"Join the best" Von Wiesloch nach Jakarta

Während in Deutschland eine heftige Debatte über die Generation Praktikum entfacht ist, bekommt der Begriff im beschaulichen Wiesloch andere Dimensionen. Zum dritten Mal organisiert MLP das internationale Praktikumsprogramm "Join the best", in das der Finanzdienstleister rund 1,5 Millionen Euro investiert. Für die Kandidaten winkt der Traum von der großen Karriere.

Wiesloch - "Das ist wie bei 'Deutschland sucht den Superstar' - und die Kandidaten, die heute dabei sind, haben es in den Recall geschafft." Der Taxifahrer, der einige der Teilnehmer des "Join-the-best"-Programms  vom Bahnhof zum Veranstaltungsort im baden-württembergischen Wiesloch fährt, erklärt das Wettbewerbsprinzip auf seine Weise: viele Bewerber, etliche Auswahlrunden. Doch während in der Fernsehshow nur ein Teilnehmer gewinnen kann, gibt es in Wiesloch 15 Sieger.

Rund 2000 Studenten haben sich für das Praktikumsprogramm beworben; in einer Vorrunde wurden knapp 240 von ihnen ausgewählt, um an einem zweitägigen Assessmentcenter teilzunehmen. Die Gewinner gehen für zwei bis sechs Monate in internationale Metropolen, um dort ein Praktikum bei einem Global Player wie Bertelsmann, MAN , SAP  oder Roland Berger zu absolvieren. Doch in den zwei Tagen werden nicht nur die ausgeschriebenen Praktika im Ausland vergeben, sondern auch zahlreiche Praktika und Diplomarbeiten im Inland. Auch hier kann sich ein Jobangebot ergeben.

Organisator und Sponsor des aufwendigen Auswahlverfahrens ist MLP . Zum dritten Mal stellt der Finanzdienstleister mit Sitz in Wiesloch den Gewinnern Flug, Unterkunft und ein Versicherungspaket zur Verfügung. MLP übernimmt für die teilnehmenden Unternehmen auch die Vorauswahl der High Potentials: In rund 100 Geschäftsstellen fand im vergangenen Herbst deutschlandweit die erste Ausscheidungsrunde statt.

Bewerben konnten sich alle deutschsprachigen Studenten im Hauptstudium. "In diesem Jahr ist das Programm zum ersten Mal auch für ausländische Hochschulen geöffnet", betont Ingo Schadwinkel, Direktor für Zielgruppenmanagement bei MLP, bei seiner Eröffnungsrede im großen Hörsaal. Die Atmosphäre ist gespannt. Der Hörsaal ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die meisten Teilnehmer tragen Jeans, was für ein Assessmentcenter eher ungewöhnlich ist. Der scheinbare Mut zur Lässigkeit hat jedoch einen Grund: In der Einladung wurde gewünscht sich für den ersten Tag "casual" zu kleiden.

Im Anschluss an die Begrüßung herrscht Hektik auf den MLP-Fluren, denn jeder Teilnehmer muss seine Unternehmensgruppe und den dazugehörigen Raum finden. Die Studenten konnten in der ersten Vorstellungsrunde im Herbst drei der teilnehmenden Konzerne wählen, bei denen sie gern ein Praktikum absolvieren würden. Die Wünsche wurden mit den Anforderungen der Unternehmen an die zu besetzende Stelle verglichen und die Bewerber einer Gruppe zugeteilt. Bei welchem Konzern sie um ein Praktikum buhlen, erfahren die Kandidaten erst in Wiesloch.

"Bitte sterben Sie nicht vor Ehrfurcht"

"Bitte sterben Sie nicht vor Ehrfurcht"

In der Allianz-Gruppe haben sich 13 Teilnehmer eingefunden. An u-förmig aufgereihten Tischen sitzen sie zusammen mit vier Vertretern des Versicherungskonzerns sowie mit zwei MLP-Mitarbeitern. Stephan Steiger von der Allianz  versucht die Anwesenden zu beruhigen: "Bitte sterben Sie nicht vor Ehrfurcht". Steiger ahnt, dass die Nervosität der Anwesenden groß ist, denn alle würden gern das Praktikum ergattern und für mindestens fünf Monate nach Jakarta in Indonesien gehen, um dort an Projekten für den Versicherungskonzern mitzuarbeiten.

Sebastian Gell, der mit im Raum sitzt, könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Doch auch er scheint nervös zu sein, denn er kann sich genau in die Teilnehmer hineinfühlen. Der 25-Jährige hat das Praktikum der Allianz im vergangenen Jahr bei "Join the best" erhalten und arbeitete von Juni bis November in Jakarta; danach reiste er einen Monat durch Indonesien. Heute steht er den Vertretern der Allianz sowie den Bewerbern unterstützend zur Seite.

"Die Erfahrungen, die ich in Jakarta gemacht habe, sind grandios", erzählt der braungebrannte Student der Wirtschaftsmathematik. "Am Anfang war ich zwar wie erschlagen vom Klima, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt." Gell arbeitete hauptsächlich im Controlling der Allianz, führte dort Kennzahlensysteme ein und setzte sie in die Praxis um.

Für die 21- bis 27-jährigen Studenten der Allianz-Gruppe ist der Weg nach Jakarta noch weit. Der erste Test, der auf sie wartet, ist eine Selbstpräsentation. Zwei Minuten lang hat jeder Zeit, um sich vorzustellen - als Hilfsmittel dienen nur Stift und Flipchart. Sich in 120 Sekunden vorzustellen, seine Stärken hervorzuheben und selbst die Schwächen in einem guten Licht dastehen zu lassen - damit hätte so manch gestandener Manager seine Probleme. Die Teilnehmer kritzeln Figuren auf das Flipchart, schreiben Neigungen und soziale Engagements auf, bringen ihr Leben in Kurzform zu Papier und ihr Publikum zum Lachen. "Die Selbstpräsentation war meine größte Sorge. Da vorn zu stehen und sein Inneres nach außen zu kehren, macht doch den wenigsten Spaß", meint einer der Teilnehmer in der Pause. Umso erstaunlicher, dass es allen so locker von der Hand zu gehen scheint.

Um die Teamfähigkeit der einzelnen Bewerber zu testen, folgt eine Gruppenübung. Die Teilnehmer sollen in einem chinesischen Unternehmen die sogenannte Work-Life-Balance etablieren - natürlich fiktiv. Wie Strategie, Inhalt und Ablauf sowie Kosten- und Nutzenrechnung für dieses Beispiel aussehen könnten, sollen die potenziellen Praktikanten innerhalb von 45 Minuten selbstständig erarbeiten. Eine kniffelige Aufgabe, denn in der kurzen Zeit müssen Gruppen gebildet, mögliche Lösungen erarbeitet und diese miteinander abgestimmt werden.

Schnelligkeitstest und "Wer bin ich?"

Schnelligkeitstest und "Wer bin ich?"

Während die Bewerber eifrig diskutieren und Tabellen malen, gehen die Mitarbeiter von Allianz  und MLP  prüfend von einer Gruppe zur anderen. Jeder Teilnehmer wird nach bestimmten Kriterien beurteilt. Wer kann sich in die Gruppe integrieren und bringt konstruktive Vorschläge ein? Wer zieht das Team mit und zeigt Führungsqualitäten? Die anfangs geordneten und aufgeräumten Tische sind jetzt übersät von Namensschildern, Papier, Stiften und Trinkflaschen. Ein Stimmengewirr schwebt im Raum, nur selten unterbrochen von der Angabe der verbleibenden Zeit.

Allianz-Mitarbeiter Ralf Hilscher ist von dem Ergebnis der Gruppenübung verblüfft. "Die Teams sind äußerst homogen. Als ich dachte, die Führungsperson erkannt zu haben, nahm plötzlich jemand anderes die Zügel in die Hand und trieb die Gruppe voran." Nach Hilschers Erfahrungen prescht fast immer jemand vor und dominiert die Gruppe, während sich andere eher zurückhalten. Dieses Mal war das nicht der Fall. "Das macht es für uns äußerst schwer, den besten Teilnehmer herauszufinden", sagt er.

Nach einem schriftlichen Test in Englisch und einem zehnminütigen Schnelligkeitstest wird der Spieß umgedreht: Die teilnehmenden Konzerne stellen sich vor. Da das Publikum im Anschluss wählen wird, welches Unternehmen sich am besten präsentiert hat, sind nun deren Vertreter einer Testsituation ausgesetzt. Zudem kommen die Konzerne mit Standardpräsentationen und Imagefilmen nicht weit, denn sie müssen eine Frage beantworten, die in der ersten Assessmentcenter-Runde von den Teilnehmern erarbeitet wurde: "Wenn Ihr Unternehmen ein Prominenter wäre, wer wäre das?" Alle sind sich einig, dass die Aufgabe eine harte Nuss war.

Die Antworten reichen von Oliver Bierhoff über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bis hin zu Madonna. Mit Rudolf Diesel als Prominentem und einer außergewöhnlichen Vorstellung wird schließlich MAN  zum Sieger der teilnehmenden Konzerne gekürt. Die Präsentation ist kurz; die Mitarbeiter des Lkw-Bauers zeigen Fantasie und schauspielerisches Talent. Am Schluss formen die vier Unternehmensvertreter das MAN-Logo und bekommen dafür stürmischen Applaus. "Hier sind 14 Firmen anwesend, die allesamt behaupten, sie seien toll - da muss man schon kreativ werden", meint Sonja Becker von MAN, die sich die Präsentation ausgedacht hat. "Wir wollen rein in die Köpfe der Studenten und zugleich zeigen, was unser Unternehmen ausmacht."

Am zweiten Tag wird vormittags bekannt gegeben, welche Teilnehmer es in die engere Auswahl für die Auslandspraktika geschafft haben. "Ich rechne es Ihnen persönlich hoch an, dass Sie sich von uns durchleuchten lassen", betont MLP-Mitarbeiter Torsten Wiesemüller. Dann verkündet er, welche vier Kandidaten der Allianz-Gruppe für Jakarta und welche sechs weiteren Bewerber für Inlandspraktika infrage kommen.

"Wie auf einer Tupperparty"

"Wie auf einer Tupperparty"

Denjenigen, die nicht unter den vier Finalisten sind, steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Auf die Teilnehmer, die es fast nach Indonesien geschafft haben, wartet nun ein persönliches Bewerbungsgespräch mit den Vertretern der Allianz . Einer von ihnen ist Daniel Schmidt. "Ich hatte schon vorher einige Interviews. Man kann sich doch nie hundertprozentig darauf vorbereiten", sagt der 23-jährige VWL-Student.

Unterdessen herrscht am Haupteingang des MLP-Gebäudes schon reges Treiben: Die Firmenkontaktmesse hat begonnen. Für diejenigen, die keines der begehrten Praktika im Ausland ergattern konnten, bietet die Messe eine zweite Chance. Jeder Teilnehmer hat einen grünen Zettel mit seinem Lebenslauf bekommen, den er bei einem Unternehmen seiner Wahl abgeben kann. Es folgt ein sogenanntes Powerdating: Innerhalb von 20 bis 30 Minuten werden die Bewerber in persönlichen Interviews abermals geprüft, befragt und verglichen. So werden weitere Praktika innerhalb Deutschlands vergeben.

Während sich die Powerdater ein letztes Mal bei ihren Bewerbungsgesprächen ins Zeug legen, löst sich bei den Wartenden die Anspannung. Einige Teilnehmer nutzen die freie Zeit und nehmen an Seminaren teil, beispielsweise zum Thema Gehaltsanalyse. Viele sind allerdings einfach nur müde und sitzen mit geschlossenen Augen auf den Sitzbänken der Kantine.

In dieser gelösten Situation sind auch schon einmal kritische Stimmen zu hören. "Überall wird nur davon geredet, sich Netzwerke aufzubauen. Man könnte fast meinen, wir sind auf einer Tupperparty", scherzt ein Student.

Tatsächlich sind Begriffe wie Networking oder Win-Win-Situation bei den Veranstaltungen im Hörsaal oder als Gesprächsfetzen auf den Gängen häufig zu hören. Doch die Meinung der Teilnehmer ist einstimmig: Man lernt viel über sich selbst und wie man in Stresssituationen reagiert. Der Druck von außen schweißt die Teilnehmer zusammen; überall werden Adressen und Telefonnummern ausgetauscht.

Unter den vier Finalisten der Allianz steigt die Spannung, denn zwei von ihnen werden von den Unternehmensvertretern erneut zu einem Gespräch gebeten. Das lässt die anderen beiden nachdenklich zurück: Ist das ein gutes Zeichen? Oder sind wir aus dem Rennen? Am Abend wird das Rätsel mit der Bekanntgabe der Gewinner endlich gelöst. Bei einer feierlichen Zeremonie werden die Stipendiaten ausgelobt und bekommen von MLP-Direktor Schadwinkel eine Urkunde überreicht.

Für die Allianz geht Daniel Schmidt nach Jakarta. "Ich bin total glücklich, habe das alles aber noch gar nicht richtig realisiert. Am liebsten würde ich es gleich meiner Familie erzählen", meint der Student aus Münster im Anschluss an die Verleihung. Am Abend wolle er erstmal richtig feiern. Als sich die Gewinner kurz darauf für ein Siegerfoto versammeln, ist Schmidt verschwunden, um mit seinen Eltern zu telefonieren. In diesem Moment ist die Familie wichtiger als die Karriere.

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