Peter Hartz Kurzer Prozess

Der einstige Held der nach ihm benannten Arbeitsmarktreformen und Duzfreund von Altkanzler Gerhard Schröder auf der Anklagebank - das dürfte der Tiefpunkt im Leben des Ex-VW-Personalvorstands sein. Peter Hartz muss sich kommende Woche vor Gericht verantworten. Nach nur zwei Tagen soll das Spektakel vorbei sein.

Braunschweig - Es ist das traurige Ende einer glänzenden Karriere. Der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz muss sich vom kommenden Mittwoch an vor Gericht verantworten. Untreue in 44 Fällen wird ihm vorgeworfen. Betriebsräte soll er kräftig geschmiert haben.

Der einstige Held der nach ihm benannten Arbeitsmarktreformen, hoch geschätzter Berater von Politik und Wirtschaft und Duzfreund von Altkanzler Gerhard Schröder auf der Anklagebank - das dürfte der Tiefpunkt im Lebenslauf des 65-jährigen Saarländers sein. Die Plätze im Gerichtssaal waren schon Wochen vor dem Termin heiß begehrt.

Gut anderthalb Jahre nach Aufdeckung des beispiellosen Korruptionsskandals, der Europas größten Autobauer Volkswagen  bis in die Grundfesten erschütterte, beginnt mit dem Prozess gegen Hartz auch die juristische Aufarbeitung der Affäre. Weitere Verfahren werden folgen. Um mögliche Bestechung geht es darin, um Vergnügungsreisen, Bordellbesuche und Sexpartys auf Firmenkosten auch für Betriebsräte, die damit angeblich auf Unternehmenslinie gehalten werden sollten.

Niemand hätte vermutet, was hinter den Kulissen bei VW abgelaufen ist, wie es die 63 Seiten starke Anklageschrift gegen Hartz jetzt auflistet. Sechsstellige Summen wechselten dort den Besitzer, als ob es gar nichts wäre. Und dabei sind die Schmuddelgeschichten aus dem Rotlichtmilieu, die im Verlauf der Affäre nach und nach bekannt wurden, noch gar nicht berücksichtigt.

Hartz hat gestanden und die alleinige Verantwortung für die Begünstigung von Betriebsräten übernommen. Die Staatsanwaltschaft verzichtet deshalb vorerst darauf, Zeugen oder Sachverständige zu vernehmen - auch keine Prostituierten. Verdachtsmomente etwa um eine für Callgirl-Besuche genutzte und von VW bezahlte Wohnung und andere Vorwürfe aus diesem Komplex wurden "aus Gründen der Prozessökonomie" fallen gelassen, hatte die Justiz berichtet. Etwaige Strafen deswegen fielen gegenüber der zu erwartenden Gesamtstrafe nicht ins Gewicht.

Nur zwei Verhandlungstage sind terminiert. Bereits am 25. Januar könnte die Angelegenheit erledigt sein. Hartz' Aussage könnte sich strafmildernd auswirken. Juristen hielten es für möglich, dass er mit einer Bewährungsstrafe davon kommt. Auf Untreue steht ansonsten bis zu fünf Jahren Haft, im besonders schweren Fall bis zu zehn Jahren.

Nur nicht kleinlich sein

Nur nicht kleinlich sein

Allein dem Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert soll der prominente Topmanager laut Anklageschrift von 1994 bis 2005 neben seinem Gehalt insgesamt fast zwei Millionen Euro "Sonderbonuszahlungen" zugeschanzt haben. Auch dessen brasilianische Geliebte ging nicht leer aus. Kontrollmechanismen habe der mächtige Arbeitsdirektor abgeschafft.

Sein Unrechtsbewusstsein dürfte dabei zunächst wohl nur wenig ausgeprägt gewesen sein. Hartz jedenfalls argumentierte von Anfang an, er habe sich stets von der Absicht leiten lassen, im Interesse des Unternehmens zu handeln. Und dazu gehörte für ihn eben auch, das Verhältnis zum Betriebsrat zu pflegen. So hat er laut Anklage seinen Mitarbeiter Klaus-Joachim Gebauer 1997 ausdrücklich angewiesen, den Betriebsratsvorsitzenden Volkert "großzügig und wertschätzend" zu behandeln und dabei "nicht kleinlich" zu sein.

Volkert wies kürzlich allerdings den Vorwurf zurück, die Sonderleistungen von VW gefordert zu haben. Hartz habe ihn angerufen und einen Betrag vorgeschlagen, den er stets akzeptiert habe, sagte Volkert. Hartz habe damit sein "besonderes Engagement" bei der Lösung von Konflikten in den Autowerken honoriert. Volkert war bis Juni 2005 Chef des Konzernbetriebsrats. Auch auf ihn wartet wohl ein Prozess.

Tatsächlich ist VW ja lange für eine besonders harmonische und im Sinne beider Seiten erfolgreiche Sozialpartnerschaft gelobt worden. Dabei entstanden für die damalige Zeit durchaus innovative Arbeitszeitmodelle, die Massenentlassungen verhinderten und für die Hartz gefeiert wurde. Wie kein Zweiter aus der Riege der Manager stand Hartz für Konsens und einen ganz besonderen Zusammenhalt mit der Arbeitnehmerseite und dem Betriebsrat.

Dass er in seiner Position einen Etat hatte, über den er frei verfügen konnten, dürfte nicht ungewöhnlich sein. Dass er aber über zehn Jahre hinweg nicht auf die Idee gekommen ist, die Zahlungen in solcher Höhe seien vielleicht doch auf die Dauer nicht in Ordnung, ist schwer vorstellbar.

Sein Geständnis und seine hehren Motive könnten Hartz laut Staatsanwaltschaft vor Gericht helfen. Die Geschichten um die Machenschaften bei VW kommen aber in all ihren Einzelheiten jetzt wieder an die Öffentlichkeit - und das in einer Zeit, in der der Autobauer ohnehin vor einem tief greifenden Umbruch steht.

Eva Tasche, dpa