Bertelsmann Wachwechsel in Gütersloh

Hartmut Ostrowski wird neuer Bertelsmann-Chef. Auf ihn warten große Aufgaben: Denn ein Jahr vor dem Führungswechsel sucht der Medienmulti aus Gütersloh nach einem neuen strategischen Konzept. Auch ein Konzernumbau gilt nicht mehr als ausgeschlossen.
Von Klaus Boldt

Am Ende ging alles ganz schnell: Der Personalausschuss tagte, dann der Aufsichtsrat, und Stunden später war Hartmut Ostrowski (48) neuer Bertelsmann-Chef. Dienstbeginn ist der 1. Januar 2008.

Ostrowski ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Bereits seit 2002 leitet er als Nachfolger von Konzernchef Gunter Thielen (64) als Arvato-Vorstandsvorsitzender einen der umsatz- und gewinnstärksten Bertelsmann-Konzernbereiche.

Arvato bietet seinen Kunden einen bunten Strauß an Dienstleistungen, angefangen beim Zeitschriftendruck und der Herstellung von CDs und DVDs bis zum Daten- oder Forderungsmanagement und der Warendistribution. Damit ist die Sparte zwar nicht so glamourös wie etwa die Fernsehtochter RTL, doch erwirtschaftet der Bereich immerhin 4,4 Milliarden Euro Umsatz und ist nach RTL der zweitwichtigste Gewinnbringer im Konzern.

Nachfolger von Hartmut Ostrowski als Arvato-Chef und Vorstandsmitglied der Bertelsmann AG wird zur gleichen Zeit Rolf Buch (41), derzeit Vorsitzender der Geschäftsführung Arvato Direct Services.

Der Entscheidung war ein zähes Ringen vorausgegangen. Am Ende waren Ostrowski und Ewald Walgenbach, der Leiter der Bertelsmann-Direct-Group, als Titelaspiranten übrig geblieben. Als aber am 18. Januar die Deputierten des Personalausschusses nominierend zusammentrafen, hatte man sich dem Vernehmen nach bereits entschieden: Das Gremium, bestehend aus Stammesfürstin und Miteigentümerin Liz Mohn (65), ihrem Aufsichtsratschef Dieter Vogel (65), dessen Stellvertreter Jürgen Strube (67) und Joachim Milberg (63) votierte für Ostrowski. Am 22. Januar stellt Thielen seinen Nachfolger auf einem Managementtreffen in Berlin vor.

Thielen wird mit Wirkung zum 1. Januar 2008 in den Aufsichtsrat wechseln und soll dort zum Vorsitzenden gewählt werden. Dies hat die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Vogel wird nach 20-jähriger Arbeit im Aufsichtsrat sein Amt niederlegen. Er bleibt Gesellschafter der BVG.

"Ich bin ein sehr zufriedener Mensch"

"Ich bin ein sehr zufriedener Mensch"

Ostrowski leitete bisher die Druck- und Servicesparte Arvato unter allgemeinem Beifall. "Ich bin ein sehr zufriedener Mensch", gab Ostrowski vor seiner Wahl bekannt, "und habe sicherlich schon schlechtere Phasen in meinem Leben gehabt."

"Nachfolger von Gunter Thielen", meinte Ostrowski weiter, "könnte jeder der jetzigen Bertelsmann-Vorstände werden, der über ausreichende Konzernerfahrung verfügt." "Wir haben eine Liste aufgestellt mit etwa 20 verschiedenen Eigenschaften, die mein Nachfolger haben muss", verriet Thielen selbst. "Dazu gehören Sozialkompetenz, ein Gespür für Marktveränderungen, Stressstabilität, aber auch das persönliche Auftreten."

Selbiges spielt in Sonderheit für Liz Mohn eine Rolle. Die Gattin des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn (85) schätzt Menschen, die sie schätzen. Und noch mehr solche, die sie noch mehr schätzen. Viele im Hause verbringen ihre Zeit damit, vorauszuspüren, was die Haustitanin als Nächstes wünschen könnte, um ihr diesen Wunsch möglichst rasch erfüllen zu können.

Tatsächlich fanden Mohn und Thielen warme Worte anlässlich der Berufung Ostrowskis: "Hartmut Ostrowski steht für exzellentes Unternehmertum, für wirtschaftlichen Erfolg, und nicht zuletzt repräsentiert er mit seinem partnerschaftlichen Führungsstil die bewährte Bertelsmann-Unternehmenskultur. Er hat entschlossen unternehmerische Freiräume genutzt und dabei stets ein Höchstmaß an Kreativität und strategischem Weitblick unter Beweis gestellt", hieß es zu seiner Ernennung.

Ostrowski ("Ich habe vermieden, Eigenwerbung für mich zu betreiben") führte seinen Wahlkampf in Bescheidenheitsmodus-Extremstufe; er suchte durch Zurückhaltung zu gefallen. Was nicht nötig war: Denn er leistet gute, harte Arbeit und verfügt, glühend verehrt von Konzernbetriebsrat Erich Ruppik, über großen Anhang.

Europas größtes Medienhaus stand freilich nicht nur vor der Frage, wer es künftig führt, sondern steht vor der viel grundsätzlicheren Frage nach dem Wohin. Mit der kurzen Ära Thielens, einer Phase besonnenen Wachstums, gehen die Zeiten halbwegs gesicherter Medienerkenntnisse zu Ende. Nicht ausgeschlossen, dass Ostrowski umfangreiche Umbaumaßnahmen vornehmen muss.

Am Tropf der RTL Group

Am Tropf der RTL Group

Bertelsmann befindet sich in einem sonderbaren Zustand: Auf den ersten Blick wirkt alles ganz famos und angebracht, auf den zweiten Blick indes doch nur noch sehr verhältnismäßig. Gewiss, der Konzernumsatz klettert in diesem Jahr um knapp 10 Prozent auf rund 19,7 (Vorjahr: 17,9) Milliarden Euro. Doch das Wachstum speist sich größtenteils aus Übernahmen: Nur 3 Prozent schaffen die Westfalen aus eigener Kraft.

Die Umsatzrendite wird den Rekord von 9,2 Prozent (1985/86) zwar brechen. "Dieses Ergebnis", sagt Thielen, "ist umso höher zu bewerten, als wir auch im Handel aktiv sind, etwa im Buchclubgeschäft, wo man höchstens 5 Prozent erzielen kann." Doch hatte er 10 Prozent bereits für Ende 2005 avisiert.

Vor allem aber ist das Gleichgewicht gestört: Bertelsmann hängt am Tropf der RTL Group, die der frühere Konzernchef Middelhoff mit den Milliarden aus dem AOL-Verkauf und der Bertelsmann-Beteiligung des belgischen Finanzinvestors Albert Frère aufgebaut hatte. Im vergangenen Jahr betrug der RTL-Anteil am operativen Konzerngewinn 47 Prozent. Im ersten Halbjahr 2006 stieg er auf festliche 67 Prozent.

Gruner + Jahr und Arvato dagegen verbuchten in den ersten sechs Monaten Gewinnrückgänge von 12 beziehungsweise 4 Prozent, die Beteiligung Sony BMG gar von unschönen 96 Prozent. Finanzchef Thomas Rabe möchte das schwierige Musikgeschäft rasch abschütteln. Doch das ist nicht möglich, solange die Fusion von Sony und BMG von der EU-Wettbewerbsbehörde geprüft wird.

Statt in dieser Situation geschickte Diplomatie obwalten zu lassen, suchte Rabe bei einer Telefonkonferenz, an der Gunter Thielen und Sony-CEO Howard Stringer teilnahmen, quasi unter einladenden Gesten um Schwierigkeiten nach: Er ereiferte sich über angeblich getürkte Marktanteilszahlen und zürnte über "fictitious figures". Die Japaner, die es schätzen, wenn sich jemand im Griff hat, wunderten sich noch Wochen später, warum Thielen seinen Kämmerer nicht zur Ordnung gerufen hatte.

Insgesamt gesehen, nähern sich die Gewinnpotenziale der Geschäftsbereiche jenem Zustand, den Betriebswirte als ausgeschöpft, ein Vorstand aber als "praktisch oben an der Decke" bezeichnet. Jüngsten Ermittlungen von Boston Consulting zufolge kann Bertelsmann in nennenswertem Umfang eigentlich nur durch Zukäufe wachsen. Doch dafür steht wenig Geld zur Verfügung.

Denn auf einen Wink der Mohns hin hatte Bertelsmann im Mai den einflusslosen 25-Prozent-Anteil seines Aktionärs Albert Frère zurückerobert, um den Einfluss der Familie zu wahren, den ihr niemand streitig machen konnte, aber auch, um die Unternehmenskultur zu sichern, die von niemandem bedroht war. Auch sollte ein Börsengang verhindert werden, der aus eben jenen Gründen mangels Attraktivität womöglich nicht einmal stattgefunden hätte. Der Aktionspreis: 4,5 Milliarden Euro.

Angriff nach Heuschreckenart

Angriff nach Heuschreckenart

Ein hochrangiger Manager kann es immer noch nicht fassen: "Leute wie Mark Wössner" (der ehemalige Vorstandschef) "hätten Mohn diesen Quatsch in einer halben Stunde ausgeredet." Das mag übertrieben sein. Eine gute Stunde hätte es wohl gedauert.

Ein Frankfurter Investmentbanker sagt: "Es ist strategischer Unfug, für die Aufrechterhaltung des Status quo 4,5 Milliarden Euro zu bezahlen, erst recht angesichts der schwierigen Lage, in der sich die Medienindustrie heute befindet." Bertelsmann hätte an die Börse gehen, 5 Prozent sofort und den Rest irgendwann bei günstigem Kurs zurückkaufen können - "wenn es denn unbedingt sein müsste".

Niemand hätte Einspruch erhoben, wenn sich die Mohns ihre Wünsche mit eigenem Geld erfüllt hätten. Doch sie setzten den Angriff nach Heuschreckenart in Szene: Bertelsmann muss seine Übernahme selbst finanzieren.

Rabe, der einen Schuldenberg von 8,9 Milliarden Euro abtragen muss, zeigte eine reife Leistung, sicherte das Kreditrating, platzierte zwei mehrfach überzeichnete Anleihen mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden Euro "zu sehr guten Konditionen" (Rabe), und er verkaufte das Musikarchiv BMG Publishing für 1,63 Milliarden Euro an Weltmarktführer Vivendi/Universal. Dies allerdings löste nicht überall Begeisterung aus. "We are fed up with Bertelsmann", gewittert ein Sony-Manager: Rabe habe das Gedächtnis der Musikfirma an den direkten Wettbewerber verkauft: Die Weltmarktführerschaft, stöhnt er, sei "lost, forever".

Bis zur Amtsübergabe an seinen Nachfolger, lautet die Planung, werde Bertelsmann die firmeninterne Schuldengrenze (das 2,3-Fache des operativen Gewinns) wieder erreichen. Ein ehrgeiziges Ziel. Aus den laufenden Einnahmen lässt sich der Restbetrag nur bei sehr gutem Geschäftsgang bestreiten. "Das ist auf spitz gerechnet", sagt ein Bertelsmann-Aufsichtsrat. Große Sprünge sind nun nicht mehr drin.

Weltmarktführer Time Warner ist mit einem Umsatz von 35 Milliarden Euro inzwischen doppelt so groß und mit einer Marktkapitalisierung von 61 Milliarden Euro fast viermal so viel wert wie der Branchenprimus von 1986/87.

Die Internetökonomie hat zu Verwerfungen im Medienmarkt geführt, die technischen Herausforderungen der digitalen Welt sind groß, der Kapitalbedarf ist immens. Immer häufiger konkurriert der Familienbetrieb mit Kabelgesellschaften und Telekommunikationsfirmen oder Finanzinvestoren.

Strategisches Klein-Klein

Strategisches Klein-Klein

"Ab 2008 können wir pro Jahr über eine Milliarde Euro in Zukäufe investieren", sagt Thielen. Doch für diesen Betrag bekommt man nicht einmal mehr ein Sechstel des britischen Senders ITV, an dessen Übernahme RTL interessiert ist - als Juniorpartner von Finanzinvestoren.

Konzerne wie Reed Elsevier oder VNU finden ihr Auskommen längst jenseits des Showgeschäfts mit Fachverlagen. Ein Weg auch für Bertelsmann? Jahrzehntelang wurden die Gütersloher Geschäfte von einer großen Idee getragen: von den Buchclubs, von Gruner + Jahr, heute von RTL. Und morgen?

Philosophischen Erwägungen über Geschäftsfelder der Zukunft widmete sich Thielen während seiner Regierungsgeschäfte nur selten. Heute fehlt dem Haus die konzeptionelle und strategische Perspektive: Und so mischt der akute Geldmangel dem Gefühl der Expansionslust jenes der Ohnmacht bei.

Seit Jahren schon betreibt Bertelsmann ein strategisches Klein-Klein. Als Thielen seinen Dienst antrat, musste er die drei Milliarden Dollar teure Übernahme von Zomba Records bewältigen, später die Folgen der Medienkrise, nun den auch gegen seinen Willen betriebenen Rückkauf der Frère-Anteile.

Er habe sein "ganzes Berufsleben mit Limitationen gearbeitet", sagt Thielen, und betrachte es fast als "Glück", wenn "man als Unternehmer nicht zu viel Geld hat: Man denkt dann länger nach". Das Längernachdenken hat dazu geführt, dass der hyperaktive Oberfinanzrat Rabe auf einer Vorstandssitzung am 31. Oktober erstmals Gedanken für einen großen Konzernumbau vortrug.

Seine Erwägungen betrafen ein Engagement im Markt der Lehrbuch- und Wissenschaftsverlage. Auch die Namen möglicher Akquisitionsziele fielen: der US-Verlag Houghton Mifflin, der freilich inzwischen den Besitzer wechselte, und die Thomson Corporation (Umsatz: 8,7 Milliarden Dollar), deren Börsenwert über 20 Milliarden Euro beträgt und die nur als Objekt der Beteiligung infrage kommt. Thomson verkauft Informationsdienstleistungen, Softwareanwendungen und Verlagsobjekte in den Sparten Recht, Finanzen, Wissenschaft. Auch eine mögliche Investitionssumme wurde genannt: acht Milliarden Euro.

Unausgesprochen blieb, wie ein Betrag dieser Größe aufgebracht werden soll. "Aber es war allen klar", sagt ein Vorstand, "dass Geschäfte verkauft werden müssten, die unter Strukturproblemen leiden: Musik, Buchclubs und der Verlag Gruner + Jahr."

Doch spätestens seit der Zwangsübernahme der Frère-Beteiligung steht die Bertelsmann-Direktion vor der Frage, wie kraftvoll sie die Interessen des Unternehmens gegen jene seiner Eigentümer behaupten kann. Die Paradoxie, die sich hinter der Idee eines dezentral organisierten Familienbetriebs verbirgt, offenbart sich immer dann, wenn das empfindliche Zusammenspiel Familie-AG-Geschäftsbereiche gestört wird.

Die Machtgelüste des Finanzvorstands

Die Machtgelüste des Finanzvorstands

Mitte Oktober ("Stand 17.10.06") hatte Finanzvorstand Rabe im Zwange irgendeiner Umnebelung die Rolle der von ihm geleiteten Hauptverwaltung ("Corporate Center") neu definiert und seinen Entwurf einer Vorstandsrichtlinie verteilt. Im Kollegium erregte das zweiseitige, naiv-spritzige Papier allgemeines Entsetzen. Widerstand hat sich gegen den immer forscher auftretenden Rabe bereits formiert, weil dieser nicht mehr nur Beteiligungen, sondern auch 100-prozentige Tochterfirmen von Prüfungsausschüssen filzen lassen will.

Diesmal ging er weiter: Der Entwurf, der auch durch seine würdevolle Sprache nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, formuliert einen Machtanspruch, wie man ihn aus Politbüros kennt. In kühlen Worten bringt Rabe zum Vorschlag, dass der Konzernvorstand seine Aufgaben künftig durch ihn wahrnehmen möge: Die "Informations- und Mitwirkungsrechte sowie die Steuerung von Koordinationsausschüssen überträgt er (der Vorstand) auf das Corporate Center".

Im Kommandeurston geht es weiter: "Das Corporate Center übt die Konzernsteuerungsaufgaben durch die Kompetenzbereiche Controlling & Strategie, Mergers & Acquisitions, Konzernentwicklung, Technologie, Finanzen, Bilanzen, Revision, Personal, Recht und Kommunikation aus." Von Abstimmung und Dezentralität ist keine Rede mehr.

Auch für Akquisitionen und strategische Leitlinien fühlt sich Rabe zuständig. "Aufgrund der Koordinations- und Kooperationspflicht" sollten Vorstände zudem begründen müssen, wenn sie einen Rabe-Service nicht nutzen wollen. Thielen hatte seinen Finanzchef ungebremst gegen die Wand fahren lassen.

Am 27. Oktober brachte RTL-Chef Zeiler in einer vertraulichen Depesche ("Lieber Thomas") die Bedenken des Vorstandsensembles zu kräftigem Ausbruch, erschrocken vor so viel Unsinn, der in Kraft treten könnte. Zeilers Kritik war herzlich, aber vernichtend: Rabes Entwurf setze sich "von unseren Grundprinzipien" ab, das Corporate Center erteile sich "quasi eine Generalbevollmächtigung".

"Es sollte kein Zweifel daran aufkommen", erinnerte Zeiler den möglicherweise verwirrten Rabe, "dass die unternehmerische Führung der Geschäfte beim Management in den Unternehmensbereichen und Profitcentern liegt. So verstehe ich das Prinzip der Dezentralität, das bisher stets erklärte Basis der Unternehmenskultur war." Rabes Initiative stotterte und ging ganz aus.

Doch der Vorstoß zeigt, wie stark die Kräfte sind, die an dem dezentralen Wunderwerk Bertelsmann zerren. Auf Thielens Nachfolger Ostrowski warten harte Zeiten. Einen Trostposten, sagt Thielen, wird es nicht geben. "Die Position eines stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden ist derzeit nicht angedacht."

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