BP-Chef Der jähe Sturz des Sonnenkönigs

Am Anfang hatte BP-Chef John Browne lediglich versucht, die Enthüllungen seines Ex-Freundes in der Presse zu verhindern. Am Ende ging es um Homosexualität, ausschweifenden Lebensstil und Machtmissbrauch. Nun scheiterte Browne vor Gericht. Der hoch dekorierte Lord musste innerhalb weniger Stunden seinen Schreibtisch räumen.

Hamburg - Es war eine kleine, fast lächerliche Lüge, die John Browne zum Verhängnis wurde. Er habe seinen einstigen Lebenspartner, Jeff Chevalier, zufällig beim Joggen im Park kennen gelernt, hatte der BP-Chef dem Gericht erklärt. Tatsächlich hatte er den 28-jährigen Kanadier über einen Online-Begleit-Service getroffen.

Eigentlich gibt es größere Peinlichkeiten. Und hätte der erfolgsverwöhnte Konzernchef es über sich gebracht, diese pikante Kleinigkeit aus seinem Privatleben offen einzugestehen - wäre der gestrige Tag vielleicht anders ausgegangen. Doch die Schwindelei wollte der Richter nicht als Notlüge durchgehen lassen. Nicht bei einem Lord, "der sich auf die zahlreichen Ehrungen, die er von der amtierenden Regierung erhielt, bezog, als er das Gericht aufforderte, seiner Darstellung der Vorgänge zu glauben." Die Aussagen Brownes seien deshalb nicht glaubwürdiger als die seines Ex-Freundes.

Die einstweilige Verfügung gegen das Erscheinen einer Zeitungsstory in der "Mail on Sunday", einem Blatt der Verlagsgruppe Associated Newspapers, über die Beziehung der beiden wurde aufgehoben. Browne trat daraufhin binnen Stunden zurück, er wolle BP "Peinlichkeiten" ersparen, hieß es in einer Erklärung. Mit seinem vorzeitigen Rücktritt verzichtet er auf rund 5,1 Millionen Euro von seinem Abfindungspaket und möglicherweise weitere 17,6 Millionen Euro in Aktien.

Ganz offen über Interna geplaudert

Tatsächlich dürfte der Bericht nichts an Schmierigkeit zu wünschen übrig lassen, die britische Yellow-Press ist berüchtigt und hat sicher viel Geld für Chevaliers Enthüllungen springen lassen. Doch bei dem Skandal geht es nicht nur um Brownes Homosexualität, die ein offenes Geheimnis war.

Chevalier behauptet, von Browne höchst sensible Interna erfahren zu haben. Ganz offen habe der BP-Chef über seine Beziehung zu Mitarbeitern geplaudert, geheime Dokumente gezeigt. Auch über "eine wichtige strategische Entscheidung", die der BP-Chef mit seinem persönlichen Freund, Premierminister Tony Blair, und Finanzminister Gordon Brown auskungelte, sei er informiert gewesen, erklärte Chevalier. Er sei zudem bei einem Abendessen mit dem EU-Kommissar Peter Mandelson mit am Tisch gesessen, bei dem ausführlich über Details der Handelspolitik diskutiert wurde.

Außerdem will Chevalier beim Aufbau seines Klingelton-Unternehmens tatkräftige Unterstützung von BP-Personal bekommen haben. Sogar Konzern-Computer und anderes technisches Gerät seien ihm zur Verfügung gestellt worden.

Browne zog vor Gericht ebenfalls alle Register. Er wies auf eine interne Untersuchung des Konzerns hin, die auf sein Drängen hin eingeleitet wurde - dabei war kein Nachweis für den Missbrauch von BP-Personal oder -Material für Chevaliers Klingelton-Firma gefunden worden. Er versuchte, Chevalier Drogensucht und Alkoholismus anzuhängen. Doch medizinische Gutachten widerlegten den Vorwurf. Es sei "ironisch", heißt es in der Urteilsbegründung, dass Browne - der schließlich einen Meineid geleistet habe - ausgerechnet darauf abzielte, Chevaliers Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen.

Gefundenes Fressen für Brownes Feinde

Gefundenes Fressen für Brownes Feinde

Dessen Anschuldigungen, die sich nun in der Urteilsbegründung en détail nachlesen lassen, sind ein gefundenes Fressen für viele Manager im BP-Konzern. Denn Browne hatte nicht nur Freunde in dem Unternehmen. Zwar hat der 59-Jährige BP zu dem gemacht, was es heute ist: zu einem Ölgiganten, der trotz schwerer Zeiten im vergangenen Jahr noch einen Rekordüberschuss von 22,3 Milliarden Dollar erzielte. Für seine Leistungen wurde Browne 1998 zum Ritter geschlagen, 2001 bekam er den Lord-Titel verliehen.

Doch Brownes Ruhm ist in den letzten Jahren verblasst: Der leidenschaftliche Zigarrenraucher musste sich plötzlich mit einer Reihe unschöner Skandale auseinandersetzen. Im März 2005 explodierte eine Ölraffinerie des Konzerns in Texas, 15 Menschen kamen ums Leben. Wer für das Unglück die Verantwortung trägt, ist noch nicht geklärt. 2006 lief in Alaska Öl aus vollkommen vermoderten Pipelines, Umweltverbände sprachen von einer Katastrophe. BP musste die Förderung vorübergehend drosseln.

Nicht zuletzt soll Browne - Spitzname: der Sonnenkönig - mit seinem autokratischen Führungsstil so manchen einstigen Weggefährten in den konzerninternen Widerstand getrieben haben. Einige britische Zeitungen vermuten deshalb, dass sein überstürzter Abgang gestern nur ein als Rücktritt getarnter Rausschmiss war. Dem "Telegraph" zufolge zwang der BP-Vorstand den gefallenen Lord nach dem Gerichtsurteil, seinen Schreibtisch innerhalb weniger Stunden zu räumen. Ein Foto auf der "Financial Times" zeigt Browne, wie er von einem Sicherheitsoffizier aus dem Unternehmen "begleitet" wird.

Teure Designer-Anzüge und ein Nobel-Appartement

Offiziell erklärte der Vorstand natürlich sein Bedauern und Browne spricht in seiner Rücktrittserklärung von einem freiwilligen Schritt. "Ich bestreite kategorisch sämtliche Vorwürfe, dass ich mich in Bezug auf BP unangemessen verhalten hätte", betonte Browne in seiner Rücktrittserklärung nochmal. Doch die Versicherung seiner Loyalität zu dem Unternehmen, für das er 41 Jahre lang tätig war, half ihm nicht mehr.

Stattdessen passiert genau das, was Browne vermeiden wollte - sein Privatleben samt aller wahren oder behaupteten Details wird genüsslich in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Chevalier berichtet von einem ausschweifenden Lebensstil auf Kosten Brownes, der ihm nicht nur ein Studium, sondern auch ein Luxus-Appartement und teure Designer-Anzüge bezahlt haben soll.

"Ich habe meine Sexualität immer als meine persönliche Angelegenheit betrachtet, die privat bleiben sollte", erklärte Browne gestern. Seine letzte Lüge vor Gericht, die genau aus dieser Intention heraus entstand, von der Zeitung aufgedeckt wurde und ihn letztlich seiner Glaubwürdigkeit beraubte, hat er aber offenbar bitter bereut. Sie sei Folge des "Schams und Schocks über die Enthüllung" gewesen, hieß es in seinem Statement. "Ich habe mich uneingeschränkt dafür entschuldigt und tue es heute erneut." Weiter werde er sich nicht über sein Privatleben äußern, heißt es dann noch zum Schluss. "Ich wünsche, mein persönliches Leben privat weiter zu führen", sagt er - wenn man ihn lässt.

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