Leadership-Kolumne HSV steigt ab, Bayern kein Meister

Nehmen wir an, eine Fußballmannschaft sei ein Unternehmen, die Spieler sind allesamt Führungskräfte und der Trainer ist der CEO. Dann würde der HSV absteigen, der VFL Wolfsburg weiter im unteren Mittelfeld herumspielen und Bayern München nicht Deutscher Fußballmeister 2007.
Von Christian Jerusalem

Der Grund: Die jeweiligen Trainer und/oder die Zusammensetzung der Spieler passen nicht zur aktuellen Lage und nicht zu den strategischen Zielsetzungen der Vereine.

Oder, um den Zorn der genannten Vereine über diese vollmundige Wertung noch zu steigern: Die gesamte Mannschaftsaufstellung ist eine Aneinanderreihung von personellen Fehlentscheidungen und Versäumnissen – zumindest aus Perspektive eines Personalexperten, der zugegebenermaßen nie Fußballprofi war.

Nehmen wir also an, eine Fußballmannschaft sei ein Unternehmen, die Spieler sind allesamt Führungskräfte und der Trainer ist der CEO. Wie lange würde sich dann Thomas Doll auf seinem Posten halten können? Das Problem ist nicht, dass er grundsätzlich kein guter Coach ist. Das Thema ist vielmehr, dass weder sein Selbstverständnis noch seine Erfahrung der aktuellen Abstiegsgefahr gewachsen sein dürften.

Die Situation ist vergleichbar mit der eines großen Mittelständlers, der europaweit eine Spitzenstellung anstrebt und darauf seine Personalpolitik aufbaute. Die ersten Erfolge gaben dem Unternehmen Recht – bis sich herausstellte, dass es selbst auf dem Heimatmarkt kaum wettbewerbsfähig ist. Für den Existenzkampf auf dem Heimatmarkt waren jedoch weder die Mannschaft noch der Trainer eingestellt.

Zwischen strategischem Anspruch und Alltag klafft eine Riesenlücke. Identifikations- und Motivationsprobleme – gerade bei internationalen Spitzenspielern – sind vorprogrammiert. Es rächt sich, dass keine kontinuierliche und gezielte Auswahl und Entwicklung der vorhandenen Führungskräfte stattgefunden hat, um das beste Team für die neue, frühzeitig zu erkennende Situation zu halten oder zu finden.

Umgekehrt stellt sich die Lage etwa beim VFL Wolfsburg dar. Der Traum vom internationalen Fußball schimmert immer wieder durch, aber das Tabellenmittelfeld ist doch zu sehr zur Gewohnheit geworden. Oder doch nicht? Effenberg, D’Alessandro und jetzt Marcelinho – sind das nicht Namen, die immer wieder mal den Aufstieg symbolisieren sollten? Bisher hat dies nicht funktioniert.

Zeit zu investieren

Zeit zu investieren

Und es wird auch so in Zukunft nicht funktionieren. Einzelne Ausnahmespieler einzukaufen, wenn sie nicht zur Kultur und den Zielen des Unternehmens passen, ist ein zumeist teurer Irrweg.

Apropos "Wolfsburg". Gibt es da nicht einen großen Automobilbauer, der nicht auch ab und an versuchte, mit neuen Spitzenmanagern den Kultur- und Leistungswandel einzuleiten? Wolfgang Bernhard, so hieß der jüngste Versuch.

Den "Bayern", dem einzigen Großunternehmen und internationalen Player unter den Fußballvereinen, würde diese Personalstrategie dagegen entscheidend weiterhelfen. Das Thema "Führungskräfteentwicklung" scheint beim derzeitigen Personal ausgereizt zu sein. Wenngleich gerade dies ein guter und richtiger Ansatz war. Jedem Unternehmen ist nur zu raten, genau zu prüfen, mit wem und mit welchen Einstellungen oder Motiven der Spieler die Zukunftsziele zu erreichen sind.

Aber nach ein oder zwei Saisons, in denen die Marktperformance unter den Erwartungen blieb, sollte das Ergebnis langsam klar sein. Die Leistungsgrenze beim FC Bayern München scheint erreicht – von einzelnen Ausbrüchen nach oben oder unten einmal abgesehen.

Also, lieber Uli Hoeneß: Es wird Zeit zu investieren. Sonst wird es nicht nur in dieser Spielzeit nichts mit dem Dauer-Abo auf den Meistertitel. Die Frage bleibt allerdings, ob es gleich ein Ronaldinho sein muss. Dafür wäre der notwendige Kultursprung dann wohl doch zu groß.

Und wenn alles ganz anders kommt? Zum Beispiel, dass der HSV doch nicht absteigt und der FC Bayern Meister wird? Vielleicht ist es ja ganz gut, dass Personalberater nicht zwangsläufig auch Fußballexperten sein müssen. Aber auch der Blick auf die Erkenntnisse anderer Professionen würde dem Fußball gut zu Gesicht stehen.

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