Gründer-Kolumne Web 3.0 in den Startlöchern

Neue Technologien ermöglichten in den vergangenen Jahren eine wahre Explosion an Web-2.0-Angeboten. Inzwischen haben Nutzer jedoch zunehmend weniger Lust, sich in den Informations- und Angebotswüsten zurechtzufinden. Die Nachfolgeversion stellt daher die Bedürfnisse der Kunden in den Mittelpunkt: Aus E-Business wird (M)E-Business.
Von Tobias Kollmann

Über viele Jahre hinweg wurde das Internet als Technologie erlebt, die es erlaubt, Daten, Informationen oder Medien zu publizieren und zu verteilen. Die Rollenverteilung der beteiligten Personen war zweiteilig: Zum einen gab es aktive Ersteller von Webinhalten, die - teils kommerziell, teils privat - Informationen einstellten und publizierten. Zum anderen gab es passive Konsumenten, die sich lediglich die bereitgestellten Inhalte ansahen und auch gar keine andere Option hatten, als die Informationen zu empfangen und zu konsumieren.

Ohne dass man es an einer bestimmten Technologie oder einem einzelnen Ereignis festmachen konnte, hat sich seit 2005 das Gefühl verbreitet, dass sich eine wesentliche Veränderung anbahnte, wie das Netz gesehen und genutzt werden sollte. Das Web 2.0 war geboren.

Wenn man sich die einschlägigen Web-2.0-Plattformen wie Xing, StudiVZ oder YouTube anschaut, geht es stets um die Beiträge vieler Menschen. Der Communitygedanke steht ganz klar im Vordergrund und bildet nicht zuletzt die Basis vieler neuer Onlinegeschäftsideen, an die vor einigen Jahren noch nicht zu denken war.

Kontakt zum Kunden für wenig Geld

Aber das Web 2.0 bietet noch mehr: Mit Techniken wie Weblogs können Unternehmen jeder Art in einen Dialog mit ihren Kunden treten und ihren Internetauftritt bereichern – auch wenn die eigene Kasse nur wenig Geld für Marketing und Webangebot bereithält. Wer das Web 2.0 zur Kommunikation mit dem Kunden einsetzt, kann die gleichen Erfolge erzielen wie Mitbewerber, denen große Marketingbudgets zur Verfügung stehen.

Ähnlich verhält es sich mit Mash-ups, also der Einbindung externer Webanwendungen in die eigene Website. Diese bereichern viele Unternehmen beispielsweise durch die Integration von Google-Maps – ohne dass dabei hohe Entwicklungskosten zum Tragen kommen.

Das Web und die damit in Verbindung stehende Geschäftswelt hat mittlerweile eine neue Stufe der Entwicklung erreicht, so viel ist sicher. Doch wir sind noch lange nicht am Ende. Nach einem Web 2.0 kommt sicher auch ein Web 3.0 – die Innovationszyklen in den neuen Branchen werden auch weiterhin die Umsetzung neuer Geschäftsideen ermöglichen. Aber wie sieht es aus, das Web der Zukunft?

Undurchsichtige Informationsflut

Undurchsichtige Informationsflut

Das aktuelle Web ist – einfach betrachtet – in erster Linie eine Sammlung von Informationen, die von unterschiedlichen Organisationen beziehungsweise Unternehmen und (mit dem Einzug von Web-2.0-Konzepten) verstärkt auch von Privatpersonen veröffentlicht werden. Die große Menge verschiedenartiger Informationen ist allerdings Fluch und Segen zugleich: Es ist nämlich gerade die Vielfalt an verfügbarem Material, die das Finden der gewünschten Informationen beziehungsweise des gewünschten Produktangebotes letztendlich erschwert – die sprichwörtliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Das Resultat der unkontrollierten Entwicklung des Webs ist eine Informationslandschaft, in der Informationen in vielen unterschiedlichen Formaten und nur wenig strukturiert vorliegen.

Freilich gibt es (Preis-)Suchmaschinen und elektronische Marktplätze. Dieses erlauben meist aber lediglich das Auffinden von Informationen, die gesuchte Zeichenketten enthalten beziehungsweise vom Urheber in einem geeigneten Format bereitgestellt werden – die wirkliche Bedeutung von Informationen bleibt Suchmaschinen und elektronischen Marktplätzen aber verschlossen und kann daher nicht zur Suche verwendet werden.

Es ist zumeist dem Benutzer beziehungsweise Produktnachfrager überlassen, Informationen zu interpretieren, zu abstrahieren, zu vergleichen, zu bewerten und Schlüsse daraus zu ziehen. Angesichts der steigenden Informationsflut fällt es dem einzelnen Benutzer aber zunehmend schwerer, dies zu leisten. Es kann immer öfter beobachtet werden, dass der Nachfrager wenig Lust hat, sich in den Angebotswüsten im Internet zurechtzufinden.

Intelligente Suche mithilfe der Semantik

Im Rahmen des sogenannten Semantic Web werden aktuell Konzepte erforscht sowie Standards und Technologien entwickelt, die dabei helfen, die Interpretation, Aggregation, Bewertung und den Vergleich von Informationen im Internet zu automatisieren. Ein Austausch von Informationen zwischen verschiedenen Webplattformen soll damit ohne Verlust von semantischer Information (Bedeutung) möglich sein. Die Informationen sind dann auch für die Plattformen interpretierbar, für die die Informationen ursprünglich nicht generiert wurden – zum Beispiel also für Suchmaschinen und Marktplätze.

Nutzer werden im Web der Zukunft Anfragen über semantische Konzepte stellen und in Wissensbeständen navigieren können. Kontextadaptive Webanwendungen werden "intelligent" auf die jeweilige Situation reagieren, in der der Nutzer sich gerade befindet, um gezielt Informationen anzubieten, die seine aktuelle Bedürfnislage befriedigen beziehungsweise in der aktuellen Situation von Nutzen sein können.

Die Vision eines intelligenten Internets ist allgegenwärtig. Trotzdem wird es noch einige Zeit dauern, bis die entsprechenden Technologien und darauf aufbauenden Geschäftsmodelle damit beginnen, das Web wirklich zu revolutionieren und erste Lichtungen in den Informationsdschungel schlagen. Was aber wird in der Zwischenzeit geschehen?

Die Antwort liegt fast auf der Hand: Unternehmer sollten sich die offensichtliche Not der Nachfrager zur Tugend machen und den Kunden mit seinem individuellen (Informations-)Bedürfnis in den Mittelpunkt der eigenen Geschäftsidee rücken. Und damit ist nicht nur die reine Personalisierung bereits bestehender Webangebote gemeint – denn diese erwartet der Kunde laut aktueller Studien ohnehin. Gemeint ist hier vielmehr der mögliche Wechsel von einem Angebots- zum Nachfragermarkt – aus E-Business wird (M)E-Business! Das Web 3.0?

Me- statt E-Business

Me- statt E-Business

Der Internetforscher Andreas Weigend hat diesen Begriff ins Spiel gebracht. Während er aus seiner Sicht aber den sozialen Aspekt der Vernetzung in den Vordergrund stellte, kann der Begriff aus meiner Sicht auch eine kommerzielle Perspektive öffnen. Die "pauschale" Informations- und Angebotsflut in den Datenbanken macht es dem Nachfrager nämlich oftmals unmöglich, ein dem individuellen Bedürfnis entsprechendes Angebot zu finden.

Es ist daher das Bedürfnis selbst ("me"), welches es elektronisch zu erfassen und zu befriedigen gilt. Der Kunde möchte nicht lange und erfolglos auf verschiedenen Plattformen nach dem passenden Objekt suchen, er möchte direkt ein persönlich auf ihn zugeschnittenes Angebot haben.

Es wird also in Zukunft zunehmend wichtig sein, über Requestsysteme zur Erfassung der Nachfrage noch näher am Kunden zu sein. Der Erste, der das Bedürfnis des Kunden kennt, kann auch ein Angebot unterbreiten. Frei nach dem Sprichwort: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berg kommen.

Man darf gespannt sein, welche neuen Konzepte hier am Markt zu beobachten sein werden, die dann auch Grundlage von neuen Unternehmen sein könnten. Dabei konnten in der Vergangenheit durchaus schon einige Requestsysteme am Markt beobachtet werden. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif für ein Comeback.

Ein aktuelles Beispiel aus der Welt des (M)E-Business ist die Internetseite Askerus: Ein innovatives Nachfragerportal für Urlaubssuchende, das von zwei Studenten der Universität Duisburg-Essen entwickelt wurde. Auch in Bezug auf die Suche und Buchung von Reisen im Internet trifft das Sprichwort "Wer sucht, der findet" nämlich weitgehend nicht mehr zu.

Individuell zugeschnittene Angebote

Hauptursache dafür ist die pauschale Angebotsflut, die es Reisewilligen aufgrund von Zeitaufwand und Reizüberflutung oftmals unmöglich macht, das passende Angebot zu finden. Und ebenso resultiert aus dieser "Angebotsschwemme" auch für die Anbieter ein Weniger an "Wiedererkennungswert" – denn sie werden mitunter schlichtweg übersehen.

Bei Askerus rückt die Beratungsleistung wieder in den Vordergrund. Der Reisewillige kann über die spezielle Suchwunscherfassung detaillierte und individuelle Reise- und Urlaubswünsche ins Internet stellen und sich dann von assoziierten Reisebüros beziehungsweise Reisevermittlern bis zu 15 persönliche Angebote zusenden lassen. Damit rückt der "König Kunde" wieder in den Mittelpunkt, der das Web der Zukunft nutzt, um seine Bedürfnisse aktiv zu kommunizieren. Inwieweit dieses Konzept vom Markt angenommen wird, bleibt natürlich noch abzuwarten.

Unabhängig davon, mit welchen Ansätzen man auf Angebots- und Nachfragerseite versuchen wird, die im Web vorherrschende Informationsflut in den Griff zu bekommen, ist eines sicher: Das Web der Zukunft bietet einen fast unendlichen Spielraum für innovative Geschäftsideen, bei denen der individuelle Nutzer mehr denn je im Mittelpunkt stehen wird!

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