Demografischer Wandel Erfahrung dringend gesucht

Immer mehr Arbeitgeber setzen auf die Expertise der Älteren. Statt Frühverrentung gilt für die über 50-Jährigen: zurück ins Büro. Waren der Autozulieferer Brose und BMW vor wenigen Jahren noch Vorreiter, springen nun auch mittelständische Unternehmen auf den Zug auf.

Hamburg - Über Jahre haben Unternehmen auf junge Mitarbeiter gesetzt und ältere Arbeitnehmer lieber früher als später nach Hause geschickt. Inzwischen hat in vielen Firmen ein Umdenken eingesetzt: Fachwissen und Erfahrung der über 50-Jährigen, die sonst mit Frühverrentung verloren gingen, sind wieder gefragt.

Einer der Gründe ist der demografische Wandel, der die Personalchefs zum Umdenken zwingt. "Spätestens in einigen Jahren, wenn Vertreter der geburtenarmen Jahrgänge ihr Studium abgeschlossen haben, wird der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs deutlich", sagt Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.

Der Lücke bei jungen Arbeitskräften steht eine große Zahl von Rentnern gegenüber, die über ein umfangreiches Fachwissen verfügen und auch im Alter neue Herausforderungen suchen. Allein auf dem Internetportal "Erfahrung Deutschland" bieten derzeit etwa 2000 rüstige Senioren ihre Fachkenntnisse an.

Geld ist zweitrangig

Einer von ihnen ist Dieter Ringer. "Nach zwei Jahren Ruhestand habe ich alle Reisen gemacht und alle Bücher gelesen", sagt der frühere Geschäftsführer einer Werbeagentur. Jetzt berät der 64-Jährige vorübergehend eine IT-Firma bei deren Expansion. Dass er mit seinen kurzen, befristeten Einsätzen jungen Leuten Arbeitsplätze wegnimmt, bestreitet der vitale Senior. Er trete nicht an, um Leute freizusetzen, sondern bestehendes Personal stärker zu machen. "Meine Karriere habe ich schon lange hinter mir."

"Den Ruheständlern geht es weniger um Geld, als um das Gefühl, gebraucht zu werden", sagt Steffen Haas, der das Onlineportal vor sieben Monaten ins Leben rief. Bis Jahresende rechnet er mit 5000 Vermittlungswilligen, deren Kontaktdaten sich Unternehmen gegen Bezahlung freischalten lassen können. Die Arbeitsverträge handeln Firmen und die Senioren dann unter sich aus.

Mittelstand setzt auf Erfahrung

Mittelstand setzt auf Erfahrung

Gänzlich auf Bezahlung verzichten dagegen die Mitarbeiter des Bonner Senior Experten Service (SES), die rund um den Erdball tätig sind. "Seit unserer Gründung vor über 20 Jahren haben wir etwa 16.000 Einsätze vor allem bei kleineren und mittelständischen Unternehmen organisiert", sagt Julia Haun vom SES. So half etwa der 62 Jahre alte frühere Speditionskaufmann Volker Deising das Marketing einer Brandenburger Logistikfirma zu verbessern.

Wie wichtig das Wissen und die Erfahrung älterer Arbeitskräfte besonders bei weniger großen Firmen sind, zeigt eine von der "Deutschen Senioren Liga" in Auftrag gegebene Studie. Die Hälfte der 400 befragten Unternehmen aus dem Mittelstand fühlt sich schlecht auf den demografischen Wandel vorbereitet. Gleichzeitig schätzten die Firmen Zuverlässigkeit, Verantwortungsgefühl und soziale Kompetenz bei älteren Mitarbeitern deutlich höher ein als bei jüngeren.

Zudem ergab die Untersuchung, dass bereits jedes zweite Unternehmen die Daten langjähriger Mitarbeiter erfasst, um diese nach ihrem Ausscheiden um Rat fragen zu können. Aber auch Großkonzerne wie Siemens  oder das Pharmaunternehmen Pfizer  setzen auf den befristeten Einsatz ehemaliger Angestellter. "Dabei handelt es sich um Führungskräfte, die uns mit ihrem fachlichen Know-how oder ihrer interkulturellen Kompetenz bei bestimmten Projekten mit Rat und Tat zur Seite stehen", sagt Siemens-Sprecher Michael Scheurer.

Bosch gründete eigene Tochterfirma

Der Stuttgarter Technikkonzern Bosch  hat vor sieben Jahren sogar eine eigene Tochter gegründet, die für die Rekrutierung von Mitarbeitern zuständig ist. Laut einer Unternehmenssprecherin würden sich die Aufträge in diesem Jahr seit 2002 mehr als versechsfachen. Derzeit seien 300 Ruheständler im Alter zwischen 60 und 72 Jahren in der Kartei registriert.

Für ihre ein- bis fünfwöchigen Einsätze, von denen knapp ein Drittel im Ausland stattfinden, bekommen die ehemaligen Manager und Fachkräfte ein Tageshonorar von 300 bis 800 Euro. Die Hauptmotivation sei aber die Bindung zur Firma und die Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit, so die Sprecherin. "Das Geld ist nur eine schöne Nebensache."

Jenny Tobien, dpa

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