Standort D "Heimat hat wieder Konjunktur"

Die Chefs von morgen wünschen sich Deutschland wieder als Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Im Interview mit manager-magazin.de sagt Globalisierungsexperte Ulfried Reichardt, warum sich nicht nur die Führungselite in einer globalisierten Welt immer mehr nach der Heimat sehnt.
Von Petra Blum

mm.de: Herr Reichardt, raten Sie Ihren Studenten, ins Ausland zu gehen?

Reichardt: Auf jeden Fall. Ich denke, dass es wichtig ist - nicht nur, um Sprachen zu lernen. Ich glaube, dass man in der globalisierten Welt vieles nicht mehr verstehen kann, wenn man nur eine Kultur kennt.

mm.de: Die Globalisierung hat Mobilitätshürden eingerissen und Arbeitsmärkte zusammenwachsen lassen. Seit einigen Jahren beklagen wir daher in Deutschland den Braindrain, also die Abwanderung fähiger Köpfe. Hat sich daran etwas geändert?

Reichardt: Ich glaube nicht, dass sich hinsichtlich der beruflichen Situation viel geändert hat. Es ist nach wie vor wichtig, im Ausland gearbeitet zu haben, dort Erfahrungen zu machen. Die Gefahr eines Braindrain besteht daher sicherlich weiterhin und wird meines Erachtens auch nicht abnehmen. Dass Heimat wieder Konjunktur hat, lässt sich nicht auf der Ebene erklären, auf der gefragt wird, wo finde ich einen Job, wo kann ich mich besser qualifizieren, sondern hat ganz andere Gründe.

mm.de: Die aktuelle Studie von manager magazin zeigt, dass gerade die junge Führungselite vertraute Strukturen und den Faktor Heimat als Pluspunkt für Deutschland verbucht. Ist das ein Resultat des zunehmenden Globalisierungsdrucks?

Reichardt: Ja, das ist die Ebene, auf der Heimat wieder wichtig wird. Ein Begriff, der hier häufig genannt wird, ist derjenige der Überforderung: Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch, beziehungsweise inwieweit ist man in der Lage, ohne Bindung an einen festen Ort zu arbeiten, zu leben und zu denken?

Die Globalisierung macht es notwendig, sich ständig neu anzupassen und einzustellen, immer wieder seine eigene Position, seine Werte und Gewohnheiten infrage zu stellen. In diesem Zusammenhang ist Heimat eine Art Gegenbegriff zur Globalisierung. Sie bietet die Möglichkeit, einen vertrauten Ort ernst zu nehmen und zu sagen: Das hat etwas mit mir zu tun.

"Wissen, wie die Leute denken"

mm.de: Inwiefern gewinnen Zugehörigkeitsgefühl und vertraute Strukturen an Bedeutung in einem globalen Umfeld?

Reichardt: Das entlastet, stellt Überschaubarkeit her. Man möchte sich sagen können, ich bewege mich wieder in dem Freundeskreis, den ich schon von der Schule her kenne, oder, ich weiß genau, wo der Zahnarzt ist und wie die Leute reden und denken.

mm.de: Assoziiert man mit Globalisierung verstärkt negative Effekte, wie Beliebigkeit und globaler Einheitsbrei?

Reichardt: Das schwingt sicherlich mit und erklärt unter anderem auch, warum viele der von Ihnen angesprochenen jungen Manager Heimat für immer wichtiger halten. Das hat auch mit der subjektiven Erfahrung zu tun, dass beispielsweise ein Hilton in Berlin, Shanghai oder Chicago ungefähr gleich aussieht, die Flughäfen ebenfalls, und was man einkaufen kann, ist auch ziemlich ähnlich.

Daher versucht man, eine Art von Gegendruck zu entwickeln. Den totalen "globalen Einheitsbrei" gibt es jedoch nicht, nicht einmal auf der Ebene von Fast Food. Denn jede Form eines homogenisierenden Trends wird von Ort zu Ort unterschiedlich interpretiert und wieder lokal eingepasst - bekanntlich bezeichnet man dies als "Glokalisierung".

mm.de: Globalisierung, das heißt auch eine neue Dimension von Gleichzeitigkeit - warum überfordert uns das?

Reichardt: Das hat damit zu tun, dass man heutzutage versuchen muss, über Nachrichten und Fernsehen sehr vieles zu verstehen, das sich gleichzeitig abspielt.

Hier kommt auch der Begriff einer "Fernethik" ins Spiel: Man war etwa betroffen angesichts der Folgen des Tsunami in Thailand, Sri Lanka und Indonesien, aber es war sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich wirklich vorzustellen, was geschehen war, weil man ohnehin nur ein paar Bilder des Unglücks sah und dieses zu weit weg war. Damit wir uns gefühlsmäßig situieren können, brauchen wir unmittelbare Erfahrungen. In einer medialen Welt können wir uns emotional nicht wirklich heimisch fühlen.

"Heimat ist prekär geworden"

mm.de: Ist Heimat etwas, das durch Globalisierung verloren gegangen ist?

Reichardt: Verloren würde ich nicht sagen, aber sie ist prekär geworden, also weniger natürlich oder selbstverständlich. Viel internationale Erfahrung und ein globales Leben führen dazu, auf der anderen Seite verstärkt nach Heimat zu suchen. Dabei hat sich der Status der Heimat mehrfach verändert. Bis vor einigen Jahren war Heimat ein eher problematischer Begriff, der beinahe verniedlichend verwendet wurde.

Innerhalb der Globalisierung wird Heimat wieder positiv bewertet. Dennoch ist es nicht so, dass Heimat den Platz einnimmt, den sie möglicherweise noch vor der heutigen Phase der Globalisierung hatte. Es ist eine neue Form von Heimat, über die wir hier sprechen, eine, die im Kontext der Globalisierung gesehen werden muss.

mm.de: Lassen sich denn lokale Verwurzelung und Globalisierung miteinander vereinbaren?

Reichardt: Ich denke, dass beides sehr stark zusammenhängt. Wenn man in der Heimat ist, surft man natürlich auch im Internet, verschickt seine E-Mails weltweit oder telefoniert über Satellit. Ich denke aber, dass die Besinnung auf die Heimat auch in einem weiteren Sinne als Gegenbewegung gegen die Globalisierung zu verstehen ist: Man will einfach nicht in einer globalen Masse untergehen, sondern seine Eigen- und Besonderheit definieren. Man möchte sich unterscheiden. In Deutschland geschieht dies insbesondere über regionale Zugehörigkeit.

mm.de: Wohin wird der Trend Ihrer Meinung nach führen, werden vertraute Strukturen und Heimatgefühl an Bedeutung zunehmen, oder wird es den globalen Menschen geben?

Reichardt: Sicherlich werden sich immer mehr Menschen global bewegen, sowohl aufgrund ökonomischer und politischer Vernetzungen, aber auch beispielsweise als Folge von Klimaveränderungen. Auch technischer Austausch und kulturelle Vermischung werden auf keinen Fall abnehmen. All dies kann Konflikte zur Folge haben, die auch über den Bezug auf Heimat und Identität geführt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass Konflikte auf dieser Ebene zunehmen werden.

mm.de: Können Sie sich vorstellen, selbst noch einmal ins Ausland zu gehen, eventuell auch für länger?

Reichardt: Auf jeden Fall. Meiner Biografie entsprechend würde ich dazu neigen, in die USA oder nach Kanada zu gehen. Ich könnte mir aber auch andere Regionen vorstellen.

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