Medientycoon Murdoch, die Macht und das Mehr

Er ist der mächtigste Medienbaron der Welt, aber er will immer noch mehr: Rupert Murdochs Angriff auf den "Wall Street Journal"-Konzern Dow Jones erschüttert Amerikas Pressewelt. Viele unterstellen dem 76-Jährigen politische Motive. Ein Missverständnis.

New York - Unruhig rutscht Rupert Murdoch auf seinem Stuhl mitten auf der Bühne herum. Zupft an der Krawatte, nestelt am Mikrofon. Seine Miene knittert noch mehr als sonst. Die Augen schrumpfen zu schmalen Schlitzen.

Anlass seines Griesgrams ist nicht zuletzt das Grußwort des Moderators, des früheren NBC-Anchormans Tom Brokaw. "Rupert Murdoch, Sie sind der mächtigste Medienbaron in der Geschichte unseres Geschäfts", gurrt der. Murdoch will erwidern, ist aber nicht zu verstehen. "Du musst das Mikrofon hochhalten, Rupert", sagt Brokaw. Noch mehr Nesteln und Fummeln, dann die süßsaure Antwort: "Ich ignoriere Ihre übertriebene Einführung."

New York, September 2006, im Ballsall des Sheraton Hotels. Eine vielsagende Szene. Nicht nur, dass Murdoch das Augenfällige abstritt: Er ist der mächtigste Medienbaron. Doch allein seine Präsenz an diesem Ort erstaunte: Auf Wunsch seiner alten Polit-Nemesis Bill Clinton verdingte Murdoch sich hier für dessen globale Stiftung gegen Armut, Aids und Klimaschwund.

Dazu hatte Murdoch zuvor über sein Medienkonglomerat eine halbe Million Dollar aufs Spendenkonto jenes Berufscharmeurs überwiesen, den sein Hofblatt "New York Post" als "geilen Hund" tituliert. Und dazu ließ er sich im Sheraton nun von Clinton auf der Bühne zur Schau stellen, was seinem Wunsch nach Privatsphäre zutiefst widerspricht. Was zum Teufel, wundert man sich, treibt diesen Mann?

Am Ende nur der Eigennutz

Eine Frage, die heute aktueller ist denn je. Murdochs neuester Coup hat die Medienszene erschüttert: Der Tycoon, der mit seiner "Post", dem Kabelsender Fox News und der Londoner "Times" schon jetzt Wahlen beeinflusst, will sich nun auch das Verlagshaus Dow Jones einverleiben, das Kronjuwel der US-Presse. Samt dessen Vorzeigeblatt, dem "Wall Street Journal", der wichtigsten Wirtschaftszeitung der Welt und der zweitgrössten in den USA.

Insgesamt fünf Milliarden Dollar bietet Murdoch, 76, den anderen Aktionären und dem Bancroft-Clan, der die Dow-Jones-Mehrheit hält. Die meisten Familienmitglieder sperren sich noch, stoisch unabhängig. Die Höhe des Angebots könnte ihnen aber letztlich keine Wahl lassen.

Panik greift um sich, nicht nur beim "WSJ". Die Pressefreiheit stehe auf dem Spiel, heißt es. Schließlich sei Murdoch, so der linksradikale Autor Alexander Cockburn, ein "Monster von Weltrang", ein "globaler Tyrann", "arrogant, rücksichtslos und hinterhältig". Schon malte sich die "New York Times" das Schicksal der Kollegen aus: "Was tun, wenn Rupert anruft?" Von diesen Kollegen ächzte einer: "Schlimmer wäre nur ein Verkauf an Wladimir Putin."

Keine so abwegige Behauptung, betrachtet man sich die journalistischen (und politischen) Leichen, über die Murdoch gegangen ist, um hierher zu kommen. Sein Muster ist immer gleich: Eher populistisch denn konservativ, liebenswürdig doch eiskalt zugleich, treibt ihn am Ende nur der Eigennutz. Sprich: der Profit und, mehr noch, der Moschusduft der Macht.

Kaufen, kaufen, kaufen

Kaufen, kaufen, kaufen

Diese Formel erklärt das Paradox seiner Politik. Murdoch - der gerne rechte Anliegen propagiert und die Neocons mag - trifft sich nicht nur ein paar Mal im Jahr mit Ex-Präsident Clinton zum Privatplausch. Sondern schmiss voriges Jahr für dessen Gattin, die Demokratenkandidatin Hillary Clinton, sogar ein Wahlspendenfrühstück. Er möge die "unglaubliche Energie" der Senatorin - die ihm als First Lady noch vorgeworfen hatte, ein Strippenzieher der "right-wing conspiracy" gegen sie zu sein.

Gleichzeitig aber nötigt er New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg, einen Mann der Mitte, gegen Hillary Clinton anzutreten ("Run, Mike, run!", rief seine "Post"). Obwohl sein Lieblingskandidat der konservative Senator John McCain ist. Noch.

Solch wildes Manövrieren prägt Murdochs ganzes Leben und seinen - im Gegensatz zur Legende nicht unfehlbaren - Geschäftssinn, mit dem er aus einem Lokalblättchen in Australien ein weltweites Medienimperium geschaffen hat, die News Corporation, Marktwert 70 Milliarden Dollar. Politik ist sekundär: "Das ideologische Zeugs", weiß ein Insider, "ist nur Glasur."

Allein der machtwirtschaftliche Nutzwert zählt, propagiert durch penible Einmischung in die Tagesfron seiner Untergebenen, die er sogar von seiner Yacht aus anruft. Hehre Worte vom journalistischen Auftrag freilich oder gar von höherer Mission, wie sie andere Pressezare oft schwingen, die sind von ihm kaum zu hören. Murdochs einziges Qualitätsmaß ist Popularität. Denn nur die garantiert ihm den Umsatz.

Wer kann sie ihm verübeln, diese ewige, einzige Sorge um die "bottom line". Murdoch war 21, als sein Vater hoch verschuldet starb und ihm nichts hinterließ als Anteile an "The News", einem Kommunalblatt im australischen Adelaide. Der gebürtige Australier kehrte von Oxford - wo er eine Lenin-Büste im Regal hatte - heim und stürzte sich in den Kapitalismus. Seine Strategie, schon damals: kaufen, kaufen, kaufen. Bald besaß er einen kleinen Konzern.

Wolf im Schafspelz

Wolf im Schafspelz

Dann wandte er sich den USA zu. 1976 schnappte er sich die linksliberale "New York Post". Deren Verlegerin Dorothy Schiff umgarnte er mit dem gleichen Versprechen, mit dem er jetzt auch die Bancrofts ködert: Die redaktionelle Richtung werde beibehalten. Ein Versprechen, das nicht lange hielt; schnell war die "Post" ein konservatives Kampfblatt. Ähnlich ergatterte Murdoch 1981 die Londonder "Times", die er später ebenfalls ins Boulevardkorsett zwang.

Murdochs Expansionszwang machte News Corp. zur "multimedialen Plattform", lange bevor das schick war: Bücher, Musik, Radio, TV, Internet. Das Filmstudio 20th Century Fox gab ihm Hollywood-Glamour. Dabei war er sich nie zu schade, die Hebel auch zu eigenen Gunsten umzulegen. 1998 befahl er seinem Verlag HarperCollins, ein Buch des Ex-Gouverneurs von Hongkong, Chris Patton, nicht herauszubringen, weil es seinen China-Interessen im Weg stand. (Er entschuldigte sich später bei Patton.)

Heute kontrolliert News Corp. Dutzende Firmen in Dutzenden Ländern, von der "Fiji Times" zur Londoner "Sun", vom "TV Guide" zum "Australian Golf Digest", von ITV zu Sky TV. Sein Fox-Network ist in 98 Prozent aller US-Haushalte zu empfangen, sein Kabelkanal Fox News schlägt CNN meist um Längen, und dessen ehemaliger Moderator Tony Snow ist heute Pressesprecher des Weißen Hauses.

Murdochs Politik richtete sich dabei stets nach dem Wind. In Australien flankierte er erst die Liberalen, die Partei des Establishments, dann die Labor Party. Er schubste Maggie Thatcher ins Amt und den New Yorker Bürgermeister Ed Koch, einen Demokraten. Später gab er Thatcher für Tony Blair auf und Koch-Nachfolger David Dinkins für Rudy Giuliani. Bis heute gehört Murdoch keiner Partei an. US-Präsident George W. Bush hat er nur einmal getroffen, in einem Begrüßungsdefilée. "Er geht dahin", sagt sein Vertrauter Irwin Stelzer, "wo die Unterhaltung am interessantesten ist."

"Es wird hässlich werden"

Die Unterhaltung - und der Nutzwert. Deshalb wurde er 1985 US-Staatsbürger. Und deshalb verlegte er seinen Firmensitz 1994 von Adelaide nach New York, um dort keinen Besitzbeschränkungen unterworfen zu sein.

"Leser sollten daran erinnert werden", schnaubt der "Guardian", "dass die Meinungen in den Murdoch-Titeln nicht auf der Basis normaler journalistischer Überlegungen frei zustande kamen." Murdochs Anrufe in seinen Redaktionen sind berüchtigt. Col Allen, der Chef der "New York Post", spricht jeden Tag mit ihm. Ein Ergebnis dieser Gespräche war es, dass die "Post" den Folterskandal von Abu Ghureib nicht mal für titelwürdig erachtete.

Schöne Aussichten fürs "Wall Street Journal". Doch für Murdoch wäre es die Krönung seines Lebenswerks: Eine Zeitung, die ihm nicht nur Profit garantiert (und lebenswichtige Synergie-Resourcen für seinen neuen Kabelsender Fox Business Channel). Sondern endlich auch den Respekt, der ihm so lange verwehrt blieb.

Noch zeigt sich Murdoch charmant. Umgarnt die Bancrofts, geriert sich in US-Zeitungsinterviews als netter Onkel von nebenan. Doch wenn die Familie sein Angebot trotzdem offiziell ablehnt? Dann, droht Murdoch, "wird es hässlich werden".

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