BWL in St. Gallen Bloß kein Fachidiot

BWL sollte es auf jeden Fall sein, in Mannheim. Dann ließ sich Felix Heinrich, 23, auf der Rückfahrt vom Italienurlaub überreden, am Aufnahmetest der Uni St. Gallen teilzunehmen. Seit drei Semestern studiert er in der Schweiz. Heute will er "einer von den Guten werden".
Von Mara Pfeiffer

Als ich in St. Gallen anfing, sagte einer der Professoren: "Wir machen hier das, was ihr noch nicht könnt" – und damit hatte er Recht. Weil ich mich schon immer für Wirtschaft interessiert habe, hatte ich schon solide Grundkenntnisse in dem Fach. Aber hier wird einem einfach jeder Zusammenhang erklärt.

Das finde ich wichtig, denn Wirtschaft steckt in allem - aber man weiß selbst als vermeintlicher Profi oft viel zu wenig darüber. Wie wirkt sie sich beispielsweise auf internationale Beziehungen aus, welche Rolle spielt die Weltbank? Wie hängt die Entwicklung der Ersten Welt mit der in der Dritten zusammen?

Oder was bedeutet eine Nachrichtenmeldung wie "Der Basiszins wurde angehoben"? Klar, ich wusste, dadurch wird alles teurer und so die Wirtschaft gebremst, aber das ist eben nicht alles. Gleichzeitig verringert sich das Inflationsrisiko, was ja wiederum positiv ist. In der Wirtschaft herrscht Dualität, das macht sie so unheimlich spannend.

Während meines BWL-Studiums in Deutschland hat mir nicht direkt etwas gefehlt. Ich mochte die Universität in Mannheim und habe auch gern da studiert. Aber im Vergleich merke ich schon, dass an der Universität St. Gallen viel mehr geboten wird, dass die Ausbildung vielseitiger ist.

Dass ich hier gelandet bin, war reiner Zufall: Kommilitonen haben mir vor einem gemeinsamen Italien-Urlaub in den Semesterferien vorgeschlagen, ich solle doch auch bei dem Aufnahmetest für die Uni in St. Gallen mitmachen, weil sich alle dort bewarben. Und der Termin für den Test lag eben so, dass sie auf dem Heimweg von Italien in St. Gallen Halt gemacht haben. Ich hatte erst keine Lust, weil das ja auch Geld kostet, habe dann aber spontan doch mitgemacht. Und bin als einziger von uns genommen worden.

Meine Erwartungen an das Studium haben sich bisher ausnahmslos erfüllt. Ich hatte mir von dem Wechsel versprochen, neben der klassischen BWL einen besseren Einblick in die Verknüpfungen der Wirtschaft mit unserem alltäglichen Leben zu bekommen. Außerdem war mir wichtig, die Uni später nicht als so ein Fachidiot zu verlassen, der zwar alle wirtschaftlichen Zusammenhänge kennt, aber nicht weiß, wie und wo er die überhaupt anwenden soll.

Heute hat Papa was Tolles gemacht

Heute hat Papa was Tolles gemacht. Mit Wirtschaft.

Hier in St. Gallen ist die Philosophie da zum Glück ganz ähnlich. Das merkt man zum Beispiel daran, dass die Studenten der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, also Jura, BWL und VWL, das erste Jahr gemeinsam lernen, sprich die gleichen Kurse belegen. Dadurch bekommt man nicht nur einen ersten Einblick in das eigene Schwerpunktfach, sondern lernt auch viel von den anderen.

Das Fach BWL

In der einjährigen Grundausbildung werden auch Kurse Pflicht, die mit Wirtschaft oder Recht gar nichts zu tun haben. Man belegt also neben den fachspezifischen Seminaren auch Vorlesungen in Philosophie, Soziologie und Psychologie. Dadurch wird die Basis, auf der man später aufbaut, viel breiter. Außerdem ist eine neue Fremdsprache Pflicht, was ich sehr sinnvoll finde. Ich spreche mittlerweile recht gut Spanisch.

Natürlich ist BWL ein Massenstudienfach. Und natürlich hat das Studium viel mit Pauken zu tun, was in etwa so reizvoll ist wie das Vokabelnbüffeln früher in Französisch. Bei mir wird die Lernerei außerdem noch dadurch verstärkt, dass ich ein BWL-VWL-Doppelstudium belegt habe. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Zahlen, und die Mathematik spielt in der VWL einfach eine viel größere Rolle. Manchmal denk ich mir dann, "das hättest du auch einfacher haben können". Oder frage mich gar, ob das Studium die richtige Entscheidung war.

Aber solche Zweifel sind gleich wieder verflogen. Denn meine große Leidenschaft für alles, was mit Wirtschaft zu tun hat, ist fast so alt wie ich selbst. Mein Vater arbeitet in dem Bereich, vielleicht spielt das da auch mit rein. Ich bin der Meinung, dass es zu viele Wirtschaftswissenschaftler gibt, die sich nur für den Geldfluss interessieren, aber das darf einfach nicht so sein. Denn in dem Sektor zu arbeiten, bedeutet eben auch, eine große Verantwortung, ein Gefühl für Menschen und die Tragweite der eigenen Entscheidung zu entwickeln. Ich will einer von den Guten werden.

Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen nach Weltverbesserer an, aber dafür fehlt mir dann doch das Feuer. Ich möchte lieber im Kleinen wirken, beispielsweise als Consultant, vielleicht in einer Bank oder im Finanzbereich eines kleinen Unternehmens. Ich möchte in meinem Job etwas bewegen, ich will die direkten Auswirkungen meiner Arbeit erleben. Und wenn ich mal eine Familie habe, dann möchte ich meinen Kindern abends erzählen können: Heute hat der Papa was Tolles für seine Firma gemacht. Mit Wirtschaft.

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