Wolfgang Bernhard Der Terminator verlässt Wolfsburg

Wolfgang Bernhard wirft das Handtuch. Der bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren noch gefeierte Volkswagen-Sanierer gibt auf, weil die neue Konzernstruktur für ihn mit einem Machtverlust verbunden wäre. Bernhard scheitert damit bereits zum zweiten Mal in seiner Karriere.

Hamburg - Bei DaimlerChrysler  stand er kurz vor dem Sprung an die Spitze von Mercedes, musste 2004 dann aber seinen Hut nehmen. Bernhard hatte es gewagt, seinem Ziehvater Konzernchef Jürgen Schrempp zu widersprechen und bei Mercedes Sanierungsbedarf anzumelden.

Dies stärkte Bernhards Ruf eines kompromisslosen Sanierers. Als solchen holte ihn der frühere VW-Chef Bernd Pischetsrieder Anfang 2005 zu Volkswagen , wo Bernhard schon bald auch als dessen möglicher Nachfolger gehandelt wurde.

In Wolfsburg begann Bernhard rasch mit seinen Aufräumarbeiten. Er schaffte es, das mittlere Management für seinen Kurs zu gewinnen. In Produktklausuren brachte er die an neuen Modellen beteiligten Abteilungen an einen Tisch und setzte so Einsparungen von mehreren Tausend Euro je Fahrzeug durch. Bis dahin hatte Doppelarbeit für hohe Kosten gesorgt. Ebenso verfuhr er mit den Zulieferern, denen er schmerzhafte Zugeständnisse abrang.

Am VW-Stammsitz im eher betulichen Wolfsburg wurde Bernhards Tempo von Anfang an als atemberaubend empfunden. "Normal kann der gar nicht, der rennt immer", charakterisierte ein Mitarbeiter den Arbeitsstil des heute 46-Jährigen.

Schon bei seinem früheren Arbeitgeber DaimlerChrysler absolvierte der gebürtige Allgäuer seine Karriere im Eilschritt. Er leitete bereits früh den Produktionsablauf der für Mercedes wichtigen S-Klasse, später brachte er die Tuning-Tochter AMG in Schwung. Danach sanierte er zusammen mit Dieter Zetsche die damals schon angeschlagene US-Tochter Chrysler.

Bei VW prangerte Marathonläufer Bernhard an, dass der Konzern seine Autos viel zu teuer produziere. "Wenn wir die Kosten nicht senken, ist Ende mit Exportweltmeister. Wir aus Wolfsburg müssen Autos herstellen, die echte Volkswagen sind. Das heißt, durchschnittliche Bürger müssen sich dies Fahrzeug leisten können", forderte der Wirtschaftsingenieur, der sich während des Studiums ein paar Mark mit Straßenmusik hinzuverdiente.

Im Dauerclinch mit der IG Metall

Im Dauerclinch mit der IG Metall

Die Kernmarke VW war in Deutschland in die roten Zahlen geschlittert, Bernhard sprach das offen aus. Und aus diesen Zahlen machte er seine wirkungsvollste Waffe in der Auseinandersetzung mit der IG Metall: In der Hauspostille des Konzerns, verteilt an alle Mitarbeiter, druckte er Vergleiche ab über die Produktionskosten bei VW und den wichtigsten Konkurrenten.

Das zeigte Wirkung. Der neue Haustarifvertrag, mit dem die Arbeitszeit in den sechs westdeutschen Werken ohne Lohnausgleich auf fast branchenübliche 34 Stunden steigt, trägt Bernhards Handschrift, obwohl er gar nicht am Verhandlungstisch saß.

Mit seinem forschen Auftreten eckte Bernhard aber auch an. Arbeitnehmervertreter nahmen ihm übel, dass er mit der Verlagerung von Produktion beim Massenmodell Golf aus dem Stammwerk gedroht hatte, um die Belegschaft gefügig zu machen.

Nach einem kurzen Schlagabtausch kamen beide Seiten aber zusammen. Volkswagen vereinbarte mit der mächtigen IG Metall einen Sanierungstarifvertrag, mit dem sich der Autobauer von der Viertagewoche verabschiedet.

Trotzdem wollten jüngst einige leitende Angestellte Bernhard zum Bleiben überreden. Sie wollen das retten, wofür Bernhard gegenwärtig bei VW steht: Neuen Schwung, Pragmatismus, Transparenz und die Besinnung auf das, was die Marke VW traditionell ausmachte. "Bezahlbare Traumautos" zu bauen, war Bernhards großes Ziel, von dem sich VW seiner Meinung nach immer mehr entfernt hatte. Und manch einer befürchtet nun, dass mit Winterkorn, der aus dem Premiumsegment Audi kommt, bei VW wieder mehr PS und Luxus angesagt sein werden, statt der neuen Sparsamkeit, die zuletzt zur Devise wurde.

Bernhards Orakel

Bernhards Orakel

In einem internen Brief, den die Volkswagen Management Association regelmäßig zum Jahreswechsel an ihre rund 1700 Mitglieder verschickte, mahnte die Führungsriege eindringlich Kontinuität auf dem eingeschlagenen Weg an. Sie bescheinigte Bernhard, "in hervorragender Weise" zum Umschwung bei VW beigetragen zu haben. Das zweite Halbjahr 2006 habe gezeigt, dass VW auf dem richtigen Weg weiter vorankomme - "für uns der Start einer neuen Erfolgsgeschichte", hieß es in dem Brief.

Die Manager versicherten dem neuen Vorstandsvorsitzenden zwar "ohne Vorbehalte" Unterstützung und Loyalität. Aber sie verlangten auch Besonnenheit und eine "ruhige Hand" bei beabsichtigten Veränderungen. Zur Fortführung der intensiven kundenorientierten Produktentwicklung und dem streng wirtschaftlichen Handeln gebe es keine Alternative. Und ausdrücklich warnten sie vor einem Klima, "in dem zum Beispiel Ehrlichkeit nicht belohnt und gegenseitiger Respekt nicht gezollt wird."

Das zielte auf eine Atmosphäre, die Kritiker in der Ära des Vorstandsvorsitzenden und jetzigen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch oft beklagt haben: Klüngel, zentrale und undemokratische Strukturen, in denen nur einer etwas zu sagen hatte - Piëch. Und Winterkorn gilt als enger Vertrauer des alten Patriarchen, der erst zuletzt wieder seinen Einfluss bewies, als er den bisherigen Konzernchef Bernd Pischetsrieder aus dem Amt drängte.

In den vergangenen Wochen soll Bernhard nach Informationen des "Focus" in Gesprächen mit mehreren Aufsichtsratsmitgliedern eindringlich vor einem Konzernumbau gewarnt. Bei dem geplanten Konzernumbau würde die Marke VW, die das Kerngeschäft des Autobauers ausmache, unter die Räder kommen. Der nun beschlossene Umbau sieht aber nicht - wie zeitweilig spekuliert wurde - die kritisierte Zuordnung der Konzernmarken in eine Massen- und eine Luxusgruppe vor.

Nach "Focus"-Informationen kommt der Abschied von Bernhard VW teuer zu stehen. VW muss dem Topmanager das Salär für seinen bis 2010 laufenden Kontrakt ausbezahlen. Zwar soll Piëch Bernhard den Posten eines Produktionsvorstands angeboten haben, aber der 46-Jährige habe abgelehnt und auf seine vertraglich zugesicherte Position gepocht. Nun wird spekuliert, dass Bernhard in eine andere Branche wechselt.

manager-magazin.de mit Material von reuters und dpa

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