Gründertagebuch Tour de Bürokratie

Die beiden Gründer Bernd Maile und Werner Jülicher benötigen für ihr geplantes Comedyportal JumTV finanzielle Unterstützung. Hilfe erhoffen sie sich vom Staat, doch damit beginnt eine ungeahnt bürokratische Tortur - begleitet von Kaffee und Unmengen von Keksen.

Köln - Ganz Europa wird subventioniert. Ganz Europa? Eine von unbeugsamen Gründern bevölkerte Branche kämpft vergeblich um staatliche Unterstützung. Und mitten drin waren wir: zwei mutige Kreative mit der Idee für ein Internetportal.

Um uns herum eine Vielzahl großer Festungen, in denen Ämter sitzen, die kein Geld herausrücken. Trotzdem machen wir uns auf den Weg durch die Institutionen. Wir brauchen wenigstens 40.000 Euro, um eine stabile Gründung auf den Weg zu bringen. Aber: Wir befinden uns im Jahr sechs nach dem großen New-Economy-Crash.

Erste Etappe: Landesregierung Nordrhein-Westfalen

Im bürokratischen Hochsicherheitstrakt der Landesregierung Nordrhein-Westfalen herrscht große Aufregung. Jülicher und Maile, zwei Fernsehautoren, haben es über Beziehungen geschafft, einen Termin zu bekommen. Sie wollen bestimmt an die dicken Geldtöpfe. Es müssen sofort viel Kaffee und Unmengen von Keksen aufgetrieben werden, um sie abzulenken.

Nach diversen Sicherheitsschleusen gelangen wir endlich zum vermeintlichen Glücksbringer. Nachdem wir unsere Idee vorgestellt haben, ernten wir viel Lob und Verständnis für unsere Gründeridee. Dann reden wir eine Stunde über leere Geldtöpfe, unfähige Ex-Landesregierungen und nicht mehr existente Förderprojekte. Wenig Hilfe. Ach doch – wir bekommen die Telefonnummer der NRW Bank, die sogenannte Bürgschaftskredite vergibt. Vielen Dank für den Kaffee und die Unmengen von Keksen – mir ist ganz schlecht. Aber nicht von den Keksen.

Zweite Etappe: Anruf bei der NRW Bank

Keine Kekse – keine Hilfe. Ich will meine Hausbank nicht wechseln. Die waren eigentlich immer ganz lieb zu mir. Und es muss doch was anderes geben als Kredite. "Versuchen Sie es doch mal bei Ihrer Heimatstadt." Ja klar, Köln. Die Stadt mit Herz und Frohsinn. Da sind wir genau richtig mit unserem Comedyportal JumTV .

Kölner Namen ohne Wirkung

Dritte Etappe: Treffen mit Beauftragten der Stadt Köln

Auf neutralem Boden mit viel Kaffee und Unmengen von Keksen stellen wir wieder unsere Idee vor. Die Begeisterung ist groß, aber gleichzeitig erhebt man Bedenken wegen der neuen Web-2.0-Internetblase. Wir erklären, dass wir nicht zum Web 2.0 gehören, da wir professionelle Inhalte produzieren.

Das ist natürlich etwas anderes, erwidern die Herrschaften – dann können wir ja eine Stunde über leere Geldtöpfe, unfähige Ex-Landesregierungen und nicht mehr existente Förderprojekte reden. Immerhin gibt es noch ein paar Telefonnummern und Ansprechpartner, die uns auf jeden Fall weiterhelfen sollen. "Und denken Sie an das AV-Gründerzentrum. Da müssen Sie sich unbedingt um ein Gründerstipendium bewerben. Wir kennen die. Das haben Sie so gut wie sicher!"

Echt? Super! Vielen Dank, so verabschieden wir uns von den städtischen Herren und machen uns an die Arbeit. Wir rufen überall an – bei Dienstleistern, Studios, möglichen Sponsoren - und immer, wenn wir die Namen der besagten Herren nennen, kommen wir nicht weiter und werden abgewimmelt.

Managementsystem für 100.000 Euro

Nur einer lädt uns ein. Bei viel Kaffee und Unmengen von Keksen möchte er uns sein Managementsystem verkaufen – für schlappe 100.000 Euro. Darunter haben Sie standardtechnisch keine Chance, so schließt er seine Verkaufsshow ab.

Beim Gründerzentrum haben wir uns unter Tränen und Schweiß natürlich auch beworben und auf den allerletzten Drücker die Unterlagen eingereicht. Die unfreundliche Dame bei der Information hat ihren Unmut darüber bestimmt an die Jury weitergegeben. Die uns tatsächlich ohne weitere Begründung abgelehnt hat.

Endlich Zuschüsse, aber erst nach der Gründung!

Vierte Etappe: Gründertage in Köln

Hier muss es einfach Fördermittel geben. Viele rotwangige Menschen mit Dollar-Zeichen in den Augen stehen an Bistrotischen und sind ganz wild danach, unbekannten Gründern Geld in den Rachen zu schmeißen.

Pustekuchen. Die suchen alle selber nach Geld. Denn erst wenn sie Start-ups oder Unternehmen finden, die sich in irgendwelchen Gründer- oder Medienzentren niederlassen, fließen Fördermittel, Mietzuschüsse und so weiter.

Das ist interessant. Womit soll ich mich denn niederlassen? Was war noch mal zuerst da – das Huhn oder das Ei? Trotzdem gelingt es jemandem, uns neugierig zu machen. Der Mann ist so nett und zuvorkommend, dass wir gar nicht anders konnten, als einen Termin mit ihm auszumachen. Er sitzt mit seinem Büro bereits in einem neuen Gründerzentrum, nicht weit von Köln, wo sich demnächst hochinteressante Firmen und branchennahe Dienstleister ansiedeln werden. Also nichts wie hin.

Wir fahren also und fahren und fahren, und dann stehen wir fern jeglicher Zivilisation vor einem riesigen Elektrizitätswerk mit Hochspannungsleitungen und einem merkwürdigen Summen in der Luft. Wer glaubt, Elektrosmog sei eine Erfindung der Solarindustrie war noch nie an diesem trostlosen Ort im Südwesten Kölns. Wir konnten nur falsch sein. Hier gab es kein Gründerzentrum – hier gab es nur Krebs.

Kaffee, Kekse, und endlich ein paar Tipps

Schließlich haben wir den netten Mann doch noch gefunden. Er saß in einem Flachbungalow aus den 70er Jahren, der hinter dem großen Elektrizitätswerk neben einer Art Luftschutzbunker erbaut worden ist. Warum, ist mir rätselhaft. Wer will hier arbeiten? Wie sollen Kunden das finden, geschweige denn aushalten?

Aber es gab erst einmal viel Kaffee und Unmengen von Keksen und ehrlich - ein paar echt gute Tipps und Empfehlungen. Wir hörten eine Menge über Business Angels, Investoren und andere Möglichkeiten der Förderung. Alle sehr unbürokratisch. Über diese Formen hatten wir uns wenig Gedanken gemacht. Unsere Denkrichtung änderte sich im Schatten des Stroms, und wir fingen an, uns ernsthaft mit Businessplänen und Beteiligungen auseinanderzusetzen. Das hörte sich alles besser an, als staatliche Unterstützung.

Doch ausgerechnet als wir den sonst so subventionsfreudigen Staat schon vergessen hatten, wurden wir plötzlich Preisträger beim Multimediawettbewerb des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Dort hatten wir eigentlich nur teilgenommen, um unsere eigene Idee zu schärfen und zu überprüfen. Das übernahmen dann die Trainer bei dem gewonnenen Gründerseminar. Was dabei rauskam, erfahren Sie beim nächsten Mal. Nur eins sei schon verraten – es gab viel Kaffee und Unmengen von Keksen.

Mehr lesen über