Geburtstag Genscher wird 80

Der "Mann mit dem gelben Pullover" ist wieder da. In Talk-Runden, mit Vorträgen, in Zeitungskolumnen ist Hans-Dietrich Genschers Meinung in diesem deutschen Europajahr gefragt wie seit langem nicht mehr. Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich wird am Mittwoch 80 Jahre alt.

Berlin - Noch immer ist er der Mann für heikle Missionen. Erst im März dieses Jahres stellte Hans-Dietrich Genscher sein Verhandlungsgeschick erneut unter Beweis. Der FDP-Politiker soll maßgeblich an der Freilassung des im Iran inhaftierten Donald Klein beteiligt gewesen sein, der nach 16 Monaten Gefangenschaft wieder nach Deutschland ausreisen durfte. Nun wird am Mittwoch der 80. Geburtstag gefeiert.

Zwei historische Höhepunkte und ein schwerer Tiefschlag sind die Eckpunkte seines politischen Lebens. Der eine ist die dramatische Szene auf den Balkon in Prag 1989, als er tausenden verzweifelten DDR-Bürgern ihre Ausreise in den Westen ankündigte. Der andere ist der 2plus4-Vertrag, der faktische Friedensvertrag 1991 mit den ehemaligen Kriegsgegnern, dessen Architektur unter Beteiligung der beiden Deutschlands seine Idee war. Genscher war vermutlich einer der ersten, die die Bedeutung des damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschows für eine friedliche Absicherung der Wiedervereinigung erkannten.

Den politischen Triumphen vorangegangen war 1972 die Hölle von München: Es sind die schwierigsten Stunden in der politischen Karriere Genschers. Palästinensische Terroristen nahmen am 5. September 1972 bei den Olympischen Spielen in München israelische Sportler als Geisel. Genscher - damals Bundesinnenminister im Kabinett von Willy Brandt - bot sich als Ersatzgeisel an, ohne Erfolg. Am nächsten Tag waren die israelischen Athleten tot. Wenige Wochen später rief der Bundesminister die Anti-Terror-Gruppe GSG 9 ins Leben.

18 Jahre stand er an der Spitze des Außenamtes. 23 Jahre war er Kabinettsmitglied. 33 Jahre saß er im Bundestag. Elf Jahre führte er die FDP, mit der er 1982 den fliegenden Koalitionswechsel zu Helmut Kohl vornahm. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Partei.

Das Geburtstagsfest im Sarrasani-Zelt am Berliner Hauptbahnhof übersteigt voraussichtlich alle Erwartungen. Die FDP rechnet inzwischen mit 1500 Gästen aus Politik, Kunst und Medien. Ehemalige Staats- und Regierungschefs wie Gerhard Schröder kommen. Auch Kohl ist eingeladen. Michail Gorbatschow allerdings musste kurzfristig absagen. Aus der Unterhaltungsbranche stehen Florian Henckel von Donnersmarck, Liselotte Pulver und Peter Maffay auf der Gästeliste.

Aufschrei der Erleichterung

Doch zurück zur aufwühlenden Szene auf dem Balkon des ehemaligen böhmischen Adelspalais' Lobkowicz, der Deutschen Botschaft in Prag, am 30. September 1989: Von einem Herzinfarkt gezeichnet trat Genscher vor: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Mehr war nicht zu verstehen. Der Rest des Satzes ging unter in einem markerschütternden Aufschrei der Erleichterung der über 4000 auf dem Gelände eingepferchten Flüchtlinge. Insgesamt kamen mehr als 10.000 DDR-Flüchtlinge frei. Fünf Wochen später fiel in Berlin die Mauer. Der legendäre Satz von damals steht auf Deutsch und Tschechisch in voller Länge auf einer Bronzetafel in der Prager Botschaft.

Genscher eilte fortan der Ruf einer Art Friedens- und Freiheitsbringer voraus. Ost- und Entspannungspolitik prägt den Begriff "Genscherismus", dem später jedoch ein negativer Beigeschmack anhaftet und der insbesondere in Washington zum Synonym für Schaukelpolitik wird. Ein "aalglatter Kerl" sei der deutsche Außenminister, meinte damals der frühere US-Botschafter Richard Burt. So manches Mal wird er per Cartoon als allgegenwärtiger "Genschman" mit Superman-Anzug und dem charakteristischen gelben Pullover ironisiert.

Aber auf dem Balkan, wo schon wieder die Kriegslunte glomm, lagen ihm Slowenen und Kroaten für seine Politik der frühzeitigen Anerkennung zu Füßen. Die Albaner empfingen den Außenpolitiker 1992 in Ermangelung deutscher Fahnen sogar mit gelben Pullovern, die sie an den Fahnenmasten emporzogen. In Tirana wurde ihm zu ehren der "Sheshi Hans-Dietrich Gensher" (Genscher-Platz) nach ihm benannt. Einen Monat danach trat er aus der Regierung aus.

Im Mai 1992 tritt Genscher überraschend als Außenminister zurück und übergibt die Amtsgeschäfte seinem Nachfolger Klaus Kinkel (FDP). Zu diesem Zeitpunkt ist er Europas dienstältester Außenminister.

Genscher kam am 21. März 1927 in Reideburg/Saalkreis zur Welt und wuchs in Halle an der Saale auf. Der Vater starb früh. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft studierte er Jura und überwand dabei eine Tuberkulose-Erkrankung. Noch in der Sowjetzone nahm er erste Kontakte zu den Liberalen auf. Nach der Flucht in den Westen 1952 wurde er Rechtsanwalt in Bremen und trat der FDP bei. 1965 zog er in den Bundestag ein.

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa und ddp