Mittwoch, 22. Mai 2019

Berliner Bankenskandal Zu schwach fürs Gericht, stark genug für den Marathon

Etwas mehr als vier Stunden brauchte der wegen Betrugs angeklagte Ex-Aubis-Manager Christian Neuling, um einen Marathon zu laufen. Eine bemerkenswerte Leistung für einen Mann, dessen Verfahren wegen körperlicher Schwäche ausgesetzt worden war. Neulings Ausdauerleistung könnte bedeuten, dass einer der größten deutschen Finanzskandale neu aufgerollt werden muss.

In Siegerpose: Christian Neuling beim Zieleinlauf des Berlin-Marathons.
Action Photo Europe
In Siegerpose: Christian Neuling beim Zieleinlauf des Berlin-Marathons.
Berlin - Nach der Teilnahme von Ex-Aubis-Manager Christian Neuling am diesjährigen Berlin-Marathon hat die Staatsanwaltschaft eine neue Begutachtung der Verhandlungsfähigkeit des 63-Jährigen beantragt. Das teilte Justizsprecher Michael Grundwald am Montag mit.

Aus gesundheitlichen Gründen hatte das Landgericht Berlin Ende April ein Verfahren gegen Neuling wegen Betrugs und versuchten Betrugs im Berliner Bankenskandal vorläufig ausgesetzt. Eine Amtsärztin hatte ihm attestiert, wegen körperlicher Schwäche nicht mehr in der Lage zu sein, dem Prozess zu folgen. Beim Berlin-Marathon Ende September hatte Neuling die gut 42 Kilometer lange Strecke in 4:26 Stunden zurückgelegt.

Neulings Rechtsanwalt Wolfgang Ziegler argumentierte, der Arzt habe seinem Mandanten die Teilnahme an dem Lauf aus therapeutischen Gründen empfohlen.

Prozess müsste völlig neu aufgerollt werden

Neuling stand gut zwei Jahre gemeinsam mit seinem Manager- Kollegen, dem früheren CDU-Politiker Klaus Hermann Wienhold, vor Gericht. Sie gelten als Schlüsselfiguren im Berliner Bankenskandal, der zu den größten Finanzskandalen in der deutschen Nachkriegsgeschichte zählt. Wienhold war bereits im März "aus physischen und psychischen Gründen" für verhandlungsunfähig erklärt worden.

Neuling (links), Wienhold: Einem Prozess nicht gewachsen?
Sollten die Ex-Aubis-Chefs genesen, müsste das Verfahren laut Strafprozessordnung völlig neu aufgerollt werden.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft sollen die beiden Geschäftsleute über ihre Immobilienfirma Aubis gemeinsam mit einem Leipziger Wärmelieferanten einen Millionenschwindel zum Schaden der Berlin Hyp, einer Tochter der damaligen Berliner Bankgesellschaft, eingefädelt haben. Neuling und Wienhold hatten die Vorwürfe bestritten.

Die beiden hatten mit der Firma Aubis tausende Plattenbauwohnungen gekauft und waren damit in große finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Millionenkredite der Berlin Hyp für Aubis und eine Parteispende von Wienhold und Neuling, die dem damaligen Hyp-Chef und Berliner CDU- Fraktionsvorsitzenden Klaus Landowsky übergeben wurde, lösten seinerzeit die Berliner Bankenaffäre aus. 2001 zerbrach darüber die große Koalition von CDU und SPD in Berlin.

manager-magazin.de mit Material von ddp

© manager magazin 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung