Ingenieursmangel Das Meer ruft

Die deutsche Seeschifffahrt hat ein Problem: Es fehlen Kapitäne und Schiffsingenieure, vor allem an Nautikern herrscht Mangel. Dabei hat die Branche einiges zu bieten. Wer flexibel ist und einen gut dotierten Job mit Aufstiegschancen sucht, ist hier bestens aufgehoben.

Hamburg - In der deutschen Seeschifffahrt gibt es mehr Arbeitsplätze als ausgebildeten Nachwuchs. Ursache dafür ist nicht geringes Interesse, sondern ein Engpass in der Ausbildung. Die deutschen Reedereien und die Landesregierungen der Küstenländer nehmen sich dieses Problems nun verstärkt an. Seeschifffahrtsschulen erhalten mehr Geld, Reedereien setzen verstärkt Ausbildungsschiffe ein und Bundesländer kooperieren.

Für den derzeit hohen und weiter steigenden Nachwuchsbedarf nennt der Verband Deutscher Reeder (VDR) drei Gründe. Erstens sei die deutsche Flotte auf Grund des wachsenden Welthandels im vergangenen Jahr um 10 Prozent auf 2.998 Schiffe gewachsen. "Die letzten drei Jahre waren ohne Beispiel, und der deutsche Seefahrt-Standort wird auch weiter expandieren", sagt VDR-Hauptgeschäftsführer Hans Heinrich Nöll.

Außerdem wurden laut VDR seit 2003 mehr als 100 Schiffe wieder unter deutsche Flagge gebracht, womit es jetzt insgesamt rund 580 sind. Bis zum Jahr 2010 sollen weitere 100 hinzukommen. Im Zuge dieser Entwicklungen stieg die Zahl der Jobs auf See unter deutscher Flagge seit 2003 um 25 Prozent auf fast 14.000. Und schließlich steht beim aktiven Bordpersonal eine große Pensionierungswelle an.

Einer Umfrage des VDR zufolge benötigen die deutschen Reeder in den nächsten zehn Jahren im Durchschnitt 650 Nautiker pro Jahr. Im Jahrgang 2007/08 werden höchstens 200 Absolventen erwartet, 2006 waren es nur 160. In naher Zukunft wird aber auch beim technischen Personal mit einem Engpass gerechnet.

Das Nadelöhr sind derzeit vor allem die Hochschulen. Die Nachwuchsoffiziere werden nach einer mehrjährigen Fahrzeit an Bord an zehn Fachschulen und Fachhochschulen in Norddeutschland zu Nautikern und Schiffsbetriebstechnikern ausgebildet. "Die Kapazitäten der Ausbildungsstätten stoßen an ihre Grenzen", sagt Nöll. Vor allem die Nautik-Studiengänge seien so überlaufen, dass nahezu überall ein Numerus clausus bestehe. Der müsse abgeschafft werden, fordert der Reeder-Vertreter: "Die Schifffahrt ist ein Bereich, in dem einem Beschäftigung zufällt." Da müsse das Eingangstor zur Ausbildung entsprechend geöffnet werden.

Anfang Dezember legten Länder und Reeder auf der Maritimen Konferenz in Hamburg gemeinsame Richtlinien fest, um die Ausbildungskapazitäten zu erweitern und enger zusammen zu arbeiten.

Lernen auf Containerriesen

Lernen auf Containerriesen

Es sei auch dringend Zeit, betont der Sprecher des Reeder-Verbandes. "Zur Überbrückung der Kapazitätsengpässe an den Seefahrtschulen werden wir als Verband Geld in die Ausbildung stecken", sagt Nöll. Der VDR werde in den nächsten drei Jahren insgesamt drei Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.

In erster Linie sei die Ausbildungsfrage jedoch eine Gemeinschaftsaufgabe der Küstenländer. "Und die müssen auch die dazu nötigen Beiträge leisten", sagt Nöll. Es ginge um die Symbiose bei Personal und Einrichtungen. Es sei richtig, Zentren der Seefahrtausbildung aufzubauen, und die Kooperation zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein sei ein erster Schritt.

Die beiden Bundesländer haben im Dezember offiziell erklärt, Hamburg werde keine eigene Schule eröffnen, sondern die Fachhochschule Flensburg unterstützen. Derzeit werde die Einrichtung neuer Studiengänge geprüft, wobei die Nautik in Flensburg und die Logistik voraussichtlich in Hamburg unterrichtet werden solle, sagt Oliver Prang, Referent für Wirtschafts- und Strukturpolitik in Hamburg. "In der Nautik werden dadurch rund 42 Prozent mehr Ausbildungsplätze geschaffen", sagt Prang. Das erfordere auch neue Professoren und mehr praktische Ausbildungsgeräte wie Schiffssimulatoren.

Die deutschen Reedereien haben bereits ihren Anteil geleistet und die Ausbildungsplätze an Bord deutlich erhöht. Waren es 2004 laut Verband noch rund 300 Auszubildende, wurden 2006 mehr als 900 gezählt. "Zunehmend gibt es Schiffe mit Ausbildungsdecks, die effektiver und praktischer sind als die Einzelausbildung", sagt Nöll. Traditionell besitzen die Hapag-Lloyd und die Hamburg Süd derartige Ausbildungsschiff, inzwischen auch die Bremer Reederei Beluga.

Die in Hamburg ansässige Hapag-Lloyd hat im August 2006 mit der "Chicago Express" ihr zweites Ausbildungsschiff in Betrieb genommen. Der Containerriese mit den Ausmaßen von drei Fußballfeldern verfügt über ein zusätzliches Deck und bietet somit neben der Crew 15 Auszubildenden Platz. Zwei bis vier Monate bleiben sie auf der "Chicago Express", bevor sie zu zweit auf andere Schiffe der Reederei gehen.

"Damit reagieren wir auf den zusätzlichen Bedarf an qualifiziertem seemännischem Nachwuchs", sagt der Vorstandsvorsitzende von Hapag-Lloyd, Michael Behrendt. "Und wir tun es aus Überzeugung." Ein Ausbildungsschiff helfe, den Wachstumskurs in der Linienschifffahrt zu bewältigen. Gleichzeitig würden junge Menschen für die Branche begeistert und auf einen anspruchsvollen Zukunftsberuf vorbereitet. Derzeit hat die Hapag-Lloyd 96 Auszubildende, 2007 werden 42 aufgenommen. Die Zahl der Bewerber sei jedoch immer um ein Vielfaches höher.

Simone Utler, ap

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