Führungswechsel Stahlbaron Großmann wird RWE-Chef

Jürgen Großmann wird neuer Chef des Energiekonzerns RWE. Der Eigentümer der Georgsmarienhütte, der unter anderem im Volkswagen-Aufsichtsrat sitzt und sogar als Nachfolger von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gehandelt wurde, soll Harry Roels Anfang 2008 ablösen.

Essen - Der niedersächsische Stahlunternehmer Jürgen Großmann rückt an die Spitze des Essener Energiekonzerns RWE . Das teilte das Essener Unternehmen am Mittwochvormittag in einer Pflichtmitteilung mit.

Wörtlich heißt es in der Ad-hoc-Meldung: "Der Aufsichtsrat der RWE AG hat beschlossen, den am 31. Januar 2008 auslaufenden Dienstvertrag von Herrn Harry Roels nicht zu verlängern. Zum Nachfolger wird Jürgen Großmann bestellt. Er wird am 1. November 2007 in die Gesellschaft eintreten und zum 1. Februar 2008 die Position des Vorsitzenden des Vorstands übernehmen."

Schon im Vorfeld der heutigen Aufsichtsratssitzung verlautete, es werde eine langfristige Lösung für die Führungsposition angestrebt. Eine erneute fünfjährige Amtsperiode für Roels galt schon zuvor als ausgeschlossen, da der RWE-Chef im nächsten Jahr die Altersgrenze von 60 Jahren erreicht, mit der RWE-Manager üblicherweise aus dem Amt scheiden.

Die Wahl Großmanns ist eine Überraschung. Den Unternehmer hatte keiner auf der Rechnung. Der 1952 in Mülheim an der Ruhr geborene und heute in Hamburg lebende Großmann hatte 1993 für zwei Mark die ehemalige Klöckner Edelstahl GmbH in Georgsmarienhütte bei Osnabrück erworben - inklusive 130 Millionen Mark Schulden.

Die Hütte litt unter anderem unter dem Wettbewerbsnachteil, nicht über eine Flussanbindung zur Erzanlieferung zu verfügen. Großmann ließ einen modernen Elektrolichtbodenofen statt eines herkömmlichen Hochofen-Konverters einbauen. Dadurch konnten nun bis zu 100 Prozent Schrott zur Stahlerzeugung verwendet werden. 1997 gründete Großmann die Georgsmarienhütte Holding, die heute ihren Sitz in Hamburg hat.

Mittlerweile zählt die Gruppe mehr als 43 Firmen in Deutschland und Österreich. 2005 wurde mit rund 8400 Beschäftigten ein Umsatz von 1,8 Milliarden Euro und ein Überschuss von 74 Millionen Euro erzielt. Großmann hatte sich erst Ende vergangenen Jahres aus der operativen Führung seiner Stahlgruppe zurückgezogen.

Großmann ist nicht nur in der Branche gut vernetzt. Als Freund von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) werden ihm auch gute Kontakte in die Politik nachgesagt. Zudem sitzt er unter anderem in den Aufsichtsräten von Volkswagen  und der Deutschen Bahn.

Unternehmerfürst barocken Zuschnitts

Unternehmerfürst barocken Zuschnitts

Doch das Sanieren lastet den umtriebigen "Grossi", wie ihn seine Mitarbeiter nennen, offenbar nicht aus. Großmann führt das Leben eines Unternehmerfürsten barocken Zuschnitts, der im Vergleich zu den kühlen Rechnern der Private-Equity-Branche wie aus der Zeit gefallen wirkt und der auch bei seinen Hobbys meist Geschäft mit Genuss verknüpft.

Da ist zum Beispiel das Restaurant "La Vie" in Osnabrück. Mitte der 90er Jahre steckte das Lokal in finanziellen Schwierigkeiten. Weil der damalige Betreiber schon zu Großmanns Hochzeit 1985 in Hamburg gekocht hatte, ließ sich der Hüne, dem man ansieht, wie gern er isst, schließlich erweichen: Er steckte immer wieder Geld in das "La Vie" - so lange, bis es ihm ganz gehörte. Allerdings hat es der Sanierungskünstler bis heute nicht geschafft, das "La Vie" profitabel zu machen.

Anfang vergangenen Jahres leistete sich Großmann einen Luxus der besonderen Art: Er holte den Zwei-Sterne-Koch Thomas Bühner und dessen Mannschaft vom Restaurant der Dortmunder Spielbank nach Osnabrück. Der Maître kocht, der Stahlmagnat bezahlt. Obwohl die Menüpreise im "La Vie" zwischen 86 und 128 Euro liegen und eine Flasche Wein bis zu 4000 Euro kostet, schreibt das Lokal hohe Verluste.

Aber man gönnt sich ja sonst nichts, außer einem Weingut in Australien (die Weine werden mangels Qualität im "La Vie" nicht kredenzt) und einem knappen Dutzend Oldtimer. Für die braucht Großmann jetzt eine neue Garage; die alte ist seiner Sammelwut nicht mehr gewachsen.

Mit einem flügeltürigen Mercedes 300 SL, Baujahr 1955 fährt er seit 2001 die Oldtimer-Rallye Mille Miglia in Italien. Da die aber leider nur einmal im Jahr stattfindet, suchte Großmann nach einer Abwechslung und organisierte im Juni eine Ausfahrt von Kevelaer nach Osnabrück mit 160 Teilnehmern, darunter DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche. Für den Deutschland-Trip polierte Autonarr Großmann seinen Mercedes 300 SL Roadster von 1955 auf - immer den gleichen Wagen zu steuern wäre ja langweilig.

Ursula Schwarzer mit Material von reuters, dpa und ddp

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