Görtz "Mehr als nur Schuhe verkaufen"

Das Familienunternehmen Görtz steht vor tiefgreifenden Herausforderungen: als nationaler Schuhanbieter die Weltmärkte erobern, multimedial verkaufen, veränderte Kundenwünsche berücksichtigen bei steigenden Ladenmieten – Geschäftsführer Christoph von Guionneau verriet, wie er sich die Quadratur des Kreises vorstellt.
Von Karolin Köcher

Hamburg - Christoph von Guionneau wirkte kein bisschen erschöpft, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Gerade hatte er jedem seiner rund 3000 Mitarbeiter einen persönlichen Dankesbrief zum Jahreswechsel geschrieben. "Das gehört für mich dazu", sagt er und macht es sich am festlich geschmückten Tisch in der manager-lounge bequem.

"Das Unternehmen Ludwig Görtz GmbH befindet sich mitten in einem Generationenwechsel und einem der grundsätzlichsten Veränderungsprozesse seiner 131-jährigen Geschichte." Dass es etwas ganz Besonderes ist, ein traditionsreiches Familienunternehmen in dieser spannenden Phase zu führen, machte von Guionneau an diesem Abend in eindringlichen Sätzen deutlich.

Verständlich, dass es für einen Seniorchef schwer und bisweilen schmerzhaft sein muss, das Steuerrad nach langen Jahren aus den Händen zu geben. Schließlich hatte Ludwig Görtz das Unternehmen zu einer der größten deutschen Schuhketten ausgebaut, mit heute mehr als 240 Filialen, 3000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 300 Millionen Euro. Er führte unter anderem die Eigenmarke Belmondo ein und trieb auch die Expansion der zur Gruppe zählenden Kette Hess voran.

Heute gehören neben den Brüdern Ludwig und Friedrich Görtz auch Christoph von Guionneau als Sprecher der Geschäftsführung und Rainer Worbs dem Führungsgremium an. Als von Guionneau vor knapp vier Jahren das Steuer übernahm, hat er deutlich gemacht: Chef kann hier nur einer sein. Von Guionneau: "Das Problem für den Inhaber: Von diesem Zeitpunkt muss er eigentlich unsichtbar sein, obwohl er natürlich noch da ist. Und er muss es aushalten, dass der Neue seine eigenen Ideen umsetzt und dabei meist auch mit Traditionen bricht." Ludwig Görtz sei das in einer Perfektion gelungen, die von Guionneau größten Respekt abverlange.

Dabei sei es durchaus von Vorteil, einen Externen an die Spitze zu lassen: "Wenn einer von außen kommt und schlecht ist, kann man ihn austauschen, bei einem Sohn wäre das schon schwieriger." Viele Familienunternehmen scheiterten, weil die Fortführung des Bisherigen als größtes Erfolgskriterium gesehen werde. Pikant: Unter den Mitgliedern der manager-lounge ist an diesem Abend auch Matthias Kay von der gleichnamigen Hamburger Schuhkette. Dass Kay den Ausführungen von Guionneaus besonders aufmerksam folgt, stört diesen nicht im Geringsten. Im Gegenteil: "Ein Austausch findet in unserer Branche viel zu selten statt."

Dass das Unternehmen Görtz neue Wege geht und sich von klassischen Schuhgeschäften abheben will, in denen Kunden zwischen vollen Regalwänden nach passender Ware oder einer freien Verkäuferin suchen, wird auch in dem neuen Mono-Label-Laden in der Hamburger Europapassage deutlich, für den der Designer Peter Schmidt eine eigene Görtz-Shoes-Corporate-Identity entwickelte. Auf 165 Quadratmetern werden ausschließlich Schuhe und Accessoires der Eigenmarke Görtz Shoes angeboten. Architektur, Ladenaufbau und ein neues Schuhpräsentationskonzept sollen eine moderne Einkaufsatmosphäre schaffen.

Frauen glücklich machen

Frauen glücklich machen

Neben Görtz, Görtz 17 und Hess gibt es seit rund drei Jahren auch den Görtz-Internet-Shop. Von Guionneau, der anfangs nicht geglaubt hatte, dass man online Schuhe verkaufen kann, freut sich inzwischen über "dramatisch gute Zuwächse". In der strategischen Gesamtausrichtung entwickle sich Görtz zu einem integrierten Multichannel-Dienstleistungsunternehmen - "wir wollen und müssen mehr sein als ein Schuhhändler".

Genüsslich berichtet von Guionneau von der hohen Kunst, weibliche Kunden zufrieden zu stellen. Dass Frauen Schuhe lieben, ist kein Klischee, ihr Schuhtick ist statistisch erwiesen. Fast jede zweite deutsche Frau hat mehr als 25 Paar Schuhe, bei Popstars und Promis sind es leicht ein paar Tausend. "Wenn Frauen sagen, ich muss mir etwas Gutes tun, kaufen sie sich ein Paar Schuhe", bestätigt von Guionneau und erntet dafür aus der Runde der Manager Schmunzeln und Kopfnicken.

"Ein besonderes Phänomen, das ich natürlich mit Freude begleite, obwohl ich es, ehrlich gesagt, nicht ganz verstehe." Männer hingegen kaufen sich meist Schuhe, wenn sie welche brauchen. Daher sind nicht nur die Frauen so wichtig für die Branche, sondern auch das Wetter und der Wechsel der Jahreszeiten, denn dann werden neue Schuhe benötigt. "Der Schuhhandel ist vom Wetter genauso abhängig wie die Landwirtschaft."

Dass der 49-Jährige, der vorher Vorstandsvorsitzender des Elektronikanbieters Vivanco AG war, das Unternehmen mit Herzblut und unkonventionellen Ideen führt, wird den Mitgliedern der manager-lounge spätestens klar, als dieser ankündigt, demnächst in einem Geschäft gemeinsam mit anderen Filialleitern eine Woche lang selbst hinter der Ladentheke zu stehen und Kunden zu bedienen.

Was er nicht sofort versteht, das lässt er sich erklären oder er begibt sich zur Lehre höchstselbst an den Ort des Geschehens. Und natürlich hat er eine kleine Anekdote über seine allererste Erfahrung als Schuhverkäufer parat. "Als ich der Kundin am Ende verriet, dass sie soeben vom Geschäftsführer persönlich bedient wurde, erwiderte diese trocken: Das hat man aber auch gemerkt."

Dass angesichts solcher Erlebnisse die Mitarbeiter besondere Wertschätzung erfahren, erscheint dann nur folgerichtig. Doch von Guionneau geht noch weiter: "Wenn ein Unternehmen schlecht ist, ist der Chef schlecht, nicht die Mitarbeiter, so einfach ist das." So einen Satz muss man sich als Geschäftsführer erst einmal leisten können.

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