Ingenieure Billiger Daniel Düsentrieb

Eine gute Diplomarbeit kann für Ingenieure einiges abwerfen - neben dem Titel auch Geld, akademische Meriten, wenigstens eine karrierefördernde Veröffentlichung. Die Diplomanden selbst haben davon allerdings wenig. Denn üblicherweise profitieren nur die "Betreuer" in Hochschulen und Unternehmen.
Von Hermann Horstkotte

"Wer in der Firma ein guter Praktikant war, der kann bei uns auch gern seine Diplomarbeit schreiben", sagt Bertold Biffar, Geschäftsführer einer rheinischen Maschinenfabrik. "Sie oder er bekommt während der vier oder sechs Monate im Werk viele Ratschläge plus eine Vergütung und ich alle Verwertungsrechte am Endergebnis, der Examensschrift. Diese Vereinbarung passt auf ein Blatt. Von komplizierten juristischen Verträgen halte ich überhaupt nichts." Die Bewerber unterschreiben gern, weil die Diplomarbeit das beste Sprungbrett auf eine Stelle im Unternehmen ist.

So halten es die meisten Firmen und Diplomanden nicht nur in der Region Bonn. Stefan Böhmer, Prorektor der örtlichen Fachhochschule, sieht den Handel mit Bauchschmerzen. Meist vergeblich bietet er einen Dreiecksvertrag zwischen Hochschule, Student und Unternehmen an, der ein "geordnetes Prüfungsverfahren" sichern soll.

"Wir haben Verträge zwischen Studenten und Firmen gesehen, die jedem außer dem direkten Prüfer die Einsicht in die Arbeit verwehren sollen, wegen betriebsinterner Geheimhaltung. Das geht natürlich nicht", protestiert Böhmer. Kurt Zeller vom IBM Entwicklungslabor in Böblingen hält dagegen, ihm seien "Fälle bekannt, in denen Diplomanden die Verwertung der Arbeit mit ihrem Professor vertraglich vereinbart haben, ohne dabei die Schutzinteressen der betreuenden Firma zu berücksichtigen".

Auf keinem anderen Feld an deutschen Hochschulen ist die Unsicherheit so groß, wie denn die viel beschworene "gute wissenschaftliche Praxis" konkret bei Diplom- und anderen Abschlussarbeiten auszusehen hat. Am Ende sind Diplomanden oft frustriert - weil der Prüfer Ergebnisse der Fleißarbeit einfach für einen eigenen Aufsatz klaut und den wahren Autor verschweigt. Oder weil sich eine Firma verwertbare Erkenntnisse unter den Nagel reißt.

Das Urheberrecht bietet wenig Schutz. Eigentlich liegt es für jedes fertige Werk beim Autor. Aber einzelne Ergebnisse oder Textpassagen dürfen durch Dritte frei benutzt werden. Solche Übernahmen führen allenfalls zur Zitierpflicht, wie ein Hamburger Gericht abschließend klarstellte . Verstöße dagegen mögen dem wissenschaftlichen Image des Ideendiebs schaden, bringen dem bestohlenen Diplomanden oder Doktoranden jedoch keinen Cent Entschädigung. Da müsste man schon vor Gericht einen persönlichen Vermögensschaden nachweisen.

Wer die Diplom-Rosinen pickt

Wer die Diplom-Rosinen pickt

Firmen und Hochschulen legen die wachsweichen Regelungen in ihrem Sinne aus. Bei praxisbezogenen Abschlussarbeiten von Betriebswirten, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern geht es schnell um mehr als nur spottbillige Urheberrechte, nämlich zum Beispiel um Patente. Darum nehmen Unternehmen auch gern Diplomanden und binden sie an sich.

Die Elite-Uni Karlsruhe warnt in ihren Tipps für "Externe Diplomarbeiten"  junge Wirtschaftswissenschaftler, nicht blauäugig auf Verlockungen der Industrie hereinzufallen. "Das Urheberrecht sowie die daraus resultierenden Verwertungs- und Nutzungsrechte stehen allein dem Diplomanden als dem Verfasser der Diplomarbeit zu", warnt die Uni vor Verträgen, wie sie beispielsweise IBM Böblingen anbietet. Dort winkt IBM-Manager Zeller neben der Pauschale von 2000 Euro für alle kommerziellen Rechte mit rosigen Aussichten: "Gute Kandidaten stellen wir natürlich auch gern ein oder unterstützen sie zunächst bei der Doktorarbeit."

Da können die Hochschulen nicht mithalten. Sie locken lediglich mit der vagen Aussicht auf eine akademische Karriere - sofern es die fleißigen Studenten mit dem Urheberrecht nicht so genau nehmen und die professorale Erstverwertung der Diplom-Rosinen erdulden. Bei Arbeiten, die an einem Institut entstehen, unterliegen die Studenten praktisch denselben Vorschriften wie Hochschulmitarbeiter, etwa bei Patent- und anderen Nutzungsrechten.

So folgen Diplomanden am Karlsruher Institut für Technik der Informationsverarbeitung mit ihrer Einverständniserklärung "dem Gesetz über Arbeitnehmererfindungen" - obwohl sie keine Arbeitnehmer sind und nicht bezahlt werden. Nach diesem Gesetz stehen dem Erfinder, möglicherweise einem ganzen Team, höchstens 30 Prozent des Gewinns zu. Dafür übernimmt die Uni aber alle Kosten der Patentanmeldung, die ein frisch Diplomierter sich kaum aufhalsen würde.

Verflochten wie Pilz und Baum

Verflochten wie Pilz und Baum

Am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Uni Stuttgart gilt: Erzielt der Diplomand seine Ergebnisse in Institutsprojekten, liegt das "Recht auf Auswertung und Veröffentlichung seiner Arbeit allein beim Institut".

Das Institut ist häufig zur Geheimhaltung verpflichtet, wegen der industriellen Auftraggeber. Denn ohne die hoch geschätzten "Drittmittelgeber" wäre "große Forschung an einer Uni heute gar nicht mehr möglich", sagt René Schüffny, Studiendekan der Uni Dresden für Informationstechnik. Der Diplomand geht leer aus - anders, als wenn er gleich bei einer Firma wie IBM oder der Bonner Maschinenfabrik schreibt.

Bleibt den Absolventen wenigstens Ruhm und Ehre für ihr geistiges Eigentum? Dazu heißt es im Karlsruher Leitfaden: "Die geforderte selbständige Bearbeitung des Themas schließt das Entstehen eines Miturheberrechtes des Professors selbst dann aus, wenn von diesem (wesentliche) Anregungen für die Arbeit gegeben wurden."

Die Praxis sieht anders aus. Wer ein Thema aus dem Uni-Institut bearbeitet, gerät in ein besonderes Biotop, vergleichbar der Symbiose zwischen Pilz und Baum - sie führen sich gegenseitig Wasser und Zucker zu. Volker Hinrichsen, Vize-Vorsitzender des Fakultätentages für Elektrotechnik, erläutert das so: "In der Diplomarbeit werden oft Teilprobleme aus dem Dissertationsprojekt eines betreuenden Doktoranden bearbeitet" - damit der sich von Routineuntersuchungen entlasten kann. Eine Veröffentlichung entstehe "im Regelfall unter federführender Autorschaft des Betreuers".

Der Diplomand erscheint dann, wenn überhaupt, als Koautor. "Etwa jede zehnte Diplomarbeit wird zu einer solchen kleineren Veröffentlichung eines Autorenteams ausgearbeitet", ergänzt Volker Claus vom Informatik-Fakultätentag.

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