Villeroy & Boch "Kritische Maßstäbe"

Nach 40 Jahren tritt Wendelin von Boch seinen Posten an einen familienfremden Manager ab. Der Villeroy & Boch-Chef ist nicht unglücklich über den Generationswechsel: "Wir müssen verhindern, dass Familienmitglieder im Unternehmen tätig werden, die den Anforderungen nicht genügen", so von Boch.

Mettlach - Eine Karriere im Schnelldurchlauf ohne Lehr- und Wanderjahre - seinen Einstieg in das Familienunternehmen direkt nach dem Studium hält Wendelin von Boch heute, 40 Jahre später, für undenkbar. An seinen Nachfolger legt er deutlich strengere Maßstäbe an.

Bis Ende Mai führt der 64-Jährige mit dem markanten Lockenschopf in achter Generation den Keramikhersteller Villeroy & Boch  als Vorstandsvorsitzender. Dann wird von Boch nach 40 Jahren in dem fast 260 Jahre alten Familienunternehmen in den Aufsichtsrat wechseln.

Wirtschaftswunder, Wachstum allenthalben - die Zeiten seien früher andere gewesen, sagt von Boch. An die Spitze von Villeroy & Boch, dessen Geschirr der Chef zuletzt selbst Papst Benedikt XVI im Vatikan überreichte, rückt mit Frank Göring am 1. Juni ein familienexterner Manager. An diesem Mittwoch legt das Unternehmen in Frankfurt seine Geschäftszahlen 2006 vor.

Einen Bonus auf Grund des Namens gibt es heute nicht mehr: "Das Hauptkriterium ist, dass wir verhindern müssen, dass Familienmitglieder im Unternehmen tätig werden oder womöglich in eine höchste Position kommen, die den Anforderungen nicht genügen", sagt der scheidende Villeroy-Chef. In der Familie gebe es derzeit niemanden, der die Führung übernehmen könne.

"Ich sage 'im Moment', das kann sich immer ändern. Aber an den werden ganz kritische Maßstäbe angelegt", so von Boch. Wenn jemand eine leitende Funktion im Unternehmen haben wolle, müsste er zumindest ein abgeschlossenes Studium und eine Karriere in einem anderen Unternehmen vorweisen können.

Diese Anforderungen erfüllt der 45 Jahre alte Frank Göring, der das Ruder am 1. Juni übernimmt: Er hatte unter anderem leitenden Positionen im Marketing bei Procter & Gamble  und Reemtsma inne und arbeitet seit 1997 für Villeroy & Boch. Er wird ein komplett anderes Unternehmen unter sich haben, als Wendelin von Boch es 1998 in die Hände gelegt bekam. Dieser hat den Hersteller von Geschirr, Fliesen und Sanitärkeramik in dne vergangenen Jahren zu einem umfassenden Vermarkter umgebaut.

"Zwischen Glotze und Disco"

"Zwischen Glotze und Disco"

Heute verkauft das Unternehmen nicht mehr nur diese einzelnen Produkte, sondern quasi alles für den gedeckten Tisch und das komplett eingerichtete Bad bis hin zur Armatur, zum Badmöbel und zum Geschenkartikel.

Das ursprünglich deutsch-französische Familienunternehmen sei auf eine der größten Herausforderungen - die Globalisierung - inzwischen gut eingestellt, sagt von Boch. "Unser Auslandsanteil hat sich von 46 Prozent auf 71 Prozent massiv verändert." Strategisch sei es unabdingbar gewesen, aus der Abhängigkeit des deutschen Marktes herauszukommen. "Ich denke, dass wir Ende dieser Dekade bei 80 Prozent Auslandsanteil liegen werden", so von Boch. Als nächstes werden die Märkte in Nord- und Südamerika sowie Asien angepeilt.

Die Öffnung der Marke Villeroy & Boch hin zu neuen Zielgruppen jenseits der für feines Porzellan mit Rosendekor Empfänglichen ist ebenfalls eines der Ergebnisse der Arbeit von Bochs. Mit der Zweitmarke "Vivo" ist das Unternehmen nun auch im unteren Marktsegment mit von der Partie und richtet sich an junge Leute. "Wir passen uns den neuen Essgewohnheiten an. Das ist eben nicht mehr der große Tisch, um den die ganze Familie sitzt, sondern der schnelle Snack zwischen Glotze und Disco." Das wird aber schon nicht mehr Wendelin von Bochs Hauptgeschäft sein.

Vom 1. Juni an wird er sich komplett aus dem operativen Geschäft heraushalten, betont der Unternehmer. Er sei für den Aufsichtsrat vorgesehen. Pläne hat der 64-Jährige genug: Das Lifestyle-Geschäft seiner Frau Brigitte von Boch wolle er betriebswirtschaftlich beraten. Seine Land- und Forstwirtschaft habe er in letzter Zeit sträflich vernachlässigt. "Das will ich aber nicht überstürzen, denn ich möchte mir etwas größere Freiräume erhalten, als ich in den letzten 40 Jahren hatte." Mehr Zeit wolle er für Familie, Jagd und kulturelle Reisen.

Dörthe Hein, dpa

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