampf führen kann. Damals hatte er fast alles widerrufen, was er zuvor einmal gesagt hatte. Im Augenblick der Niederlage hat er dann ein zweites Mal verloren, weil er die Wirklichkeit nicht anerkennen wollte. Das Wichtigste im Moment des Scheiterns ist jedoch, sich sachlich mit der unangenehmen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Was ist schiefgelaufen, was kann ich in Zukunft besser machen?

Schröder hat das genaue Gegenteil gemacht - er hat allen Fernsehzuschauern seine eigene, schiefe Realität präsentiert. In diesem Augenblick konnte Angela Merkel sich sicher sein: Jetzt habe ich die Wahl gewonnen.

Ex-Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer ist im Gegensatz zu Schröder erfolgreich gescheitert. In der Stunde der Wahlniederlage hat er Größe gezeigt, ist ausgestiegen und hat ein neues Leben gewählt. Fischer hat keine große Show gemacht, tritt nur noch gelegentlich öffentlich auf und hat das Scheitern akzeptiert. Er ist weitergekommen.

"Merkel rollt die Kugel beharrlich"

mm.de: Auch Schröder führt inzwischen ein neues, nicht unbedingt erfolgloses Leben - als Aufsichtsratschef des Pipeline-Konsortiums Nord Stream und Berater des Schweizer Ringier-Verlags. Ist er wirklich gescheitert?

Nowak: Ja. Beispielsweise hat er das Schröder-Blair-Papier zur Reform des Sozialstaats einfach hingeschmissen. Der politische Hinschmiss ist quasi eines von Schröders Charaktermerkmalen. Mal war er der "Basta"-Kanzler, dann wieder der Gewerkschaftskanzler, zum Schluss dann der Agenda-2010-Kanzler. Schröder hat aus seinen Niederlagen nichts gelernt.

mm.de: Handelt Kanzlerin Merkel erfolgreicher als ihr Vorgänger?

Nowak: Ja. Auch sie ist durch viele Niederlagen gegangen und weiß jetzt, wie man sich Erfolge erkämpft. Ihre Stärke besteht darin, dass sie - bildlich gesprochen - die Kugel immer wieder aufnimmt und beharrlich auf den Berg rollt. Ein schlechter Kanzler dagegen glaubt, dass die Kugel von selbst oben bleibt. Andere Politiker lassen die Kugel einfach fallen - wie etwa der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Frau Merkel ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie vor ihrer Politikerlaufbahn ein Leben jenseits der Politik geführt hat. Das Problem der SPD besteht inzwischen darin, dass jetzt Berufspolitiker und ehemalige Beamte das Sagen haben. Will man einen Parteiführer haben, der die Menschen wirklich anspricht, braucht man Leute vom Kaliber eines Willy Brandt. Leute, die auch im realen Leben etwas geleistet haben.

mm.de: Welche Chancen auf einen Neuanfang haben gescheiterte Politiker?

Nowak: Es kommt darauf an, worin die Niederlage besteht. Ist der Politiker an gewissen Denkverboten und verordneten Dummheiten einer Partei gescheitert, eignet er sich bestimmt für eine Karriere in der Industrie. Dort kommt man mit Denkverboten nicht weiter.

Negativ gescheitert ist hingegen, wer eine derart schauerliche Selbstvermarktung betreibt, wie Landwirtschaftsminister Horst Seehofer es macht. Ungeeignet für eine zweite Karriere ist natürlich auch, wer verbotenerweise in die Kasse gegriffen oder seinen Dienstwagen privat genutzt hat.

"Phase der Abkühlung für Kleinfeld"

mm.de: Sie persönlich haben auch Erfahrungen mit Niederlagen gesammelt. Vor fünf Jahren mussten Sie das Kanzleramt verlassen, Ihre Grundsatzabteilung wurde aufgelöst. Was haben Sie falsch gemacht?

Nowak: Ich habe daran geglaubt, dass die rot-grüne Regierung den 1998 versprochenen Neuanfang auch durchsetzen würde. Ich war nicht in der Lage einzusehen, dass weder der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier noch Schröder selbst an der Umsetzung des Schröder-Blair-Papiers interessiert sein würden. Vielmehr ging es ihnen darum, möglichst reibungslos den eigenen Machterhalt zu gewährleisten.

Aber nach meinem Ausscheiden habe ich eine spannende Stelle als Vorsitzender der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank bekommen. Nun kann ich sehr viel mehr gestalten als früher. Ich habe auch gelernt, dass es wichtig ist, die Anzeichen des Scheiterns frühzeitig zu erkennen. Das fällt vielen sehr schwer, nicht nur Schröder. Auch Klaus Kleinfeld, den ich einmal in New York erlebt habe, hat diese Zeichen nicht erkannt.

mm.de: Hätte Noch-Siemens-Chef Kleinfeld Ihrer Ansicht nach früher zurücktreten müssen?

Nowak: Nicht unbedingt. Vermutlich hätte er gar nicht zurücktreten und stattdessen lieber eine bessere Medienpolitik betreiben sollen. Kleinfeld muss nun herausfinden, warum er gehen musste - und dass es nicht die Schuld der anderen war. Vielleicht sollte er nun erst einmal für ein Jahr an eine Universität gehen und dort seine Erfahrungen als Unternehmensführer einbringen. Nach der Niederlage braucht man eine Phase der Abkühlung, bevor man etwas Neues beginnt.

mm.de: Es gibt auch Menschen, die existenzgefährdende Pleiten erleben - und denen die Sorgen eines Klaus Kleinfeld wie Luxusprobleme erscheinen. Wie findet man aus scheinbar hoffnungslosen Situationen wie Pleite oder Arbeitslosigkeit einen Ausweg?

Nowak: Es nützt nichts, sich als Hartz-IV-Empfänger in die Ecke zu setzen. Leider fehlt in Deutschland eine Möglichkeit, diese Menschen zu befähigen, wieder aktiv an der Zivilgesellschaft teilzunehmen. Stattdessen versorgt man sie und stellt sie gewissermaßen ruhig. Unser Sozialstaat hat stets auch als Placebo gewirkt.

In den USA ist das anders, dort sind viele Leute von der nackten Not getrieben. Sie fallen auf die Füße, stehen aber wieder auf. Man kann in den Vereinigten Staaten viel tiefer fallen als bei uns. Weil die Menschen das wissen, sorgen sie vor und lernen, dass sie aus eigener Kraft wieder aufsteigen müssen. In Deutschland machen wir es uns hingegen leicht, die Hände in den Schoß zu legen.

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