WTC Silverstein und die ewige Baustelle

Jahrelang hatte der Immobilienmogul Larry Silverstein, Pächter des zerstörten World Trade Centers, mit den Versicherungen um die Höhe der Schadenssumme gerungen. Nun wurde ein endgültiges Urteil gefällt. Ob mit Auszahlung der Milliarden der Stillstand am Ground Zero ein Ende findet, scheint trotzdem fraglich.

New York - Ein Berufungsgericht in den USA hat im Streit um die Höhe der Versicherungssumme des bei Terroranschlägen zerstörten World Trade Centers (WTC) die Entscheidung zweier anderer Gerichte bestätigt.

Das Berufungsgericht legte nun fest, dass die Interpretation über die Zahl der Schadensfälle nicht angefochten werden kann. Damit wurde einerseits die Rechtsauffassung von Swiss Re  bestätigt, deren Vertrag von einem einzelnen Schadensereignis ausgeht. Andererseits muss die Allianz  nunmehr für zwei Schadensfälle aufkommen.

Der Pächter des WTC, Larry Silverstein, wird insgesamt 4,6 Milliarden Dollar von den Versicherungskonzernen einstreichen. Silverstein hatte argumentiert, dass es sich um zwei Anschläge gehandelt und er damit ein Anrecht auf insgesamt sieben Milliarden Dollar habe.

Terroristen der al-Qaida-Gruppe hatten am 11. September 2001 zwei Flugzeuge gekapert und in die Hochhäuser im Finanzdistrikt an der Südspitze Manhattans gelenkt. Die beiden Türme des World Trade Centers stürzten innerhalb weniger Stunden ein. 3000 Menschen kamen ums Leben.

Im April 2004 hatte ein Geschworenengericht entschieden, dass verschiedene Versicherungsunternehmen, unter ihnen auch die Swiss Re, Verträge unterzeichnet hätten, die die Zerstörung als ein einzelnes Ereignis ansahen. Sie zeichnen insgesamt 1,8 Milliarden Dollar der Gesamtschadenssumme.

Im Dezember 2004 hatte ein weiteres Geschworengericht festgestellt, dass in neun anderen Verträgen die Sprachregelung festlegte, dass es sich um zwei unterschiedliche Schadensfälle handelt. Zu den betroffenen Versicherern gehört auch die Allianz Global Risks US Insurance, eine Tochter des deutschen Versicherers Allianz. Dieses Urteil bedeutet, dass Silverstein zusätzlich 1,1 Milliarden Dollar erhält. Daraufhin hatten Anwälte beider Seiten Berufung eingelegt, um festzustellen, welche Interpretation die richtige ist.

Von dem nun gefällten Urteil profitiert vor allem die Swiss Re. Der Schweizer Rückversicherer hätte Silverstein bei einer Niederlage etwa 1,7 Milliarden Dollar zahlen müssen. Die Allianz dagegen ist der Verlierer des Verfahrens. Die Versicherung sieht jedoch keine zusätzlichen Belastungen auf sich zukommen. "Finanziell gibt es keine negativen Auswirkungen. Wir haben schon ausreichend Rückstellungen gebildet", sagte ein Sprecher des Münchener Konzerns. Mit insgesamt 1,5 Milliarden Euro hat sich die Allianz gegen die Anschläge abgesichert.

Dauerstreit am Ground Zero

Dauerstreit am Ground Zero

Am Ground Zero selbst aber geht es auch fünf Jahre nach den Anschlägen nicht voran. Verantwortlich dafür ist unter anderem Silverstein. Denn der zankt sich seit dem 11. September 2001 nicht nur mit den Versicherungen, sondern auch mit allen Beteiligten um die Details des Projekts Ground Zero.

Zuletzt wollte Silverstein den Mietpreis bei dem Besitzer des Grundstücks, der New Yorker Port Authority, drücken. Die Behörde ist unterdessen misstrauisch geworden, ob es richtig war, Silverstein die Hoheit über das gesamte Projekt zu übertragen und versucht, einen Teil der Bebauung wieder in die eigenen Hände zu bekommen.

Auch die Stadt New York wird immer skeptischer: Sie befürchtet, der Baumagnat würde alle verfügbaren Mittel aufbrauchen und ein halbfertiges Projekt sowie leere Kassen hinterlassen. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg warf Silverstein unter anderem vor, er habe die benötigte Bausumme gar nicht und wolle sich nur bereichern.

Dem aktuellen Streit vorangegangen war eine Auseinandersetzung um die Gestaltung des Freedom Towers, der im Zentrum des Ground Zero entstehen soll. Eine internationale Jury hatte sich im Februar 2003 für den Entwurf des Berliner Stararchitekten Daniel Libeskind entschieden. Silverstein bemängelte jedoch zu geringe Bürokapazitäten und ließ die Pläne von eigenen Architekten umfassend überarbeiten. Das nun entstehende Gebäude hat mit der Idee von Libeskind zwar nicht mehr viel zu tun, ist dafür aber selbst gegen Lkw-Bomben gefeit.

Mit einer Gesamthöhe von 541 Metern soll das Bauwerk das größte Hochhaus der Welt werden. Die Höhe entspricht genau 1776 Fuß - eine Anspielung auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776. Mit der Fertigstellung wird nicht vor 2010 zu rechnen sein. Die Baukosten wurden bislang auf etwa 1,5 Milliarden Dollar (1,24 Milliarden Euro) geschätzt, könnten durch die baulichen Veränderungen jedoch weiter steigen.

Unterdessen stehen auch die Architekten für die restlichen Gebäude fest: Vom Zeichentisch des Briten Norman Foster stammt der Entwurf für den Büroturm World Trade Center 2: Ein Bündel von vier schlanken Türmen, die jeweils mit einem Dach in Rautenform abschließen. Der Entwurf seines Landsmannes Richard Rogers für WTC 3 zeichnet sich durch diagonale Streben an den Außenseiten und vier lange Antennen auf den Ecken des Dachs aus. Das Design des Japaners Fumihiko Maki für den Büroturm WTC 4 erinnert ein wenig an die Zwillingstürme. Die geplante Gruppe sieht nach Meinung vieler New Yorker wie "ein Jazz-Quartett" aus. Ein weiterer Wolkenkratzer, WTC 5, soll an der Stelle des zerstörten schwarzen Turms der Deutschen Bank entstehen.

Silverstein selbst zeigt sich an dem Bau des Freedom Tower bisher nicht besonders interessiert. Die Kosten von 2,3 Milliarden Dollar solle doch lieber die Verkehrsbehörde übernehmen, so Silverstein. Er selbst will lieber die ertragreicheren Bürotürme bauen. Verständlich, denn alle Beteiligten rechnen schon heute damit, dass es schwer wird, das symbolträchtige Gebäude zu vermieten. Schließlich ist zu befürchten, dass der Freedom Tower nach Fertigstellung erneut Ziel von Terroristen sein wird.

manager-magazin.de mit Material von dpa und ap

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