Freitag, 6. Dezember 2019

Bill Gates Stiftung Schlechtes Geld schadet gutem Ruf

Die Stiftung von Bill und Melinda Gates ist wegen ihrer stillen Investments in umstrittene Öl- und Chemiekonzerne in die Kritik geraten. Kein Einzelfall: Viele wohltätige Fonds versehen ihr gutes Werk mit fragwürdig verdientem Geld.

New York - Die Spende betrug fast das Fünffache des Jahresbudgets der Gruppe. Auf 4.736.587 Dollar war der Scheck ausgestellt, den Javed Syed, der Tuberkulose-Experte der New Yorker Aids-Organisation Treatment Action Group (TAG), diese Woche überreicht bekam. "Mit diesem großzügigen Zuschuss", jubelte der gebürtige Inder, "können wir die Arbeit zu TBC und HIV enorm ausweiten."

Melinda und Bill Gates mit Kleinkindern in Mosambik: Blindes Investieren
Die Spende kam aus Seattle, von der Bill and Melinda Gates Foundation. Es war die erste Zuwendung, die die größte philanthropische Einrichtung der Welt dieses Jahr im Namen des Microsoft-Chefs und seiner Gattin austeilte. Damit erhöhte sich die Summe aller Gates-Gaben für wohltätige Zwecke seit Gründung der Stiftung auf über elf Milliarden Dollar.

Die TAG-Spende erreichte New York jedoch unter dem Schatten des Zweifels. Denn nur Tage zuvor war die hochgelobte Stiftung erstmals in die Schlagzeilen geraten: Während sie einerseits Milliarden zur Bekämpfung von Krankheit und Armut auf der ganzen Welt ausgebe, investiere sie andererseits den Löwenanteil ihres Vermögens in Konzerne, die diese Ziele sabotierten - Umweltverpester, Ausbeuter, Sozialsünder.

Peinliche Vorwürfe, die sich bei genauerer Lektüre der öffentlich zugänglichen Gates-Bilanzen tatsächlich auch bestätigen. So umfasst das fragliche Gates-Portfolio, dessen Finanzdetails auf der Website der Stiftung einsehbar sind, Investments in BP Börsen-Chart zeigen, Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen, Merck & Co. Börsen-Chart zeigen und Schering Plough - allesamt wegen Ethikverstößen oft in der Kritik.

Rendite oder Ethik?

Am selben Tag also, da Aids-Aktivist Javed Syed in New York seinen Millionenscheck in der Hand hielt, reagierte Gates-Geschäftsführerin Cheryl Scott auf die Enthüllungen. Gates werde alle Investitionen sofort überprüfen - und notfalls umschichten. "Alle Investoren müssen entscheiden, in was sie ihr Geld stecken und in was nicht", gab Scott in einem offenen Brief an die Spendenempfänger der Stiftung zu.

Doch damit ist die Geschichte kaum zu Ende. Denn die Gates-Missgriffe sind kein Einzelfall. In der gesamten US-Wohltätigkeitsszene gebe es einen wachsenden, internen "Dialog" um potentiell fragwürdige Anlagen - so genanntes "blindes Investieren" - zu Renditezwecken, sagte Stiftungsexperte Doug Bauer, der Vizepräsident der Rockefeller Philanthropy Advisors. Die Organisation berät weltweit über 100 Stiftungen in Ethikfragen. "Diese Diskussion wird sich nun sicher ausweiten."

Das Dilemma ist bisher kaum bekannt und doch, so Investmentberater Paul Hawken, das "schmutzige Geheimnis" vieler Stiftungen. Aus Steuergründen müssen sie jährlich mindestens 5 Prozent ihres Vermögens gemäß des Stiftungszwecks ausgeben. Wie sie aber die Vermögensmasse anlegen (und vermehren), bleibt ganz ihnen überlassen - und manche orientieren sich dabei lieber an Rendite als an Ethik. So sind viele Stiftungen von Natur aus Zwitterwesen: nach außen spendable Wohltäter, innen indes clevere Anleger, die auch vor "bösen" Ölkonzernen oder Pharmakonglomeraten nicht halt machen. Zwischen beiden Bereichen liegt bisher, was Experten wie Bauer eine "Firewall" nennen: Die eine Seite weiß nicht, was die andere tut.

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