Management "Männer müssen Karriere machen, Frauen nicht"

Chefinnen sind in Deutschland selten. Über die Gründe scheiden sich die Geister. Die einen sagen, mangelnde Kinderbetreuung wäre schuld, andere, die Frauen selbst. Statt Karriere zu machen, würden auch Akademikerinnen lieber in Teilzeit arbeiten.

Frankfurt am Main - Kirsten Dierolf hat drei Kinder, leitet eine Trainings- und Beratungsfirma in Bad Homburg bei Frankfurt und kämpft gegen das "Rabenmutterphänomen" in Deutschland. "Es muss endlich akzeptiert und als normal angesehen werden, dass eine Frau mit Kindern berufstätig ist", sagt die 41-Jährige.

Die Beraterin arbeitet nach eigenen Angaben etwa 50 Stunden pro Woche. Ihre 15 und 11 Jahren alten Söhne gehen in eine Privatschule mit Hausaufgabenbetreuung, der Jüngste (4) ist in einem Ganztags- Kindergarten. Am Abend ist im Hause Dierolf Familie angesagt: "Wir haben ein richtiges Familienleben."

Frauen wie Kirsten Dierolf sind in Deutschland noch immer eine Ausnahme. Die Vorstände der 30 Dax-Konzerne sind reine Herrenclubs und in den Führungsetagen vieler anderer großer Unternehmen bietet sich ein ähnliches Bild. In den Vorständen der 100 größten deutschen Unternehmen ist laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unter 533 Spitzenmanagern nur eine Frau: Margret Suckale, Personalvorstand und Arbeitsdirektorin der Deutschen Bahn.

In den Aufsichtsräten der Top-100-Unternehmen sieht es nur wenig besser aus: Dort besetzten Frauen 8,5 Prozent der Posten. Die Gleichstellung der Geschlechter in einflussreichen Spitzenpositionen größerer Unternehmen liegt dem DIW zufolge "nach wie vor in weiter Ferne". Das gilt nicht nur für das Topmanagement. Nur jede vierte Führungskraft in der obersten Leistungsebene von Betrieben in Deutschland ist eine Frau, wie eine Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in 16.000 Firmen ergab.

Auch im Mittelstand ändert sich das Bild nicht. Nur jede achte Führungsposition in den Chefetagen mittelständischer deutscher Unternehmen wird von einer Frau besetzt. Einer Studie der Wirtschaftsprüfer-Organisation Grant Thornton zufolge, beträgt der Anteil von Frauen in Führungspositionen in Deutschland nur 12 Prozent. Gegenüber 2004 hat der Frauenanteil sogar um 4 Prozent abgenommen.

Die Erhebung, für die 7.200 mittelständische Unternehmen in 32 Ländern befragt wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass in den philippinischen Chefetagen das ausgewogenste Geschlechterverhältnis herrscht. Auf der Inselgruppe haben demnach mit 50 Prozent genauso viele Frauen wie Männer Führungsposten.

Der Studie zufolge arbeiten in vielen Schwellenländern weit mehr weibliche Führungskräfte als in den Industriestaaten. So liegt der Anteil der Managerinnen in Brasilien bei 42 Prozent und in Thailand bei 39 Prozent, während in den USA mit 23 Prozent nur jeder vierte Chefposten von einer Frau besetzt wird. Immerhin liegt das Land aber noch einen Punkt über dem internationalen Durchschnitt von 22 Prozent. Schlechter als Deutschland mit 12 Prozent schneiden nur noch Luxemburg mit 10 und Japan mit 7 Prozent ab.

"Frauen haben Alternativen"

"Frauen haben Alternativen"

"Frauen haben in der Arbeitswelt aufgeholt, sie sind heute häufiger berufstätig als noch vor ein paar Jahrzehnten und auch der Bildungszugang hat sich für sie verbessert", sagt Susanne Kohaut, wissenschaftliche Mitarbeiterin des IAB. "Trotzdem findet man sie kaum in führenden Positionen."

Die Gründe dafür sind nach Angaben der Hamburger Wirtschaftswissenschaftlerin Sonja Bischoff vielfältig. "Frauen sind noch nicht ausreichend in den Wirtschaftswissenschaften, den Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften vertreten", sagt die Betriebswirtschaftlerin. Nur jeder vierte Student sei hier weiblich, die Nachfrage nach Führungskräften richte sich aber zu 80 Prozent auf die Absolventen dieser Studienrichtungen.

"Außerdem haben Frauen im Vergleich zu Männern Alternativen - nämlich die Familie. Männer müssen Karriere machen, Frauen nicht", sagte Bischoff. Fast die Hälfte der Frauen im Mittelmanagement wollen nach ihren Untersuchungen in Teilzeit arbeiten. "Teilzeit und Karriere kann man aber nicht vereinbaren", sagt die Wissenschaftlerin. "Viele Frauen begrenzen ihre Karriere bewusst. Wenn Männer einmal aufgestiegen sind, wollen sie dagegen meist noch weiter kommen."

Die Lebenssituation von Karrierefrauen unterscheidet sich der IAB-Studie zufolge deutlich von der ihrer männlichen Kollegen. Nur jede Dritte lebte 2004 in einer Familie mit Kindern, bei den Männern waren es mehr als die Hälfte. "Offenbar fällt Männern die Vereinbarkeit von Familie und Karriere leichter", sagt IAB-Forscherin Kohaut. Außerdem leben weibliche Führungskräfte häufiger allein, jede Vierte von ihnen führt einen Ein-Personen-Haushalt.

Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, fordern Experten etwa den Ausbau der Kinderbetreuung. Dabei seien sowohl der Staat als auch die Unternehmen gefragt. Außerdem sollten Frauen ihre Karriereplanung frühzeitig überdenken, raten die IAB-Forscher in ihrer Studie: "Fallen Unterbrechungen nicht in die karriereintensive Phase der ersten Berufsjahre, sondern werden früher oder später eingelegt, so ist damit zu rechnen, dass sie sich weniger negativ auswirken."

Kirsten Dierolf hat ihre ersten beiden Söhne während des Studiums zu Welt gebracht. "Ich dachte, so lassen sich Kinder und Karriere leichter vereinbaren", sagt sie. "Aber die Kinderbetreuung war ein riesiges Problem." Sie löste es mit Kindergarten und Au-Pair-Mädchen. "Es war ein unheimlicher Stress und die Leute haben die Nase gerümpft."

manager-magazin.de mit Material von dpa und ap

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