Gründer-Kolumne Gründerklima 2.0

Vor knapp vier Jahren lag die deutsche Gründerszene am Boden. Besonders die Start-ups der Net Economy gerieten mit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes unter die Räder. Inzwischen ist der Pessimismus jedoch verflogen - es wird wieder gegründet. Sogar das Internet als Geschäftsplattform ist seit der Web 2.0-Diskussion rehabilitiert.

Es geht also offensichtlich aufwärts – nicht nur für Geschäftsmodelle im Internet. Das Gründungsklima in Deutschland wird dabei neben den allgemein guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insbesondere von fünf direkten Einflüssen positiv geprägt.

Zu diesen Einflüssen ist zum einen die Haltung der Deutschen zum Unternehmertum zu zählen. Aber auch die Ausbildungsinfrastruktur für Unternehmensgründer, die deutsche Förderlandschaft, sowie die Aktivitäten von Business Angels und von Venture Capitalisten gehören hierzu. Sechs Thesen sollen das neue Gründungsklima 2.0 konkretisieren.

These 1:
Mancher steht dem Risiko einer Gründung zwar immer noch skeptisch gegenüber – Deutsche sehen das Unternehmertum aber zwischenzeitlich weit positiver als noch vor wenigen Jahren

Immer noch gibt mehr als die Hälfte aller Deutschen die Angst vor dem Scheitern als den wesentlichen Grund an, aus dem auf eine Unternehmensgründung verzichtet wird. Dieser Befund mag auf den ersten Blick erschrecken; im internationalen Vergleich stellt sich Deutschland mit dieser Haltung als eines der Länder dar, dessen Bürger am stärksten nach Sicherheit streben.

Sicherlich kann sich an dieser Haltung noch einiges verbessern – anders herum betrachtet, ist Deutschland zumindest jedoch schon einmal soweit gediehen, dass jeder Zweite in diesem Land eben keine Angst mehr vor dem Scheitern hat und durchaus bereit ist, aus eigenem Antrieb etwas zu bewegen.

Und im Gegensatz zu den 70er Jahren, in denen Unternehmensgründer oftmals als Exoten wahrgenommen wurden, die aus unerfindlichen Gründen auf eine Konzernkarriere verzichteten, wird heute vielfach erkannt, dass Gründer und Unternehmer nicht allein nach schnödem Profit streben, sondern eben auch positive Gestalter und Veränderer sind, die freiwillig in sozialer Verantwortung stehen. Auch die diesjährige Verleihung des Friedensnobelpreises an einen "sozialen" Unternehmer wird sicherlich weiter zu einem verbesserten Unternehmer- und Gründerbild beitragen.

Gründerausbildung in der Schule

These 2:
Ausbildung von Unternehmensgründern an Hochschulen findet inzwischen in einer ernstzunehmenden Größenordnung statt – jetzt müssen auch die Schulen folgen

Entrepreneurship-Ausbildung an Hochschulen ist ein geeignetes Instrument, eine positive Haltung zu Unternehmensgründung zu schaffen sowie mehr und bessere Gründer hervorzubringen. Seit den späten 90er Jahren haben mehr als 50 Entrepreneurship-Professoren ihren Dienst an deutschen Hochschulen angetreten – Ergebnisse aus anderen, früher gestarteten Ländern zeigen, dass eine derartige Ausbildungsinfrastruktur mittelfristig durchaus Unternehmensgründungen in erheblichem Ausmaß bewirken kann.

Gründerausbildung sollte jedoch idealerweise bereits während der Schulzeit beginnen, denn Entrepreneurship kann nicht nur gelehrt werden, sondern ist auch eine Geisteshaltung, die möglichst früh verankert werden muss. Wenn bereits Schüler Unternehmertum lernen, dann wird dies auch das Unternehmerbild der nächsten Generationen positiv prägen. Initiativen wie die Gründung von Schülerunternehmen in Form von SGmbHs und SAGs sind daher uneingeschränkt zu begrüßen. Für die Zukunft wäre jedoch eine Verankerung der Gründerausbildung in den Lehrplänen an zentraler Stelle wünschenswert, sodass nicht nur ohnehin schon interessierte Schüler mit Unternehmensgründungsthemen in Berührung kommen.

These 3:
Förderung von Unternehmensgründern findet auf einem außerordentlich hohen Niveau statt – die breite Unterstützung für Gründungen aus der Arbeitslosigkeit prägt dabei ebenfalls Hochpotenzial-Unternehmensgründungen

Deutschland kann auf eine außergewöhnliche Förderinfrastruktur verweisen. Das belegen internationale Vergleichsstudien, in denen sowohl Anzahl als auch Qualität der staatlichen Programme regelmäßig dafür sorgen, dass Deutschland auf den vorderen Plätzen rangiert. Sei es Ich-AG, Überbrückungsgeld oder Gründungszuschuss – gerade die Unterstützung von Unternehmensgründungen aus der Arbeitslosigkeit sorgt für eine breite Wahrnehmung des Gründungsthemas in der Öffentlichkeit und strahlt damit auch positiv auf Hochtechnologiegründungen aus.

"Existenzsicherer" sind dabei keinesfalls so schlechte Unternehmensgründer wie oftmals angenommen. Aktuelle Studien zeigen beispielsweise, dass dieser Gründertyp sich mindestens genauso lange am Markt hält wie Unternehmensgründer, die eine echte Marktchance verfolgen. Derartige Förderung macht folglich Sinn und hat zur Folge, dass auch Gründer mit viel Potenzial verstärkt über Unternehmensgründung nachdenken. Diese sind dann sicherlich eher Kandidaten für eine Förderung durch den Hightech-Gründerfonds.

Der Fonds schließt erfolgreich die in den letzten Jahren entstandene Finanzierungslücke im frühen Bereich der Unternehmensentwicklung. Bislang haben rund 60 Unternehmen aus erfolgversprechenden Zukunftsbranchen wie Computer und Software, Biotechnologie sowie Medizintechnik bis zu einer halben Million Euro an Kapital erhalten. Immer dann, wenn kaum oder keine Umsätze, wenige Sicherheiten, aber viel Potenzial vorhanden sind, kann sich der Hightech-Gründerfonds mit Kapital und aktiver Betreuung engagieren.

Business Angels auf dem Vormarsch

These 4:
Business Angels helfen, die frühe Finanzierungslücke zu schließen – und dies geschieht zunehmend professioneller

Zwar spielen Business Angels in Deutschland immer noch eine verhältnismäßig kleine Rolle, wenn man ihre absolute Anzahl mit der in den Vereinigten Staaten vergleicht. Dennoch ist ihr Einfluss auf das Gründungsklima nicht zu unterschätzen. Etliche Unternehmen erhalten ihr erstes Geld von einem Business Angel. Rund zwei Drittel aller Investitionen dieser privaten Investoren sind Erstfinanzierungen in junge Unternehmen.

Dem Business Angel Panel, das regelmäßig Stimmungen und Investitionsaktivitäten dieser Investorengruppe nachzeichnet, kann entnommen werden, dass diese die Geschäftslage und die Geschäftsaussichten seit Beginn des Jahres so gut wie noch nie einschätzen.

Dabei wird zunehmend professioneller agiert: Im Vergleich zu früheren Jahren werden nur noch kleinere Beträge investiert, dafür aber öfter und zunehmend zusammen mit anderen privaten Investoren, sodass sich das Risiko einer Investition in ein junges Unternehmen besser verteilt. Gleichzeitig wird verstärkt mit Venture Capitalisten kooperiert – eine Strategie, die für das mittel- bis langfristige Wachstum der betreuten Unternehmen unerlässlich ist.

These 5:
Venture Capital befindet sich wieder im Aufwind – das belegen erfolgreiche Exits und etliche neu aufgelegte Fonds

Eine funktionierende Venture-Capital-Branche ist von entscheidender Bedeutung für die Innovationsfähigkeit einer Volkswirtschaft, da gerade diese Investoren Geschäftsmodelle mit außerordentlichem Potential unterstützen. Erfreulich in diesem Zusammenhang ist, dass seit einigen Monaten wieder vermehrt von Börsengängen von Unternehmen berichtet werden, die von Venture Capitalisten auf den Weg gebracht wurden.

Die Überlebenden des "Shake-outs" auf dem Venture-Capital-Markt haben sich nicht nur weitestgehend stabilisiert – in zunehmendem Maße wird auch wieder erfolgreich Geld eingeworben, um neue Investitionen tätigen zu können. Der Staat tut ein Übriges – bestehende rechtliche Rahmenbedingungen werden gerade grundlegend novelliert; das bald zu erwartende Private-Equity-Gesetz schafft schon jetzt Hoffnung auf vermehrte Rechtssicherheit sowie klarere und wettbewerbsfähigere Regelungen auf dem Venture-Capital-Markt.

Web 3.0 steht vor der Tür

These 6:
Nach einem Web 2.0 kommt auch ein Web 3.0 – die Innovationszyklen in den neuen Branchen sind noch lange nicht am Ende und ermöglichen auch weiterhin die Umsetzung neuer Geschäftsideen

Unabhängig von neuen Innovationszyklen wie zum Beispiel den Web 2.0-Konzepten im Internet, stehen wir in vielen Branchen noch immer am Anfang des Marktlebenszyklus. So steht das Web 3.0 vielleicht schon vor der Tür, mit dem ein Wechsel vom Angebots- zum Nachfragermarkt verbunden sein könnte.

"Wer suchet, der findet", lautet ein altbekanntes Sprichwort – das allerdings in Bezug auf die Suche von passenden Produkten im Internet oftmals schon nicht mehr zutrifft. Hauptursächlich dafür ist die Angebotsflut in Datenbanken, die es dem Nachfrager aufgrund von Zeitaufwand und Reizüberflutung oftmals unmöglich macht, das passende und insbesondere individuelle Angebot zu finden.

Es kann immer öfter beobachtet werden, dass der Nachfrager zunehmend weniger Lust hat, sich in den Angebotswüsten im Internet zurechtzufinden. Der Trend für das Web 3.0 könnte daher (M)E-Business heißen. Der Forscher Andreas Weigend hat diesen Begriff ins Spiel gebracht.

Während er damit aber den sozialen Aspekt der Vernetzung in den Vordergrund stellte, kann der Begriff auch aus kommerzieller Sicht eine neue Perspektive öffnen. Hier wird dann der Kunde mit seinem individuellen Bedürfnis wieder in den Mittelpunkt gerückt. Es ist sein Bedürfnis ("Me"), welches elektronisch erfasst und befriedigt werden soll. Er möchte nicht lange und meist erfolglos in Datenbanken nach dem passenden Objekt suchen, er möchte direkt ein persönlich auf ihn zugeschnittenes Angebot haben.

Es wird also in Zukunft zunehmend wichtig sein, über Nachfrage-Erfassungsysteme noch näher am Kunden zu sein. Der Erste, der das Bedürfnis des Kunden kennt, kann auch ein Angebot unterbreiten. Man darf gespannt sein, welche neuen Konzepte hier am Markt zu beobachten sein werden, die dann auch Grundlage von neuen Unternehmen sein könnten.

Fazit

Das Gründen von neuen Unternehmen ist in vielen Bereichen wieder ein Thema geworden und das ist auch gut so. Potenzial für Neugründungen ist wieder ausreichend gegeben und die Eiszeit scheint hinter uns zu liegen. Gleichzeitig muss aber auch eine erneute Überhitzung im Gründerklima verhindert werden. Eine neue Spekulationsblase kann keiner gebrauchen.

Das Gründen von Unternehmen bleibt wie schon vor vier Jahren von zentraler Bedeutung für den Standort Deutschland. Da unsere Wirtschaft schon immer von Unternehmern geprägt wurde, darf sich dies auch in der Zukunft nicht ändern. Wir brauchen weiterhin Unternehmer und keine Unterlasser!

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