Demografischer Wandel Vorfahrt für Ältere

Die Eckpunkte für die Rente mit 67 stehen fest. Doch kann der Arbeitsmarkt das zusätzliche Potenzial an Arbeitskräften auch wirklich verdauen? Das Institut für Arbeitsmarktforschung fordert von Wirtschaft und Politik zügiges Handeln.
Von Martin Hintze

Nürnberg - Im Jahr 2030 werden zwei Effekte unglücklich zusammentreffen, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit: Bis dahin wird die Rente mit 67 aufgrund der schrittweisen Einführung voll zum Tragen kommen. Zeitgleich wächst aber auch die Zahl der hauptsächlich betroffenen 60- bis 66-Jährigen stark an. In der Summe ergibt das eine gewaltige Zunahme an älteren Arbeitskräften. Um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, müssten laut der IAB-Studie "Rente mit 67" zwischen 1,2 Millionen und rund drei Millionen Jobs zusätzlich entstehen.

"Es ist eine große Herausforderung für Wirtschaft und Politik, Arbeitsplätze für dieses zusätzliche Potenzial zu schaffen", sagt Johann Fuchs vom IAB. Zwar blicke die Untersuchung weit in die Zukunft, entsprechende Maßnahmen müssten allerdings jetzt ergriffen werden. "Um die Beschäftigungsfähigkeit Älterer zu fördern, sollten vor allem die Qualifikation und die Gesundheit der Arbeitnehmer verbessert und die Arbeitsplätze an die Bedürfnisse angepasst werden", so Fuchs.

Das Risiko, jenseits der 50 Jahre ohne Job dazustehen, ist besonders für Ungelernte hoch: Bereits heute ist nicht einmal jeder Vierte ohne Berufsabschluss im Alter von 60 bis 64 Jahre erwerbstätig. Dagegen sind es bei den Hochschulabsolventen zwei Drittel und bei den Meistern und Technikern mehr als die Hälfte.

Die Nürnberger Arbeitsmarktforscher betonen aber auch, dass man aufgrund der demographischen Entwicklung langfristig kaum um eine Anhebung des Rentenalters herumkommt. Nach IAB-Schätzungen wird das Erwerbspersonenpotenzial in den kommenden Jahren so stark sinken, dass auch eine hohe Zuwanderung und eine steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen den Einbruch nicht kompensieren können.

Die Unternehmen werden also auf ältere Arbeiter angewiesen sein. Gute Karten haben dann vor allem die Hochqualifizierten. So stellte auch Autobauer BMW  fest, dass trotz fünf Millionen Arbeitsloser in Deutschland der "Kampf um die Talente" längst entbrannt ist.

Die Einsicht, langfristig älteres Personal beschäftigen zu müssen, scheint auch in den Führungsetagen der Unternehmen angekommen zu sein. BMW beispielsweise rechnet damit, dass das Durchschnittsalter der knapp 80.000 Mitarbeiter in Deutschland in den kommenden zehn Jahren von derzeit 40 auf 45 Jahre ansteigen wird. Um ihre Arbeiter fit zu halten, richteten die Münchener eigens Fitnesscenter an den Werksstandorten ein. In ergonomische Arbeitsplätze investierte BMW am Standort München über 25 Millionen Euro.

Vorruhestand wird gestrichen

Vorruhestand wird gestrichen

Beim Handelskonzern Metro  sind heute ein Viertel der Belegschaft 50-jährig oder älter, was einer Gesamtzahl von knapp 34.000 Mitarbeitern entspricht. "Wir sind dem personalpolitischen Ziel verpflichtet, ältere Arbeitnehmer grundsätzlich im Unternehmen zu halten und bei Neubesetzungen lebensältere Kandidaten gleichberechtigt mit zu berücksichtigen", sagt Metro-Personalleiter Jürgen Pfister. Ergebnis: Von den rund 10.000 Mitarbeitern, die im vergangenen Jahr eingestellt wurden, waren immerhin 530 älter als 50 Jahre - Tendenz steigend.

Wie so viele Unternehmen baut auch der Konzern, zu dem Ketten wie Saturn, Media Markt oder Extra gehören, Modelle der Altersteilzeit oder der vorzeitigen Verrentung ab. Im Zuge dieser Maßnahmen ist nach Unternehmensangaben die Anzahl der neuen Altersteilzeitfälle im Zeitraum 2004 bis 2005 um über 60 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2006 wird ein weiterer Rückgang der neuen Altersteilzeitfälle um 46 Prozent gegenüber Vorjahr erfolgen. "Uns ist es gelungen, die Zahl der jährlichen Altersteilzeiten auf wenige begründete Einzelfälle zu reduzieren", sagt Pfister. Diese entsprächen einem Anteil von 0,7 Prozent aller über 50 jährigen Mitarbeiter.

Die Förderung Älterer ist jedoch nicht ausreichend, sagt das IAB. Insgesamt müssten mehr Arbeitsplätze entstehen, damit das zusätzliche Potenzial an älteren Arbeitskräften ohne Verdrängung Jüngerer unterkommt.

Die Bundesregierung will ein Kombilohnmodell

Die Bundesregierung sieht sich durch die IAB-Studie bestätigt. "Parallel zur Rente mit 67 müssen die Berufschancen für ältere Arbeitnehmer verbessert werden, und genau das wird mit der Initiative 50Plus geschehen", sagt ein Sprecher von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD).

Ein Instrument der "Initiative 50Plus" ist der Kombilohn für Menschen ab 50 Jahren: Bezieher von Arbeitslosengeld I sollen möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden, auch wenn sie dann weniger verdienen. Deshalb sollen ältere Arbeitslose, die eine Beschäftigung mit einem niedrigeren Nettoentgelt als vor ihrer Arbeitslosigkeit aufnehmen, einen teilweisen Ausgleich für die Lohneinbußen bekommen.

Vor unbefristeten und flächendeckend eingeführten Kombilöhnen nach dem Prinzip Gießkanne warnt jedoch das Nürnberger Forschungsinstitut. Diese würden hohe Kosten und beträchtliche Mitnahmeeffekte zur Folge haben. Entscheidend sei der zielgerichtete und flexible Einsatz der Lohnsubventionen, betont das IAB.

Die Einzelheiten der Initiative will die Bundesregierung zu Beginn nächsten Jahres weiter konkretisieren. Nach einer erneuten Beratung im Kabinett werde dann das parlamentarische Verfahren in Gang gebracht, heißt es aus dem zuständigen Ministerium. Es wird also noch einige Zeit vergehen, bis die Maßnahmen greifen - Zeit, die die Betroffenen nicht haben.

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