Lidl-Gründer Schwarz Das Phantom der Supermärkte

Alle kennen den Namen seiner Discount-Läden, den Chef von Lidl jedoch kennt so gut wie keiner. Dieter Schwarz kommt fast jeden Tag ins Büro, doch außer seinen drei Sekretärinnen sieht ihn dort kaum jemand. Selbst für die meisten seiner Topmanager bleibt er ein unbekanntes Wesen.

Neckarsulm - Um das Geschäft in seinen Läden, die Lidl und Kaufland heißen, macht der 67-jährige, gebürtige Heilbronner Dieter Schwarz eine ähnliche Geheimniskrämerei wie um seine eigene Person. Denn Schwarz selbst bleibt der Mann im Hintergrund. Das letzte Foto von Schwarz ist über 30 Jahre alt, bei der Ernennung zum Ehrenbürger von Heilbronn im Februar dieses Jahres ließ sich der Lidl-Gründer nicht blicken. Es heißt, er wolle sich und seine Familie vor Übergriffen schützen.

Diese Situation führt zu einer regelrechten Mythenbildung. Anlässlich der Ernennung zum Ehrenbürger im Februar diesen Jahres etwa ließ der Heilbronner Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach der "Stuttgarter Zeitung" zufolge öffentlich verbreiten lassen, Schwarz sei "eine eindrucksvolle Persönlichkeit", die "trotz des enormen beruflichen Erfolges bescheiden, verständnisvoll und sympathisch geblieben ist".

Auch alteingesessene Bürger schwärmen von dem Heilbronner Goldjungen, dessen Vermögen auf zehn Milliarden Euro geschätzt wird. Er soll bescheiden sein und großzügig, gemütlich und bodenständig, freundlich und umgänglich. Wenn man Schwarz in seiner Funktion als Manager begegnet, muss es mit der Gemütlichkeit allerdings schnell vorbei sein. Denn wie hätte es ihm sonst gelingen können, innerhalb weniger Jahrzehnte sein milliardenschweres Handelsimperium aufzubauen?

Und auch wenn sich in den letzten Monaten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, was Lidl betrifft, eine kleine Besserung ergeben hat - über konkrete Zahlen wie Gewinn, genauen Umsatz und selbst die Zahl der Läden in den einzelnen Sparten ist nichts genaues zu erfahren.

Doch am Erfolg der europaweit agierenden Händler mit Sitz im schwäbischen Neckarsulm zweifelt niemand. Und im Kampf mit dem traditionellen Konkurrenten Aldi setzt Lidl weiter auf internationale Expansion. Branchenkenner gehen davon aus, dass Schwarz in Deutschland knapp 2.700 Lidl-Märkte und 500 Kaufland-Filialen betreibt.

Europaweit dürften es etwa 7.400 Lidl- und Kauflandläden sein. Die Zahl der Mitarbeiter in der Schwarz-Gruppe sei inzwischen auf über 170.000 angestiegen, erklärte vor kurzem ein Lidl-Sprecher, der inzwischen nicht mehr bei dem Unternehmen arbeitet. In Deutschland liegt Lidl Schätzungen zufolge wohl beim Marktauftritt hinter Aldi, europaweit aber vor dem ewigen Konkurrenten.

"Andere Führung als vor 20 Jahren"

"Andere Führung als vor 20 Jahren"

Erstmals in der Geschichte von Lidl, die 1973 mit dem ersten Discounter-Markt im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen begann, gab das Unternehmen im März dieses Jahres eine Umsatzzahl von 44 Milliarden Euro für die Schwarz-Gruppe bekannt. Wie groß allerdings der Anteil von Lidl daran ist, wird weiter wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Immerhin war zu erfahren, dass die Schwarz-Gruppe, in der die Kaufland-, Handelshof- und Lidl-Märkte zusammengeschlossen sind, ein Umsatzplus "knapp im zweistelligen Bereich" erzielt hat.

Zur neuen Offenheit kann neben der Nennung von Kennzahlen sicherlich gezählt werden, dass der Chef für das operative Geschäft in der Schwarz-Gruppe, Klaus Gehrig, erstmals etwas zur künftigen Strategie sagte. Dabei ließ aufhorchen, dass Kaufland den Einstieg in den türkischen Markt prüft und die Schwarz-Gruppe auch Russland intensiv beobachtet. Mit Lidl will Gehrig mittelfristig sogar den amerikanischen Markt angreifen.

Es gibt fast nichts was die Neckarsulmer nicht in ihrem Angebot führen. Außer dem traditionellen Sortiment von Lebensmittel gibt es in den Discountern bei regelmäßigen Aktionen Schuhe, Hemden, Fernseher, Computer und Schulbedarf. Selbst Golfer, Reiter und Angler können sich bei Lidl komplett ausrüsten. Und auch in den Reisemarkt ist Lidl inzwischen eingestiegen. Das Nachsehen haben die kleinen Läden in der Nähe, die mit den Lidl-Preisen nicht mehr mithalten können.

Die Strahlkraft der Neckarsulmer hat in den vergangenen fünf Jahren jedoch trotz des Erfolgs gelitten. Die Gewerkschaft Verdi greift Lidl seit dieser Zeit heftigst an. Sie wirft dem Unternehmen vor, systematisch die Bildung von Betriebsräten zu verhindern. Die Gewerkschaft hat sogar ein "Schwarzbuch" veröffentlicht, in dem Verstöße von Lidl gegen das Arbeitsrecht dokumentiert werden.

Die Angriffe wurden pauschal zurückgewiesen, doch das Unternehmen unterließ es bisher, die Vorwürfe einzeln zu entkräften. Zu dem Vorwurf der rigiden Mitarbeiterführung erklärte Gehrig vor kurzem: "Die jungen Menschen bedürfen heute einer anderen Führung als vor 20 Jahren. Da wollen die gesagt bekommen, was sie zu tun haben."

Die Greenpeace-Connection

Die Greenpeace-Connection

Geschickte Kaufleute sind die Lidl-Manager allemal. Schlagzeilen machte Greenpeace, als Umweltschützer behaupteten, Obst und Gemüse von Lidl seien pestizidbelastet. Lidl widersprach und verwies auf eigene Laboruntersuchungen. Seit Sommer 2006 führt Lidl allerdings das "Greenpeace-Magazin" in seinem Sortiment.

Die eher exotische Zeitschrift, herausgegeben von einer Tochtergesellschaft des gleichnamigen Umweltschutzvereins, ist in jeder Lidl-Filiale erhältlich. Anfangs steckte sie sogar in speziellen Haltern in Augenhöhe direkt an der Kasse. Erst seit Lidl ein umfangreicheres Zeitschriftensortiment führt, muss sich Greenpeace mit einem normalen Platz im Regal begnügen.

150.000 Exemplare des Ökoblatts, das ist mehr als die Hälfte der Gesamtauflage, werden alle zwei Monate direkt an Lidl geliefert - und nicht wie die übrigen Presseerzeugnisse über Grossisten. Durch die direkte Lieferung verzichtet Lidl auf das sonst bei Presseerzeugnissen übliche Remissionsrecht. Mit anderen Worten: Alle gelieferten Exemplare des Magazins werden von Lidl bezahlt, obwohl nur einige tausend zum stolzen Stückpreis von 4,90 Euro einen Käufer finden. Selbstverständlich schließen alle Beteiligten aus, dass Lidl mit der Listung die Umweltorganisation milde stimmen will.

Als publizistischen Erfolg werten Branchenkenner auch den Einstieg von Lidl in den Verkauf von "fair gehandelter Ware" aus der Dritten Welt. "Das bringt positive Schlagzeilen und zahlt sich sogar wegen der höheren Preise in der Rendite aus", meinte der Besitzer eines "Dritten-Welt-Ladens", der mit den Lidl-Preisen nicht mehr mithalten kann.

Offiziell hat sich Schwarz, der nach dem Abitur in der väterlichen Firma das Kaufmannswesen lernte, 1999 aus der operativen Konzernleitung zurückgezogen. Die Dieter Schwarz-Stiftung wurde Eigentümer der Gruppe. Trotz seines Erfolges kann Lidl-Chef Schwarz auch heute so gut wie unbekannt durch Heilbronn streifen. Einige Heilbronner, die ihn kennen, grüßen ihn. Und sie respektieren seinen Wunsch: Keine Fotos.

Ein Bitte, die man umso lieber respektiert, da Schwarz ein großer Mäzen ist. Sei es sein finanzielles Engagement bei der Sanierung der Kilianskirche in Heilbronn oder der Aufbau der Heilbronn Business School. Schwarz gehört zu den großen privaten Financiers, ohne das an die große Glocke zu hängen. Zuletzt sagte die gemeinnützige Dieter-Schwarz-Stiftung zu, das Heilbronner Science-Center mit insgesamt fünf Millionen zu unterstützen. Da ein Großteil der Lidl-Gewinne in die Stiftung fließt, bleibt dem verschwiegenen Kaufmann Schwarz allerdings auch gar nichts anderes übrig, als Gutes zu tun.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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