Kitzbühel Die Angst vor den reichen Russen

Chanel in den Schaufenstern, Maybachs auf den Straßen: In Kitzbühel frönen Reiche wie Prominente ihren Urlaubsfreuden. Unter ihnen immer mehr Russen, die die Preise in die Höhe treiben und die Einheimischen verärgern. Nun hat der Nobelskiort mit einer Anti-Russen-Quote gedroht.
Von Florian Harms

Bei Christian Harisch brennt die Luft. Seit heute Morgen steht beim Sprecher des Fremdenverkehrsbüros Kitzbühel das Telefon nicht mehr still. Alle wollen sie ihn sprechen: Österreichische Radiosender, deutsche Zeitungen, russische Fernsehstationen.

Der Tiroler Nobelskiort, Wohnsitz von Franz Beckenbauer und Modezar Werner Baldessarini und beliebtes Ausflugsziel des weltweiten Jetsets, ist Aufregung gewohnt. Aber der gewaltige Wirbel von heute hat selbst die Kitzbüheler aus der Ruhe gebracht. Allen voran Christian Harisch. "Das ist alles völliger Blödsinn", ruft er ins Telefon, "ein Missverständnis!"

Ein Skandal ist geschehen - so präsentiert zumindest der österreichische Rundfunk ORF seine brisante Information aus erster Hand: Kitzbühel wolle eine Russen-Quote einführen, meldete der Sender heute. Nach Anweisung des Fremdenverkehrsbüros dürften künftig nur noch maximal zehn Prozent aller Touristen aus Russland kommen.

Bereits gestern hatte die Internetzeitung newsru.com vermeldet, dass in Kitzbühel 16 von 20 Vier- und Fünfsternhotels eine Vereinbarung unterschrieben hätten, die die Buchungen für russische Skitouristen auf zehn Prozent begrenze. Die Tourismusdirektion begründe diese Maßnahme mit dem Schutz der nationalen Vielfalt, so newsru.com.

Hoteliers und Restaurantbetreiber fürchten offensichtlich, die Superreichen aus Osteuropa könnten mit ihrem anstößigen Gebaren finanzstarke Stammgäste aus anderen Ländern vergraulen. In letzter Zeit seien immer mehr Russen mit viel Geld, aber schlechten Manieren in den 8500-Seelen-Ort eingefallen, hieß es. Der ORF berief sich in seinem Bericht auf Renate Danler, die scheidende Direktorin des Kitzbüheler Fremdenverkehrsbüros. Die Stadt könne einfach nur eine begrenzte Zahl von Russen verkraften, habe sie dem Sender gesagt.

Kaum war die Meldung bekannt geworden, brandete eine Welle der Empörung über den beschaulichen Alpenort herein. Die Kritik der österreichischen Hoteliersvereinigung, deren Präsident Sepp Schellhorn die Einführung einer Russen-Quote als "absurd und kurzsichtig" schmähte, gehörte noch zu den harmloseren Äußerungen.

Und Christian Harisch muss es ausbaden. "Was meinen Sie, was hier los ist", sagt er und weist seine Assistentin an, einen Anrufer vom russischen Fernsehen auf der anderen Leitung noch einige Minuten zu vertrösten. "Dabei stimmt das alles nicht. Wir haben in der Wintersaison gerade mal zwei Prozent russische Gäste in Kitzbühel, aufs Jahr gerechnet ist es nur ein Prozent. Wenn wir zehn Prozent Russen hier hätten, wären wir glücklich, etwas Besseres könnte uns doch gar nicht passieren."

Nach einem Rückgang der Gästezahlen in den vergangenen Monaten seien die lokalen Dienstleister im Fremdenverkehr nun froh über jeden russischen Urlauber. Seine Chefin habe sich einfach nur unklar ausgedrückt.

"Die Russen sind schon ein Reizwort"

"Die Preise sind um 50 Prozent gestiegen"

Dass mehr als nur ein Missverständnis hinter der Lokalposse um die Russen-Quote steckt, dämmert jedem, der hinter die blitzblank geputzten Fassaden des Luxusörtchens schaut: Unter der aufgehübschten Oberfläche brodelt der Unmut der Einheimischen. Denn in Kitzbühel tobt ein Preiskampf um hochkarätige Immobilien, um Hotels, Golfplätze, Edelboutiquen - und russische Investoren sind beim Run auf die besten Grundstücke ganz vorne dabei.

"Die Nachfrage der Russen nach Immobilien steigt", sagte Makler Manfred Hagsteiner Mitte Januar dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. "Allein in den vergangenen zwei Jahren sind die Preise in Kitzbühel und Umgebung um 50 Prozent gestiegen", sekundierte Makler Wolfgang Böhm.

Zweistellige Millionenbeträge müssen Käufer mittlerweile für exquisite Grundstücke in Kitzbühel auf den Tisch legen. Und alles wird immer teurer durch die russischen Geschäftsleute, die es kaum kratzt, ob sie für ihr Wunschobjekt ein paar Milliönchen mehr oder weniger hinblättern. Hauptsache, die Aussicht stimmt und die Entfernung zu Promis wie Beckenbauer, Baldessarini und Co. ist nicht zu groß.

Ordentlich für Wirbel sorgte unlängst das Gerücht, die Frau des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow, der ebenfalls in Kitzbühel residiert, stecke hinter der Privatstiftung Saphros. Die Einrichtung mit Sitz in Wien hat kürzlich ohne lange zu Fackeln für 25 Millionen Euro den Kitzbüheler Golfclub Eichenheim im Stadtteil Aurach übernommen. Bürgermeister-Gattin Jelena Baturina plane nun, mit ihrer Baufirma auf dem Gelände ein Luxushotel aus dem schönen Kitzbüheler Boden zu stampfen, heißt es. Zwar hat das Bundesland Tirol den Immobilienerwerb schon vor längerer Zeit auf EU-Bürger beschränkt, doch über Mittelsmänner soll diese Exklusiv-Klausel immer wieder umgangen worden sein. Munkelt man in Kitzbühel.

"Die Russen sind für uns schon ein Reizwort"

Das sorgt für Ärger - bis hinauf in die lokalen Behörden. "Die Stadt hat mit dieser Geschichte nichts zu tun", beteuert Felix Obermoser, Sprecher der Kitzbüheler Stadtverwaltung. "Das wird alles zu heiß gekocht, wir haben hier ja keine Russenhorden. Die meisten Gäste kommen aus Deutschland." Doch dann sagt er noch etwas anderes: "Die Russen sind für uns schon ein Reizwort. Zur Zeit ist hier alles, was mit Russen zu tun hat, schwierig."

Die jetzige Aufregung dürfte es nicht einfacher machen - und könnte sich negativ auf die österreichische Tourismusbranche auswirken. Dabei war die Zahl russischer und ukrainischer Urlauber in der Alpenrepublik im vergangenen Jahr um rund 20 Prozent gestiegen. Neben den Superreichen hatte nun auch die russische Mittelschicht Österreich als Reiseziel entdeckt.

Was sollen die Osteuropäer denken, wenn sie von der Russen-Quote erfahren? "Wir können keinem Hotelier vorschreiben, welche Gäste er nimmt und welche nicht", sagt Behördensprecher Obermoser und verabschiedet sich dann. Er dürfte noch viele weitere Anrufe vor sich haben.

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