Elitenflucht Die Vertreibung der Weisen

Deutsche Professoren werden mit 65 Jahren emeritiert - ob sie wollen oder nicht. Nicht selten fühlen sie sich jedoch topfit und haben keine Lust auf Freizeit. Um länger zu arbeiten, wandern viele ältere Spitzenforscher vor allem in die USA ab.

Santa Barbara schmiegt sich, rund 150 Kilometer nordwestlich von Los Angeles, idyllisch an die Pazifikküste. Wegen seines angenehm milden Klimas und seiner traumhaften Strände wird die Gegend, deren Zentrum die 90.000-Einwohner-Stadt ist, auch "American Riviera" genannt.

Die ehemalige Missionsstation mit ihrem bis heute spanisch-mexikanisch geprägten Stadtbild ist ein Anziehungspunkt für Touristen und ein Versteck für Reiche und Berühmte. Zahlreiche Rentner, die es zu Wohlstand gebracht haben, genießen hier ihren Lebensabend mit Sonne, Sand und Sundowner.

Ernst Ulrich von Weizsäcker zog es im Januar 2006, im Pensionsalter von 66 Jahren, aus Deutschland fort in dieses traumhafte Refugium.

Weizsäcker, international renommierter Umweltwissenschaftler und ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter, suchte jedoch nicht den gepflegten Müßiggang, sondern eine neue Herausforderung: Der Physiker, ein Neffe des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, wurde an der University of California in Santa Barbara Dekan der Bren School of Environmental Science & Management.

Die Hochschule hat einen hervorragenden Ruf. Bei internationalen Rankings liegt sie meist deutlich vor deutschen Universitäten, unter ihren Professoren sind derzeit fünf Nobelpreisträger.

Weizsäckers Job ist so spannend wie hart. "Ich muss Geldquellen erschließen, beste Studenten und exzellente Professoren anwerben", erklärt der weißhaarige Wissenschaftler. Als eine Art Topmanager ist er für den Erfolg des Umweltinstituts der Hochschule verantwortlich.

Weizsäcker ist nicht aus Zufall in die USA übergesiedelt. In Deutschland hatte es für den ehemaligen Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie "keine interessante Anstellung mehr gegeben", an keiner Uni, an keiner Forschungseinrichtung.

Nach deutschem Beamtenrecht zählt ein Hochschullehrer mit 65 Jahren zum professoralen alten Eisen und wird emeritiert - ob er will oder nicht, ob er zum akademischen Fußvolk zählt oder eine international anerkannte Koryphäe ist, ob er seine Zeit an der Alma Mater nur noch absitzt oder nach wie vor weltweit anerkannte Spitzenleistungen bringt.

"Ich war nach deutschem Recht einfach zu alt", sagt Weizsäcker nüchtern.

Seit Jahren beklagen deutsche Bildungspolitiker, dass vielversprechende Jungwissenschaftler in den anglo-amerikanischen Raum abwandern, weil ihnen dort bessere Karrierechancen versprochen werden. Dieser sogenannte Brain-Drain gefährde den Wissenschaftsstandort Deutschland, heißt es in Erklärungen von Parteien und Wissenschaftsverbänden. Erst langsam aber wird der Know-how-Verlust erkannt, der droht, wenn ältere akademische Topkräfte ins Ausland wechseln, nur weil sie hierzulande zwangsemeritiert werden.

"Das Beamtenrecht ist blödsinnig"

"Das Beamtenrecht ist blödsinnig"

So wurde der deutsche Immunologe Klaus Rajewsky im Jahr 2001 von der Universität Köln in den Ruhestand geschickt. Sein Makel: Er war 65 Jahre alt. Der mit zahlreichen Forschungspreisen dekorierte Mäuse-Genetiker hatte jedoch keine Lust auf Freizeit und ließ sich deshalb von der amerikanischen Elite-Hochschule Harvard in Boston anwerben. Die Uni schuf extra eine Professur und ein Labor für den Nobelpreis-Kandidaten.

Das "Rajewsky Lab" liefert heute regelmäßig innovative Forschungsergebnisse, und Rajewsky selbst wirbt in großem Umfang Fördergelder ein. Die Harvard University rühmt sich ihres ebenso berühmten wie agilen Forschers.

An der Universität Würzburg durfte der bekannte Ameisenexperte Bert Hölldobler zwar dank einer Sonderregelung bis zum Alter von 67 Jahren seinen Lehrstuhl behalten. Trotzdem hat sich der Pulitzer-Preisträger zumindest teilweise an die Arizona State University in Tempe zurückgezogen. Im Südwesten der USA kann er sich, befreit von Verwaltungsaufgaben, ganz der Forschung widmen und jetzt, 70 Jahre alt, eine Gruppe internationaler Topwissenschaftler aufbauen.

"Das deutsche Beamtenrecht ist blödsinnig", schimpft der Biologe, "wir vertreiben die Weisheit aus den Universitäten." Von einem festen Zeitpunkt für die Emeritierung hält Hölldobler nichts. "So lange jemand erfolgreich forscht und lehrt, sollte er dies auch tun können."

Doch in Deutschland gelten für Beamte, und damit auch für Wissenschaftler, strenge Regularien. Seit 1976 legt das Hochschulrahmengesetz, an dem sich die Länder orientieren, für Professoren "das vollendete 65. Lebensjahr" als Altersgrenze fest. "Auf Antrag" und "wenn es im dienstlichen Interesse liegt", kann das Ende zwar hinausgeschoben werden, allerdings höchstens bis zum 68. Geburtstag. Dann ist endgültig Schluss mit dem lustigen Forscherdasein.

Das Potenzial älterer Forscher wird in der Bundesrepublik bisher nur wenig gewürdigt. So erhalten etwa Kandidaten im Alter von über 50 Jahren selten eine Berufung auf eine Lebenszeitprofessur. Dabei ist Deutschland aufgrund seiner demografischen Entwicklung und des weltweiten Wettbewerbs in der Spitzenforschung zunehmend auch auf die Kompetenz älterer Wissenschaftler angewiesen.

"Mach dich vom Acker!"

"Mach dich vom Acker!"

Der an der Freien Universität Berlin lehrende Romanist Jürgen Trabant, 63 Jahre alt, berichtete in der "Frankfurter Allgemeinen" von "lustigen Scharmützeln an der wissenschaftlichen Front des Methusalem-Kampfes": So habe die Deutsche Forschungsgemeinschaft der Universität mit Blick auf wissenschaftliche Vorhaben mit "großem Nachdruck gesagt, dass in den Anträgen möglichst keine oder wenige Alte auftauchen sollen". Die Botschaft seiner beruflichen Umgebung sei: "Du bist zu alt für die Wissenschaft, wieso bist du denn noch da, mach dich vom Acker!"

Dabei fordert Ernst-Ludwig Winnacker, 65, Präsident eben dieser Deutschen Forschungsgemeinschaft, in Interviews "eine Flexibilisierung der starren Altersregelung" und hat die Pensionierung mit 65 schon zu einem "historischen Unfug des deutschen Beamtenrechts" erklärt.

Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan, 51, kritisiert die Altersregelung für Professoren als "irrsinnig", "untauglich für die Zukunft" und "ein Ding aus dem letzten Jahrhundert". Die Christdemokratin hofft, dass die Pensionierungsgrenzen in Zukunft flexibleren Regeln weichen, wenn die Bundesländer als Folge der Föderalismusreform an ihren Hochschulen mehr selbst bestimmen können. Nur die Leistung und nicht das Alter, so auch ihr Credo, solle darüber entscheiden, ob jemand an einer Universität arbeiten dürfe oder sie verlassen müsse.

In Einzelfällen kommt es heute schon zu Sonderregelungen. So hat die Hertie-Stiftung 2006 erstmals eine Senior-Forschungsprofessur vergeben. Damit kann der angesehene Münchner Neurologe Thomas Brandt, 63, auch nach Erreichen der Pensionsgrenze weiter arbeiten.

"Für mich ist das ein Wechsel von der Pflicht zur Kür", freut sich der Fachmann für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Die Hertie-Stiftung will mit dem Lehrstuhl, den sie sich eine Million Euro kosten lässt, "das oft sehr große Forschungspotential älterer Wissenschaftler erhalten". Brandt sieht in der Wissenschaft gar einen "Boom der Älteren" voraus.

Ausnahmen für Nobelpreisträger

Ausnahmen für Nobelpreisträger

Die Öffentlichkeit erschreckt hat Anfang des Jahres der Physiker Theodor Hänsch mit seiner Äußerung, er könne sich vorstellen, in die USA zu ziehen, um länger zu arbeiten. Der Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik im nahe gelegenen Garching hatte erst im Dezember vergangenen Jahres den Nobelpreis erhalten - und feierte am 30. Oktober 2006 seinen 65. Geburtstag.

Aus Furcht, eines seiner Aushängeschilder könne sich dem Forschertreck gen Westen anschließen, zog das bayerische Wissenschaftsministerium die Notbremse. Hänsch darf nun noch fünf Jahre weiter als Max-Planck-Direktor arbeiten und danach sogar zusätzliche fünf als Emeritus.

Der Laser-Experte erklärte derweilen, er fühle sich "topfit und am Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit". Hänsch bleibt nun der Heimat verbunden, obwohl ihm nach eigenen Angaben mehrere amerikanische Universitäten verlockende Angebote gemacht haben.

Im Land der oft beschworenen unbegrenzten Möglichkeiten gibt es keine Altersgrenze für Professoren. Der Physiker Roy Glauber, der gemeinsam mit Hänsch den Nobelpreis erhalten hat, ist stolze 81 Jahre alt und forscht nach wie vor an der Harvard University. An der selben Hochschule ist auch der Biochemieprofessor Jack L. Strominger aktiv, der mit 81 Jahren noch regelmäßig Forschungsarbeiten publiziert.

Doch in den USA stehen auch die älteren Wissenschaftler in einem knallharten Konkurrenzkampf. Wer keine aufsehenerregenden Aufsätze schreibt, wer keine Drittmittel gewinnen kann, wer von den Studenten schlecht benotet wird, der muss gehen. Nur weil jemand alt ist, kann er auch jenseits des Atlantiks noch lange nicht an seinem Professorenstuhl kleben.

"Es gibt Leuchtfiguren, die im Alter sehr produktiv sind", erklärte der im November verstorbene Berliner Altersforscher Paul Baltes, "aber es sind wenige." Der Entwicklungspsychologe leitete mit 67 Jahren noch ein Projekt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und hatte seit 2004 zusätzlich eine Senior-Professur an der University of Virginia in Charlottesville, rund 160 Kilometer südwestlich von Washington, inne. Baltes forderte, Altersgrenzen im Arbeitsleben grundsätzlich abzuschaffen. Allerdings warnte er: "Wir werden mit den Jahren alle langsamer im Denken und machen mehr Fehler."

Auch unter Professoren ist Alter allein kein Qualitätsmerkmal. So heißt es von Albert Einstein, dass es wahrscheinlich niemand gemerkt hätte, wenn er in seinen letzten Jahrzehnten nur noch gesegelt wäre. Das Können der Älteren kann sich nach Ansicht von Experten vor allem in interdisziplinärer Arbeit, in der Synthese von Wissen, bei der Suche nach besonders begabten Nachwuchsdenkern zeigen.

"Spitzenleute sind selten"

"Spitzenleute sind selten"

Kreativität ist hingegen meist kein herausstechendes Merkmal älterer Hochschullehrer. Nicht umsonst gibt es das dem deutsch-amerikanischen Genetiker und Nobelpreisträger Max Delbrück zugesprochene Bonmot: "Wer 50 geworden ist und seine Schüler noch versteht, der hat schlechte Schüler."

Deshalb sollten Senior-Professoren auch die Ausnahme sein, sagte Paul Baltes. "Forscher, die so gut sind, dass eine andere als ihre eigene Universität sie neu beruft", nur die kämen in Frage. "Die Spitzenleute sind zu selten, wir dürfen sie nicht ziehen lassen", betont auch Karl Max Einhäupl, 59, Neurologe an der Berliner Charité und mehrere Jahre Vorsitzender des Wissenschaftsrates. "Aber hier geht es nicht um 68 für alle."

Unter Umständen doch, denn den deutschen Hochschulen droht eine Studentenlawine. Voraussichtlich 2011 und 2012 wird die Zahl der Studierenden in Deutschland um bis zu 20 Prozent steigen: erstens weil relativ geburtenstarke Jahrgänge an die Unis drängen, und zweitens weil sich in einigen Bundesländern die Kürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre auswirkt, und dadurch bundesweit zwei Jahrgänge gleichzeitig ihr Abitur ablegen.

Um mit dieser Schwemme von Studierwilligen fertig zu werden, wird in vielen Bundesländern überlegt, die Pensionsgrenze für Professoren auf 68 Jahre anzuheben. Die älteren Wissenschaftler sollen vor allem in der Lehre eingesetzt werden. Dabei geht es den Politikern nicht um Qualität, sondern Quantität. Durch den massenhaften Einsatz von Senior-Professoren könnte vor allem Geld gespart werden, da die Pensionskosten erst später anfallen. Egal was ein älterer Dozent noch kann, Hauptsache er steht vorn im Hörsaal, könnte die Devise mancher Wissenschaftsminister lauten.

Für Bert Hölldobler hingegen sollte "ein Teil der Professoren schon mit 50 oder 55 Jahren sozialverträglich in Pension geschickt werden", weil sie aus seiner Sicht schlicht nichts mehr leisten. Die Schlechten früh nach Hause, die Guten lange an die Uni.

Auch Ernst Ulrich von Weizsäcker befürwortet klare Leistungskontrollen für Senior-Professuren an deutschen Universitäten vor. "Wer etwa nicht einmal im Jahr eine Publikation in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht, der sollte gehen", schlägt der Umweltexperte vor.

Sein Vertrag mit der Universität in Santa Barbara enthält nicht einmal ein zeitliches Limit. "Die rechnen wahrscheinlich damit, dass ich so fünf Jahre meinen Job mache", sagt der Umweltexperte lachend. Er wäre dann 71 Jahre alt.

Wann genau er nach Deutschland zurückkehrt, weiß Weizsäcker noch nicht. Auf jeden Fall will er auch in seiner Heimat noch weiter arbeiten. "Aber wohl als Privatier."

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