Intershop Führungschaos zur HV

Das kriselnde Softwareunternehmen Intershop steht mit dem Rücken zur Wand: Nachdem innerhalb weniger Wochen zwei Aufsichtsratsmitglieder, Lenker Jürgen Schöttler und zuletzt Vertriebsvorstand Ralf Männlein ihre Posten räumten, soll der amtierende Chef Friedhelm Bischofs auf der heutigen HV sagen, wie es weitergeht.

Jena - Krisenstimmung bei den Aktionären der Jenaer Software-Schmiede Intershop : "Das Unternehmen ist eine Katastrophe", findet Stefan Arnold von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger.

Nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen, in denen zwei Aufsichtsratsmitglieder, Vorstandschef Jürgen Schöttler und am Dienstag Abend zuletzt Vertriebsvorstand Ralf Männlein ihre Posten räumten, sieht Arnold der Intershop-Hauptversammlung an diesem Mittwoch in Apolda mit Spannung entgegen. "Ich habe sehr, sehr viele Fragen", sagt der Wirtschaftsjurist. Die Geduld vieler Kapitalanleger, die mit Aktien des einstigen Internet-Pioniers viel Geld verloren haben, schwinde.

Der Ökonom Schöttler, der 2002 als Finanzvorstand kam und 2003 den Vorstandsvorsitz von Schambach übernahm, musste vor allem dafür sorgen, dass Intershop finanziell nicht die Puste ausging. Immerhin hat es das Unternehmen geschafft, seit seiner Gründung 1992 zu überleben, ohne jemals aus den roten Zahlen zu kommen. Bei Aktionärsvereinigungen steht Intershop auch deshalb weit oben auf der Liste der "Kapitalvernichter" unter den börsennotierten Unternehmen.

Immer wieder kündigte Schöttler an, Intershop aus der Verlustzone zu bringen. Serviceleistungen für Unternehmen, die ihre Produkte mit Intershop-Programmen verkaufen, sollten 2006 die Trendwende bringen. Das Ergebnis des vergangenen Jahres bezeichnet Aktionärsschützer Arnold nun als "katastrophal". Statt schwarzer Zahlen verdoppelte sich der Verlust auf 6,8 Millionen Euro bei einem Jahresumsatz von 19,8 Millionen Euro. Das reine Lizenzgeschäft mit Programmen, die selbst Arnold als "anerkannt gut" bezeichnet, machte nur etwa ein Viertel am Umsatz aus.

"Der helle Wahnsinn"

"Der helle Wahnsinn"

Im Januar probte eine Aktionärsgruppe um den niedersächsischen Logistik-Unternehmer Sven Heyrowsky den Aufstand und erreichte eine Vorverlegung der Hauptversammlung auf den 9. Mai. Danach gab Intershop den Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Gutsch und seines Kollegen Wolfgang Meyer bekannt, dann das Ausscheiden von Vorstandschef Schöttler. Einen Tag vor der Hauptversammlung warf auch Männlein das Handtuch. Die Trennung erfolgte im Einvernehmen mit den neuen Aufsichtsräten, darunter Heyrowsky, hieß es lapidar.

Mit Unternehmensberater Friedhelm Bischofs, der wie Heyrowsky aus Garbsen kommt, ist bereits ein neuer Vorstandschef im Amt. Vor allem beim Vertrieb will er sparen. Das dreiköpfige Kontrollgremium, das die Personalentscheidungen traf, stellt sich in Apolda zur Wahl.

Seit 2001 gilt das Jenaer Unternehmen, das mit seinen Programmen für virtuelle Kaufhäuser Furore machte, als Sanierungsfall. Von bis zu 1000 Angestellten in guten Zeiten sind weniger als 250 übrig, der Börsenwert stürzte von mehreren Milliarden Euro auf unterdessen unter 45 Millionen Euro ab. Schon vor dem endgültigen Abgang von Firmengründer Stephan Schambach Anfang 2004, der von US-Medien als "Germanys Hot Star" gefeiert worden war, ging es in der Intershop-Zentrale in Jena vor allem um Krisenmanagement und Gesundschrumpfen.

"Intershop ist der helle Wahnsinn", findet auch Aktionärsschützer Arnold. "Die Liquiditätssituation ist erschreckend." Der Strategie Bischofs, Intershop tatsächlich als Komplettanbieter für die Abwicklung von Internetgeschäften für Mittelständler zu profilieren, kann er jedoch Positives abgewinnen. "Die Frage ist, schafft es Intershop, bevor dem Unternehmen das Geld ausgeht." Bischofs (61) will sein Konzept zur Hauptversammlung vorlegen. Sparaktionen im Softwarevertrieb hat er bereits angekündigt. Der neue Chef sieht den Ernst der Lage: "Das wird eine der letzten Chancen sein, die wir bekommen."

Simone Rothe, dpa

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