Intel-Chef Otellini Die Macht des Chip-Imperators bröckelt

Massenentlassungen, Marktanteilsverluste und Umsatzrückgänge: Paul Otellini, CEO beim Chip-Imperium Intel, gerät immer stärker in die Kritik. Mit seinen verunsicherten Mitarbeitern hat er zumindest eines gemeinsam: Sein Job ist bedroht.

Santa Clara - Auf viele Intel-Beschäftigte mag ihr Chef Paul Otellini einen mitleidlosen Eindruck machen: Einer, der - bildlich gesprochen - die Kettensäge anschmeißt, durch das Unternehmen rennt und alles absägt, was irgendwie Kosten verursacht. Vor wenigen Wochen entließ er rund 1000 leitende Angestellte. Damit nicht genug: Nun hat der Chipkonzern mitgeteilt, 10.500 Jobs - also etwa jeden zehnten Arbeitsplatz - zu streichen.

Dabei will der 55-Jährige doch nur kämpfen. Für das Unternehmen, in dem er seit mehr als 30 Jahren arbeitet. Zuletzt hatte Intel  Marktanteile an den Erzrivalen AMD verloren. Im zweiten Quartal 2006 brachen dann auch noch Überschuss und Umsatz im Vergleich zum Vorjahr ein.

So leicht gibt sich ein Paul Otellini nicht geschlagen - und erklärt: "Wir werden auch künftig die Chipfirma sein, die am meisten investiert." Ende Juli kündigte Intel an, zehn neue Mikroprozessoren auf den Markt zu bringen.

Paul Otellini ist einer, der sich stets durchgebissen hat. In einer streng katholischen Arbeiterfamilie ist er aufgewachsen. Sein Vater war Metzger. Otellini, ehemaliger Messdiener, hat Wirtschaftswissenschaften an der privaten Jesuiten-Universität in San Francisco studiert. Seinen MBA-Abschluss macht er 1974 an der renommierten University of California in Berkeley, die in dieser Zeit als Hort regierungskritischer Studenten gilt.

Otellinis Biografie spiegelt jedoch nicht das Bild eines aufrührerischen Revoluzzers wider, sondern eher das eines aufstrebenden Karrieristen. In Berkeley lernt er Andy Grove, einen der Intel-Gründer, kennen. Nach dem Abschluss steigt Otellini direkt bei dem Chiphersteller ein. Der Mittzwanziger befasst sich nun mit intelligenten Computergehirnen, nicht mit dem revolutionären Gedankengut von Studentenführern.

Beim Chiphersteller steigt er rasch auf, betreut bald die Beziehungen zu IBM  - eine bedeutende Position im Unternehmen. Denn IBM produziert in dieser Zeit massenhaft PCs und baut darin Intel-Mikroprozessoren ein.

1989 wird Otellini technischer Assistent des Intel-Chefs Andy Grove, ein Jahr später Chef des Mikroprozessorenbereichs. Von 1993 an ist er für die Einführung des Pentium-Chips verantwortlich. Nach weiteren Zwischenstationen erklimmt Otellini im Mai 2005 die Konzernspitze. Und seither läuft so einiges schief.

Diskretion beim Privatleben

"Ist Otellini wirklich der richtige Mann an der Spitze des größten Halbleiterkonzerns?" fragte der Merrill-Lynch-Analyst Joe Osha im Frühjahr lapidar. Seiner Ansicht nach greife Otellini einfach nicht hart genug durch.

Sowas hört sich einer wie Otellini nicht gern an. Lieber präsentiert er sich als zupackender Sanierer, der keinerlei Furcht vor unpopulären Entscheidungen kennt. Sein Plan: Die Kosten sollen drastisch sinken, ältere Chips billiger verkauft und neue Designs in kürzeren Abständen entwickelt werden.

Menschen, die Otellini getroffen haben, empfinden ihn jedoch gar nicht als eiskalten Sanierer oder rücksichtslosen Polterer - eher als eisernen Gentleman. Er gilt als umgänglich und verbindlich. Angenehm wird auch seine Zurückhaltung in der Öffentlichkeit empfunden: In der Yellow Press findet man kaum etwas über das Privatleben des Chip-Imperators.

Bekannt ist: Der Familienvater Otellini reist gerne, hat seine Geburtsstadt San Francisco jedoch noch nie für längere Zeit verlassen. Er entspricht dem Stereotypen des Amerikaners, der seine Heimat und seine Familie liebt.

In dieses Klischee passt auch der unbedingte Erfolgswille: Wenn es der Unternehmenserfolg erfordert, so das Credo, dann müssen eben 10.500 Beschäftigte vor die Tür gesetzt werden. Doch bleibt der Erfolg dann aus, könnte auch die beachtliche Laufbahn des Paul Otellini bald ein Ende finden.