Airbus Puttfarcken, die Franzosen und der hohe Blutdruck

2317 Mitarbeiter weniger in Hamburg, 6,3 Milliarden Euro Schaden durch Verzögerungen beim Super-Jumbo A380, Versäumnisse des mittlerweile abgelösten Managements - Gerhard Puttfarcken, Deutschland-Chef von Airbus, erklärt schonungslos, was im Konzern nicht stimmt.
Von Christian Buchholz

Hamburg - 32 Jahre Dienstjahre habe er bei Airbus "auf dem Buckel" aber nach den Schreckensmeldungen in den vergangenen Monaten sei "der Blutdruck dann doch häufig so hochgegangen" wie selten in den Jahren zuvor. Gerhard Puttfarcken stand in Hamburg auf Einladung des CDU-Wirtschaftsrats Rede und Antwort zu den betriebswirtschaftlichen, finanziellen und kulturellen Turbulenzen, die Airbus beuteln.


Der 61-jährige HSV-Fan und Hobby-Gitarrist (Rock bevorzugt) gab freimütig zu, dass nach der Enthüllung zum Hoffnungsträger A380, dessen Entwicklungszeitplan komplett aus den Fugen geraten war, bei der Airbus-Belegschaft einige "wie von einem Schock getroffen" gewesen seien.

Auslagern, flexibel wie Boeing werden

Das war im Juni 2006, den Schaden beziffert Airbus auf 6,3 Milliarden Euro bis 2010. Seitdem sind die zentralen Positionen im Management der EADS-Tochter neu besetzt, ein Sanierungsplan "Power8" soll in den kommenden Jahren für mehr Effizienz und weniger Reibungsverluste in der Organisation des Konzerns sorgen, der Werke in Spanien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland betreibt.

Erklärtes Ziel bei Airbus ist, einen wesentlich höheren Anteil der Arbeiten an Fremdfirmen und Sub-Auftragnehmer auszulagern. Laut Puttfarcken erledigt Airbus derzeit drei Viertel der Arbeiten "in den eigenen Werkstätten", nur ein Viertel wird von extern zugeliefert. Bei Boeing "schätze ich, dass lediglich 20 Prozent der Arbeiten im Konzern erbracht werden", sagte Puttfarcken. Dies sei aus verschiedenen Gründen ein Vorteil, unter anderem, weil man mit Arbeitsspitzen flexibler umgehen könne. Denn die Entwicklungsarbeit bei Airbus habe stark zugenommen.

Derzeit werde beispielsweise mit einem 10-Milliarden-Euro-Entwicklungsetat das Modell A350 auf den Weg gebracht, "parallel dazu läuft die Schlussphase für den A380", erläuterte Puttfarcken. Dass dabei vornehmlich auf eigene Angestellte und relativ bescheiden auf Zuarbeiter zugegriffen werde, habe den unschönen Effekt, "dass das große Rad, das wir drehen, langsam zu groß geworden ist", so der Airbus-Manager. Mit anderen Worten: Durch die Zunahme der Mitarbeiterzahl ist deren Masse offenbar schwerer manövrierbar geworden.

Der Workflow hakt

Der Workflow hakt

Konzernweit sollen in den kommenden dreieinhalb Jahren 10.000 Arbeitsplätze bei Airbus und Zulieferern abgebaut werden, 2317 davon in Hamburg. Dennoch habe das Werk in Hamburg-Finkenwerder im Sanierungsplan "seinen Status Quo" behalten, für die Zukunft bestehe die Aussicht, dass auch Hamburg die Endfertigung und damit die Endverantwortung für eine Flugzeugfamilie zugewiesen werde. Nach Informationen aus unternehmensnahen Kreisen soll es sich um die A320 und ihre Varianten handeln, Puttfarcken bestätigt dies allerdings heute nicht.

Nachdem Airbus in den vergangenen Jahren "massiv gewachsen" sei, stehe nun zwingend ein "Gemeinkostenreduzierprogramm" an, dass die Verwaltungskräfte im Konzern betreffen werde, während in der Produktion keine Stellen gestrichen werden sollen. Dass es beim administrativen Workflow quer durch Europa hakt, und dass in der Vergangenheit Managementfehler bei Airbus begangen wurden, gibt Puttfarcken - ebenso wie der neue Airbus-Chef Louis Gallois - unumwunden zu.

Thomas Enders und der verdrehte Arm

"An manchen Ecken wurde die Integration noch nicht abschließend umgesetzt", sagt der Hamburger. Dass dabei auch nationale Eitelkeiten eine Rolle spielen, steht für ihn offenbar außer Frage. Und auch, dass der französische Einfluss teilweise entscheidender sei als der deutsche.



Just an diesem Tag hatte EADS-Co-Chef Tom Enders über die Rolle des französischen Staats bei Airbus seinem Ärger Luft gemacht. Gegen den Willen der deutschen Mitglieder im Verwaltungsrat habe Ex-Airbus-Chef Noel Forgeard 8,5 Millionen Euro Abfindung und lebenslange Pensionsbezüge von 33.000 Euro monatlich erhalten. Diese sei auf Druck der französischen Regierung erfolgt, sie habe den EADS-Managern "gewissermaßen den Arm verdreht".

Ein ehemaliger Pilot aus dem Publikum in Hamburg schwärmte dagegen von der technischen Vormachtstellung der Concorde - eine französische Pionierleistung - und fragte Puttfarcken, ob die französischen Entwickler im Konzern nicht zu Recht eine Führungsrolle beanspruchen könnten. Antwort: "Dass wir bei diesem Thema nicht auf dem Drivers Seat sitzen, ist klar." Während der deutsche Airbusvorläufer 1957 noch reine Flugzeugnachbauten produzierte, sei die Industrie in Großbritannien und Frankreich bereits auf einem ganz anderen Level angelangt. Ein Vorsprung, der offenbar - zumindest teilweise - auch heute noch gilt.

Flugzeugnachbauten - 1957 und heute

Flugzeugnachbauten - 1957 und heute

Dass Stichwort "Nachbauten" provozierte prompt eine weitere Frage aus dem Publikum: "Wie lässt sich eigentlich mit chinesischen Wirtschaftspartnern eine aufrichtige Partnerschaft nach hanseatischem Vorbild einrichten?" Das Stichwort Know-how-Klau schwang mit, und Puttfarcken wollte "eine gewisse Problematik" bei dem Thema auch "nicht von der Hand weisen". China als Zukunftsmarkt könne andererseits von Airbus nicht ignoriert werden. Geplant sei, in China einen Anteil von 10 Prozent der gesamten Endfertigungskapazitäten bei Airbus anzusiedeln, "und nicht mehr".

Puttfarcken antwortete noch auf zwei weitere Fragen zur Konzernstrategie: Die Entwicklung der Frachtversion des A380 sei nur unterbrochen, nicht gestoppt. Sobald die Nachfrage der Kunden steige (im Gespräch waren zunächst die Logistiker DHL und UPS, die aber beide stornierten), würden die Arbeiten an der Entwicklung der A380-Frachtversionen wieder aufgenommen. Wann dies der Fall sein könnte, wollte Puttfarcken auf Nachfrage nicht sagen, die Antwort hänge vom Interesse der Logistik-Kunden ab.

Zur Frage, ob Airbus nicht auf dem Markt für Flugzeuge mit weniger als 100 Sitzen, der derzeit eine Blüte erlebt, mitmischen wolle, erklärte der Airbus-Deutschland-Chef: "Wir brauchen keine neuen Betätigungsfelder." Die Bestellsituation sei für die kommenden Jahre sehr gut, die Auslastung in der Produktion hoch: "Wir haben nur noch wenige Slots frei", so Puttfarcken.

Ob die Slots geschlossen werden, wird der derzeitige Vorsitzende der Geschäftsführung aktiv nur noch bis Ende Dezember verfolgen, dann wechselt der Vater von zwei Kindern in den Ruhestand. Wer sein Nachfolger wird, steht noch nicht fest.