Personalberatung TÜV für Headhunter

Müssen sich Personalvermittler nach einer Norm zertifizieren lassen, um sich von den schwarzen Schafen der Branche abzugrenzen? Das Personalberatungsunternehmen Mercuri Urval hat seinen gesamten Auswahlprozess vom TÜV prüfen lassen - ein bislang ungewöhnlicher Schritt. Doch in der Branche herrscht große Skepsis.
Von Simon Hage und Rita Syre

Frankfurt am Main - Nach der Norm DIN 33430 hat der TÜV Rheinland das Personalberatungsunternehmen zertifiziert. Das bedeutet: Wenn Mercuri Urval für seine Kunden Personal auswählt, wendet es normkonforme Verfahren an.

Was zunächst nach Bürokratie und Juristendeutsch klingt, wird die Branche mit ihren etwa 2000 Personalberatungsunternehmen nach Ansicht von Albert Nußbaum in Aufregung versetzen. "Wir haben die Messlatte für die Personalberatung erheblich höhergelegt", sagt der Deutschland-Geschäftsführer des 1967 in Schweden gegründeten Unternehmens selbstbewusst. Mercuri Urval deckt das Deutschland-Geschäft mit 80 Mitarbeitern ab.

Die DIN-Norm ist im Jahr 2002 von einem Kreis aus Wissenschaftlern und Fachleuten nach jahrelanger Ausarbeitung veröffentlicht worden. Sie bezieht sich auf den kompletten Auswahlprozess von der Stellenbeschreibung über Anforderungsanalyse und eignungsdiagnostische Testverfahren bis hin zur Qualitätskontrolle der Entscheidungsregeln.

Ein Beispiel: Personalberater, die gemäß der Norm handeln wollen, müssen vorab genau definieren, welche Fähigkeiten der Gesuchte besitzen muss - und nach welchen Kriterien sie den Kandidaten beurteilen. Ist Einfühlungsvermögen gefragt, Durchsetzungsfähigkeit oder am besten beides? Wie lassen sich die erwünschten Fähigkeiten am besten erkennen?

Ziel der Normierung: Personalauswahl darf kein Fischen im Nebel, keine Entscheidung nach Bauchgefühl, Sympathie und eigenem Gutdünken sein. Stattdessen sollen Entscheidungsprozesse nach standardisierten Schemata erfolgen, die objektiv, nachvollziehbar und wiederholbar sind.

Mit Hilfe der Norm ist es für die Unternehmen laut Nußbaum möglich, sich der Qualität ihrer Berater zu versichern, was auch mit Blick auf das im August in Kraft getretene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von Interesse sei.

Zahlreiche Personalberater haben sich bereits zertifizieren lassen. Dass sich ein ganzes Unternehmen ein Zertifikat für seinen Auswahlprozess ausstellen lässt, ist nach Auskunft von Mercuri Urval hingegen neu. Zunächst gilt die Bescheinigung drei Jahre lang. Nachdem die Halbzeit dieser Frist abgelaufen ist, muss Mercuri Urval sich nochmals vom TÜV überprüfen lassen.

Vollmundig spricht Nußbaum nun von einer Kampfansage an die in Deutschland gängige "Personalauswahl nach Gutsherrenart" und von zweifelhaften Methoden und Verfahren der Personalberatung, die eher "privatreligiösen Charakter" besäßen. Nur so sei es zu verstehen, dass die Zertifizierung der Personalberatungsunternehmen so lange auf sich habe warten lassen.

In der Branche herrscht Skepsis

Nun werde aber auch im deutschen Personalberatungsmarkt das nachgeholt, was insbesondere in den USA schon längst gang und gäbe sei, nämlich eine Professionalisierung. Internationale Unternehmen wie der Mercuri-Urval-Kunde General Electric , die für ihre Tochtergesellschaften Personal in Deutschland suchen, würden bereits die Zertifizierung zur Bedingung einer Auftragsvergabe machen. "Das wird dazu führen, dass die Branche in den nächsten zwei bis drei Jahren ausgeschüttelt sein wird", prognostiziert Nußbaum.

Dagegen steht der Fachverband Personalberatung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) der Norm kritisch gegenüber: Es gebe kaum Auftraggeber, die von einem Personalberatungsunternehmen Normkonformität erwarteten, erklärt Fachverbandsvorsitzender Wolfgang Lichius. Im Gegenteil: "Unternehmen erwarten eine individuelle, auf ihre Wünsche zugeschnittene Dienstleistung." Systeme der Qualitätssicherung, so Lichius, gebe es ohnehin bei allen seriösen Personalberatungsunternehmen.

Auch ein namhafter Konkurrent übt deutlichen Widerspruch: Die Personalberatungsgesellschaft Rickert und Co. in Grünwald bei München will sich nicht an der DIN 33430 ausrichten und dadurch in ihrer Kreativität einschränken lassen: "Die Besetzung einer Top-Position in einem Unternehmen lässt sich nicht in eine Norm pressen", sagt Jürgen Buschmann, einer der drei geschäftsführenden Gesellschafter.

Sein Unternehmen will sich "mit Sicherheit nicht zertifizieren lassen". In einem so spezialisierten Personalberaterunternehmen wie Rickert und Co., das Suchaufträge für Toppositionen der ersten Führungsebene ausführt, "macht das überhaupt keinen Sinn". Für Buschmann stellt die Norm weniger einen Qualitätsnachweis dar, vielmehr einen gewaltigen bürokratischen Aufwand.

Diese Gefahr erkennt auch Christoph Aldering, Mitglied der Geschäftsleitung und Partner bei Kienbaum. Das Personalberatungsunternehmen, das ebenfalls in der Normenkommission vertreten war, verhalte sich bei seinen Auswahlprozessen zwar normkonform, weiche jedoch in einem Punkt ab: Eigentlich müsste der gesamte Auswahlprozess, um die Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten, peinlich dokumentiert werden. Doch dies halten die Kienbaum-Berater erstens für zu aufwendig. Zweitens besitze eine solche Dokumentation für die Personalauswahl, so Aldering, letztlich "wenig Relevanz".

Jedoch sieht Aldering auch Vorzüge der Norm: Sie sei "sehr hilfreich, um Wissen und hoffentlich auch Akzeptanz bezüglich eines sinnvollen und qualitativ angemessenen Personalauswahlprozesses zu verbreiten." Mehrere Kienbaum-Berater sind bereits zertifiziert, weitere sollen hinzukommen. Ob er selbst diesen Schritt tun werde, so Aldering, könne er allerdings noch nicht mit Sicherheit sagen.

Fest steht, auch Vermittler ohne Zertifikat wenden normalerweise standardisierte Auswahlprozesse an. Aldering: "Das tut ohnehin jeder seriöse Personalberater."

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