Klaus Murmann "Letzte Taube des Kapitals"

Als Unternehmer war Klaus Murmann erfolgreich, als Arbeitgeberpräsident wegen seiner radikalen Thesen gefürchtet. Heute wird der passionierte Regattasegler und Mäzen 75 Jahre alt.

Kiel - Vor dem Haus von Klaus Murmann steht noch immer ein kleines Wachhäuschen. Hier, im Kieler Villenviertel Düsternbrook, schützten Mitte der 90er Jahre Polizisten den damaligen deutschen Arbeitgeberpräsidenten vor den Terroristen der RAF.

Heute stehen in dem Wachhäuschen Golfschläger. Murmann macht jetzt das, was ihm Spaß macht. Er segelt, er baut neue Firmen auf - und eine eigene Stiftung. "Mein Terminplan hat keine Freiräume. Ich bin überbeschäftigt." Am 3. Januar wird der Manager 75 Jahre alt.

Kein anderer Arbeitgeberpräsident dürfte so präsent in den Medien gewesen sein wie Murmann. Und seine Ansichten hatten es oft in sich: Gewerkschaften sollten auf ihr Streikrecht verzichten. Arbeitnehmer sollten Kuren vom Urlaub abgezogen bekommen. Die Renten und der Arbeitgeberanteil der Krankenkassenbeiträge sollten eingefroren werden.

Doch gab Murmann immer wieder zu verstehen, dass er nicht an Konfrontation, sondern an einer "neuen Sozialkultur" interessiert sei. Er schätzte die Gewerkschaften trotz aller Provokation stets als Partner. Der Publizist Herbert Riehl-Heyse nannte Murmann einmal "die letzte Taube des Kapitals". Dass heute ein prominentes Gesicht der Arbeitgeber fehlt, kommentiert Murmann belustigt: "Es gibt zu viele, die glauben, in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen zu müssen."

Zehn Jahre ist es her, dass der Kieler vom Posten des Präsidenten der Arbeitgeberverbände zurücktrat. Er wollte eigentlich zum europäischen Arbeitgeberpräsidenten aufsteigen - es hätte die Krönung der Laufbahn sein können. Doch der damalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, hintertrieb diesen Karriereschritt. Aus der Distanz gibt sich der erfolgreiche Manager gelassen: "Ich bin Herrn Henkel heute dankbar. Denn hätte er mich nicht abgehalten, hätte ich nicht so viel Zeit für mein Unternehmen gehabt."

Keine Scheu vor dem Elitebegriff

Keine Scheu vor dem Elitebegriff

In seiner Amtszeit hatte die Globalisierung Deutschland längst im Stillen erfasst. Im Gegensatz zu anderen Chefs griff Murmann zwar nicht zu Werkschließungen und Massenentlassungen. Er produziert weiter in Neumünster. Doch die Firma wuchs im Ausland und schrumpfte im Inland. Ende der 80er waren noch 1800 Menschen in Deutschland bei Murmann in Lohn und Brot, zehn Jahre später etwa 1000 - von rund 9000 weltweit.

Allein in der Slowakei schuf Murmann seit 1990 rund 1000 Stellen. Die Lohnzusatzkosten hierzulande seien schlicht zu hoch, sagt das einstige Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. "Das Schlimme ist, dass wir bei den Lohnnebenkosten nur Rückschritte erreichen." Obwohl ihn viele Zeitungsleser als Wadenbeißer kennen gelernt hatten, fällt an Murmann seine ausgeglichene, zurückhaltende Art auf.

Als junger Mann hatte er eigentlich die Diplomatenkarriere angestrebt. Mit Ende 20 trat er stattdessen in das Unternehmen seiner Familie ein, dem Jagdwaffenhersteller J. P. Sauer & Sohn. 1969 übernahm er vom Vater eine US-Lizenz für Schiffsgetriebe und baute in Neumünster die Sauer Getriebe KG auf. Sie entwickelte sich zum Marktführer in Europa. Später folgte die Fusion der Unternehmensgruppe mit dem dänischen Unternehmen Danfoss. 1998 brachte Murmann seine Firma Sauer Danfoss an die New Yorker Börse. Inzwischen hat er sich weitgehend aus dem aktiven Geschäft des Konzerns zurückgezogen. Einer seiner Söhne trat die Nachfolge an.

Murmann suchte nach neuen Geschäftsideen. In den USA kaufte er Patente für öko-freundliche Hausisolierung und baut ganze Siedlungen. Auch als Stifter tritt Murmann zunehmend in Erscheinung. Schon als Verbandspräsident hatte er die Stiftung der Deutschen Wirtschaft mit dem nach ihm benannten Studienförderwerk aufgebaut. Es betreut heute rund 1000 besonders leistungsstarke, engagierte Studenten und Promovierende. Darauf sei er besonders stolz, sagt Murmann. Er habe keine Scheu vor dem Elitebegriff.

Zu den neuesten Projekten zählt die "Murmann Business School" in Kiel. Angehende Führungskräfte sollen an der neuen Hochschule von Herbst 2007 an eine besondere Ausbildung für den Einsatz in aller Welt erhalten. Der Unternehmer steuert für zunächst sieben Jahre insgesamt 3,5 Millionen Euro zum Projekt bei.

Dass die Schule in Kiel angesiedelt ist, habe nicht nur mit dem renommierten Institut für Weltwirtschaft in der Nachbarschaft zu tun, erzählt der passionierte Segler, dem die Rennyacht "Uca" gehört. Die Studenten sollen auch die Gelegenheit zum Hochsee-Segeln bekommen: "Nirgends kann man Teamfähigkeit besser erlernen als auf See."

Christof Bock, dpa