Carlos Slim Der Bill-Gates-Jäger

Warren Buffett hat er schon überrundet, demnächst könnte er auch noch Bill Gates schlagen – und zum reichsten Mann der Welt aufsteigen: Der Mexikaner Carlos Slim ist gegenwärtig 53,1 Milliarden Dollar schwer. Sein Vermögen verdankt er guten Kontakten und einem ausgeprägten Instinkt für den mangelnden Mut seiner Konkurrenten.

Hamburg – Wer ein echtes Genie sein will, der braucht vor allem eines: eine überzeugende Anekdote aus Kindestagen, die frühe Begabung unter Beweis stellt. So ist es auch bei Carlos Slim Helú, heute 67, dem Finanzmogul von Mexiko-City. Der Mann war längst Milliardär, als er eine erbauliche Geschichte aus den fünfziger Jahren in Umlauf brachte.

Sein Vater Julián, so erzählt die Wunderkind-Legende, habe Klein-Carlos und dessen Brüder schon mit zwölf Jahren angehalten, ein eigenes Sparbuch zu führen und das Geld selbst zu verwalten. Bald darauf habe Carlos, das jüngste von sechs Kindern, die ersten Aktien gekauft, schnell wurden es mehr, immer mehr. Seine erste Pesos-Million hat sich Slim demnach mit 17 Jahren zusammenspekuliert.

Vom Sohn eines libanesisch-stämmigen Krämers und Einwanderers hat es Carlos Slim Helú seither zum reichsten Mann Lateinamerikas gebracht. Nicht nur das: Glaubt man den Schätzungen des "Forbes"-Magazins, dann summiert sich Slims Vermögen derzeit auf babylonische 53,1 Milliarden Dollar. Die US-Investorenlegende Warren Buffett hätte Slim damit just überrundet. Selbst Bill Gates liegt nur noch eine Drei-Milliarden-Dollar-Weite in Führung. Läuft die Microsoft-Aktie  weiter so mau und haussiert die mexikanische Börse so spektakulär wie seit März, dann könnte der reichste Mann der Welt bald in Mittelamerika wohnen.

Der "moderne König Midas", wie ihn das "Handelsblatt" nannte, verdankt seinen Reichtum einem akuten Gespür für anderer Leute Urteilsschwäche – und Feigheit. Slim kaufte billig, wenn anderen die Traute fehlte.

Als der Computer-Hersteller Apple 1997 am Ende seiner Tage schien, wurde Slim Aktionär. Kurz darauf kam Steve Jobs zurück. Als der US-Telekomkonzern WorldCom 2002 bankrott ging und amerikanische Investoren fürchteten, schlechtem Geld gutes hinterherzuschmeißen, zockte Slim mit Optionsscheinen. So avancierte er zum Großaktionär der bald in MCI umgetauften Firma, die, Pleite hin oder her, noch Millionen Kunden unter Vertrag hatte und schnell leidlich saniert war. 2005 reichte Slim sein MCI-Paket an den New Yorker Konzern Verizon weiter. Sein Reinprofit: eine Milliarde Dollar. Das zumindest ist die halbe Geschichte.

Die andere Hälfte handelt nicht von Mut und Talent, sondern von politischem Klüngel und den Vorzügen des Monopolistendaseins. Denn den Coup seines Lebens landete Slim 1990, als der Staat die Telefongesellschaft Teléfonos de Mexico, kurz Telmex, in private Hände übergab.

Ein von Slim zusammengetrommeltes Konsortium bekam den Zuschlag für 1,8 Milliarden Dollar - ein grotesker Ramschpreis für einen Konzern, den die Börse heute mit nahezu 36 Milliarden Dollar bewertet. Slim ähnelt den russischen Oligarchen, die im Irrsinn der Privatisierungsära staatliche Schätze fast geschenkt bekamen.

Seine Drähte zum früheren mexikanischen Präsidenten Carlos Salinas dürften bei der Telmex-Auktion zumindest nicht geschadet haben. Später, so werfen Kritiker ihm vor, soll Slim durch gezieltes Lobbying sichergestellt haben, dass Telmex mit Milde reguliert und ausländischer Konkurrenz der Markteintritt erschwert wurde.

Spott über Buffett und Gates

Spott über Buffett und Gates

Verschwendungssucht kann man Slim kaum vorwerfen, auch wenn er gern teure Zigarren genießt. Slims Anzüge sind notorisch billig, seine größten Deals heckte er in einem Kellerbüro ohne Fenster aus. Das Alltagsgeschäft seiner wichtigsten Firmen Telmex, Telcel und América Móvil hat er inzwischen an seine drei Söhne Marco Antonio, Patrick und Carlos junior übertragen. Ins Rentnerdasein abgetreten ist er noch nicht. Ein Bekannter sagte einmal einer Zeitung: "Lasst euch nicht täuschen – wenn man ihn fragt, weiß er den Kurs von 50 Aktien aus dem Kopf."

Als reichster Mann im vergleichsweise armen Lateinamerika spielt Slim die Rolle einer "Ein-Mann-Weltbank" ("Financial Times"). Die Regierungen der Nachbarstaaten Panama und Guatemala pumpten den Mogul aus Mexiko an und baten, er möge ihnen bei Investitionen in ihre Straßen und Kanäle assistieren. Slim zeigt sich gerne als Philanthrop: Seine Stiftung hat 95.000 Fahrräder an Kinder verschenkt, 70.000 Paar Brillen verteilt, 150.000 Stipendien für Studenten vergeben, 200.000 medizinische Operationen bezahlt und 50.000 armen Mexikanern, die wegen trivialer Taten im Knast einsaßen, die Freiheit erkauft.

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Slim besonders gerne dann hilft, wenn er selbst mit profitiert. So fördert seine Stiftung den Internet-Zugang für mexikanische Lehrer – die nötigen Computer finanziert Slims Computerhandelskette, der Internet-Zugang läuft über Slims Internetprovider. Als die Innenstadt von Mexiko City dem Verfall zum Slum geweiht schien, orchestrierte Slim ein ambitioniertes Sanierungsprojekt. Schon vorher hatte er zentral gelegene Immobilien zusammengekauft. Heute sind sie ein Mehrfaches wert.

In jüngster Zeit sind Kartellhüter und Regierung strikter gegen den Monopolisten vorgegangen. Mit auffälliger Gleichzeitigkeit hat der sein soziales Engagement forciert. Ende 2006 hat 1,8 Milliarden Dollar in seine lange vernachlässigte Stiftung gesteckt und noch einmal zehn Milliarden für Gesundheits- und Ausbildungsprogramme in Aussicht gestellt.

Bei der großen Verkündungspressekonfernz für das Sozialprogramm konnte sich Slim dennoch nicht verkneifen, über seine Milliardärskollegen Gates und Buffett zu spotten, die weit üppigere Teile ihres Vermögens verschenken. Er wolle "nicht herumgehen wie der Weihnachtsmann", sondern lieber Taten vollbringen. "Die Armut", sagte Slim, "wird durch Spenden nicht beseitigt."