Motivation "Arbeit hat Eventcharakter"

G. Günter Voß, Professor und Industriesoziologe an der TU Chemnitz, spricht im Interview mit manager-magazin.de über die Entgrenzung der Arbeit, unseren Hang zur Selbstausbeutung und Augenringe als Leistungsmaßstab.

mm.de: Herr Professor Voß, wie hat sich unsere Art zu arbeiten in den vergangenen Jahren verändert?

Voß: Die Arbeitszeiten und -weisen in Deutschland sind sehr viel flexibler geworden. Politiker und Unternehmen fordern den "eigenverantwortlichen" Mitarbeiter, der weniger von außen festgelegte Arbeitsschritte durchführt, sondern oft nur noch ein allgemeines Leistungsziel erhält und seine Arbeit so organisieren muss, dass er es erreicht.

mm.de: Welche Folgen hat das?

Voß: Mitarbeiter müssen zunehmend "Unternehmer ihrer selbst" sein. Industriesoziologen sprechen auch von einer "Entgrenzung der Arbeit", da viele die Arbeit bisher strukturierenden Elemente aufgelöst wurden. Gerade bei hochqualifizierten Fachkräften, aber auch immer stärker in der Produktion, verschwimmt dabei die Grenze zwischen Beruf und Privatleben.

"Vertrauensarbeitszeit", "Teleheimarbeit" und "Zeitsouveränität" - all diese Varianten haben gemeinsam, dass die betriebliche Fremdkontrolle durch Selbstkontrolle ersetzt wird. Es kommt nicht mehr darauf, wer wann wie viel an einem Projekt arbeitet, sondern darauf, dass das Projekt erfolgreich abgeschlossen wird. Statt der aufgewendeten Leistung ist allein der Erfolg wichtig, wie auch immer er erreicht wird.

mm.de: Was dem Einzelnen ja mehr Freiheit bringt.

Voß: Eigentlich ja. Tatsächlich aber arbeiten wir dadurch wesentlich mehr und härter als vorher. Wir arbeiten an anderen Orten - beim Kunden, zuhause, in der Bahn, im Flieger. Per Handy, Blackberry oder E-Mail sind wir im Prinzip rund um die Uhr auf Abruf. Die Arbeit ist arrhythmischer geworden, je nachdem ob gerade viel oder wenig zu tun ist, und unser Schreibtisch ist nicht selten vom Büro ins Internet gezogen. Wir müssen unser Leben entsprechend selbst wie ein kleines Unternehmen organisieren. Ich nenne das die "Vertrieblichung der Lebensführung".

"Wir beuten uns selbst aus"

mm.de: Was bedeutet das für den Einzelnen?

Voß: Wir werden nicht mehr von außen unter Druck gesetzt, sondern mehr als bisher auch von uns selbst. Wir beuten uns selbst aus. Viele Mitarbeiter machen freiwillig und unbezahlt Überstunden oder lassen ihren Urlaub verfallen. Die neue Freiheit ist ja nur eine Seite der Medaille.

Auf der anderen Seite haben wir die durch die globalisierte Wirtschaft massiv gestiegenen Leistungsanforderungen. Der Wettbewerb der Unternehmen untereinander ist härter und schneller geworden. Und auch die Konkurrenz unter den Mitarbeitern hat sich verschärft: Die Hierarchien sind flacher geworden; wer aufsteigen will, muss mehr leisten als früher.

In vielen Unternehmen ist es etwa üblich, dass von mehreren Projektgruppen zur Entwicklung eines neuen Produkts nur eine überlebt. Viele Mitarbeiter, auch in gehobenen Positionen und in erfolgreichen Firmen, haben daher Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und hängen sich deshalb noch stärker rein. Der Satz "If you do your job, you have a job" ist längst nicht mehr gültig. Ein Manager in einem Automobilkonzern erzählte mir, dass er abends immer besonders lange bleibt, damit sein Chef sieht, dass in seinem Büro noch Licht brennt und ihn nicht für einen Faulenzer hält. Ein anderer sagte mir: "Wer bei uns keine Ringe unter den Augen hat, der gilt nicht als Topperformer."

mm.de: Wie kommt es, dass die Arbeit einen solchen Stellenwert hat?

Voß: Die geregelte Trennung zwischen Beruf und Privatleben ist vergleichsweise jung. In der vorindustriellen Ära gab es keine Freizeit im heutigen Sinn, es wurde immer gearbeitet, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität: im Haus, auf dem Acker, im Handwerksbetrieb. Erst mit der Industrialisierung kam die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben; über viele Jahre verkürzten sich die Arbeitszeiten und die Freizeit nahm zu - zumindest für die Männer.

Durch die Flexibilisierungsdiskussion der vergangenen 20 Jahre aber wurde Arbeit nicht selten zum Erlebnis stilisiert und ihr in manchen Branchen ein regelrechter Eventcharakter zugeschrieben. Für viele Menschen ist sie damit der Lebensmittelpunkt, auch emotional: Dort sind die Kollegen, die einen verstehen, und nicht der nörgelnde Partner, der immer nur neue Forderungen stellt. Eine amerikanische Forscherin spricht davon, dass "Arbeit zum Zuhause wird - und zuhause wartet nur Arbeit".

"Arbeiten an der Grenze"

mm.de: Für die Produktivität kann das doch nur gut sein.

Voß: Kurzfristig sicher. Aber weil jeder gezwungen ist, sich ständig zu optimieren, laufen wir mittelfristig in ein immenses gesellschaftliches Überforderungsproblem hinein. Viele arbeiten schon an der Belastungsgrenze, oft wird riskant und zu oberflächlich gearbeitet, weil ein Projekt dringend fertig werden muss. Da geht schnell etwas schief; Qualität und Professionalität bleiben zunehmend auf der Strecke.

mm.de: Eine Studie des New Yorker Centers for Work Life Policy zeigt: Die Zahl der Menschen, die extrem viel arbeiten, also Topmanager, Anwälte oder Unternehmensberater, nimmt zu. Gleichzeitig fühlt sich die Mehrheit dieser Extremjobber mit ihren 60-, 70-Stundenwochen wohl. Sind die Extremjobber ein Vorbild? Müssen wir künftig alle soviel arbeiten?

Voß: Die Flexibilisierung der Arbeitszeit und die modernen Kommunikationstechnologien haben die Produktivität gerade der Hochqualifizierten enorm gesteigert. Das bedeutet, dass an sie auch höhere Anforderungen gestellt werden und sie deutlich mehr arbeiten müssen, weil immer mehr von einzelnen Experten abhängt. Diese Tendenz wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken.

Extremjobber können dann ein Vorbild sein, wenn sie ihre Arbeit nicht als Belastung empfinden, sondern als spannende Herausforderung - und sie zugleich eine funktionierende Form der Verbindung von Arbeit und Leben finden.

Wer fit ist und flexibel, kommt mit dem höheren Druck der neuen Arbeitswelt gut zurecht. Das gilt natürlich besonders für Berufe wie Berater oder Anwalt, wo man sich sein Pensum eigenständig einteilen und Dinge vorantreiben kann, anstatt nur Anweisungen auszuführen. Aber viele andere haben erhebliche Probleme.

Extremjobber-Blog: Schreiben Sie uns! Simplify-Test: Entrümpeln Sie Ihr Leben!

Mehr lesen über Verwandte Artikel